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Die Löwin von Aspern

1945 1960 1980 2000 2020

seit 20 Jahren sammelt Helga tippel in ihrer Pfarre spenden für ukrainische Kinder. nie war ihr Engagement so wichtig wie jetzt.

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seit 20 Jahren sammelt Helga tippel in ihrer Pfarre spenden für ukrainische Kinder. nie war ihr Engagement so wichtig wie jetzt.

Helden hat Aspern im Laufe der Geschichte so einige hervorgebracht. Hier stoppte die österreichische Armee 1809 den Siegeszug von Napoleons Truppen. Hier erinnert ein überlebensgroßer Sandstein-Löwe an die Gefallenen der berühmten Schlacht. Und hier lebt Helga Tippel, bald 77, die seit 20 Jahren dafür kämpft, dass notleidende Kinder in der Ukraine wieder positiv in die Zukunft schauen können.

Hier, im Südosten Wiens, wo Gemüsefelder und Einfamilienhäuser das Stadtbild prägen, ist Frau Tippel geboren. Ihre Mutter führte ein Schuhgeschäft an der Hauptstraße. Bis auf einen kurzen Ausflug nach Hernals hat Helga Tippel ihr ganzes Leben in Aspern gewohnt. Hier pflegte sie ihre kranke Mutter, zog ihre zwei Kinder groß, hütet heute ihre fünf Enkelkinder. Hier bringt sie sich in der Pfarre St. Martin ein, mit so viel Eifer, dass wirklich jeder sie kennt. Ihre Hartnäckigkeit macht Helga Tippel zur erfolgreichsten Spenden-Eintreiberin Asperns.

Was 1995 mit einer kleinen Caritas-Kooperation begann, die unter dem Namen "Tschernobyl-Aktion" 41 ukrainischen Kindern einen Ferienaufenthalt in Österreich ermöglichte, hat sich in den letzten 20 Jahren zu einer fruchtbaren Partnerschaft ausgewachsen: Im Vorjahr gelang es Helga Tippel, 45.000 Euro für Caritas-Sozialprojekte in der Ukraine zu sammeln.

"Haus Aspern" am Stadtrand von Kiew

Ortswechsel nach Kiew, die Hauptstadt der Ukraine. Was in Wien die Donau, ist dort der Dnepr. An seinem westlichen Ufer liegt - wie in Wien - das historische Stadtzentrum. Östlich des Flusses ist auch Kiew eher flach. Erst im 20. Jahrhundert wurde das linke Flussufer städtebaulich erschlossen. Hier liegt der Bezirk Darnitsa, der nicht nur durch seine Geografie Gemeinsamkeiten mit Aspern hat. Denn hier, im südöstlichen Eck Kiews, steht ein Haus, das den Namen des Wiener Stadtteils trägt. Mitverantwortlich dafür ist: Helga Tippel.

Geleitet wird das "Haus Aspern" von Vera Koshil, 46. Ihr Zentrum ist eine Anlaufstelle für Kinder in Not. Manche kommen direkt von der Straße ins Zentrum, andere sind Sozialwaisen, die zwar Eltern haben, von ihnen aber nicht versorgt werden können. Dreißig Mädchen und Buben haben hier Platz zum Schlafen, bekommen warme Mahlzeiten, frische Kleidung und die Möglichkeit, ein Bad zu nehmen. Ein Arzt, eine Psychologin, eine Lehrerin und Sozialarbeiterinnen sind für die Kinder da. Hier können die Mädchen und Buben zur Ruhe kommen, dann wird nach weiteren Perspektiven gesucht: Die Rückkehr in die Familie, eine Pflegefamilie oder ein Ausbildungsplatz. Das Haus gehört zum "Fonds Aspern", dem Vera Koshil als Präsidentin vorsteht und der eine Partnerorganisation der Caritas ist.

Seit Mitte der 90er-Jahre ist die Ukraine ein Schwerpunktland der Auslandshilfe der Caritas Österreich. 50 Projekte im ganzen Land werden derzeit unterstützt, der Fonds Aspern ist eines davon. Das Geld dafür kommt aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit und privaten Spenden. Aus jenen etwa, die Helga Tippel auftreibt. Mit ihrem Beitrag, heißt es von Seiten der Caritas, kann ein Großteil der Sachkosten im Kinderzentrum "Haus Aspern" gedeckt werden. Der Name ist also verdient.

Zurück ins Wiener Aspern: Der Löwe hält Winterschlaf unter Holzplanken, damit die rauhe Witterung dem Sandstein nicht zusetzt. Auch Frau Dippel ist um diese Jahreszeit dick eingepackt, nur ein paar blonde Locken schlupfen unter ihrem Hut hervor. An Ruhe ist aber nicht zu denken, für sie ist die Zeit vor Weihnachten die aktivste im Jahr: Gerade ist die Nikolaus-Aktion abgeschlossen, ein Benefiz-Konzert steht noch aus. Die Punschhütte vor der Kirche ist im Advent jeden Tag geöffnet. Außerdem hat Frau Tippel mit anderen Engagierten kleine Erdäpfel-Sackerl vorbereitet, die nach der Messe gegen eine Spende von 3 Euro ausgegeben werden. Das Geld, das über all diese Kanäle zusammenkommt, bekommt die Caritas, die es an den Fonds Aspern weitergibt.

Daneben häufen sich bei Frau Tippel daheim die Sachspenden. "Durch unser Vorzimmer passt nur mehr der Chihuahua, so voll ist es", lacht sie. Daheim stapeln sich Bananenkisten voller Kleidung, Spielzeug, Werkzeuge. Seit einiger Zeit organisiert Tippel regelmäßig private Sachtransporte nach Kiew, um Vera Koshil und die Familien, die sie betreut, zusätzlich zu den Caritas-Geldspenden zu unterstützen.

Soziale Basisarbeit gegen alle Hindernisse

Bei der sozialen Basisarbeit, die Helga Tippel seit 20 Jahren betreibt, macht sie ähnliche Erfahrungen wie große Hilfsorganisationen, die deshalb etwa von Hilfstransporten abgekommen sind. Sie muss sich über Zollbestimmungen und Einfuhrbeschränkungen ärgern, manchmal zittern, ob das Paket gut am Ziel ankommt.

Auch daheim stößt sie manchmal auf Widerstand. Immer wieder wird ihr vorgeworfen, sich zu wichtig zu machen. "Die Tippel ist schon wieder in der Zeitung, schimpfen die dann", erzählt sie. Andere meinen, langsam sei es genug - nach 20 Jahren spenden müsse auch einmal Schluss sein. Dass Helga Tippel nicht einmal nachdenkt darüber, das Handtuch zu werfen, liegt an der guten Zusammenarbeit mit Vera Koshil. An der Unterstützung durch ihre Kinder und ihren Mann, der auch selbst Kisten schleppt. Und daran, dass sie weiß, dass ihre Hilfe in Kiew vielleicht nie so dringend gebraucht wurde, wie derzeit.

1500 Flüchtlingskinder im Bezirk

In Kiew ist zwar kein Krieg, aber die Krise in der Ukraine hat auch in der Hauptstadt Spuren hinterlassen. Seit dem Sturz der Regierung im Februar, der Abspaltung der Halbinsel Krim und dem Beginn der Kampfhandlungen im Osten des Landes ist das ohnehin fragile soziale Gefüge des Landes zerrüttet. "Alleine in unserem Bezirk Darnitsa leben zurzeit 1500 Kinder, die aus dem Osten des Landes flüchten mussten", erzählt Vera Koshil. "Sie werden von Institutionen wie der Caritas und dem Fonds Aspern unterstützt." Doch die soziale Versorgung wird in der allgemeinen Krise schwieriger. "Der Gasverbrauch ist rationiert, deshalb können wir in unseren Sozialeinrichtungen nicht durchgehend einheizen", sagt Koshil. Dabei sind die Tage um diese Jahreszeit frostig kalt. Eine hohe Inflation treibt dazu die Preise für Lebensmittel, Schulsachen und Kleidung in die Höhe: "Vieles kostet hier mehr als in Österreich. Dabei ist die Durchschnittspension bei 60 Euro." Für die Unterstützung aus Aspern ist Vera Koshil daher in Zeiten wie diesen besonders dankbar.

Schon vor zwanzig Jahren, als die Kooperation zwischen der Pfarre Aspern, der Caritas und Kiew ihren Anfang nahm, arbeiteten Vera Koshil und Helga Tippel zusammen. Koshil suchte die Kinder aus, die für jeweils drei Wochen nach Österreich durften. Tippel war für die Familien in Aspern zuständig, bei denen die Kinder wohnten: "Es ist uns nicht darum gegangen, ihnen den goldenen Westen zu zeigen", erzählt Tippel heute, "sondern wir wollten ihnen etwas Erholung gönnen und die Erfahrung, in einer liebevollen Familie zu leben." Dreizehn Jahre lang wurde der Ferienaustausch organisiert. Viele Familien haben noch immer Kontakt mit ihren Gastkindern, die mittlerweile junge Erwachsene sind. Aus den guten Erfahrungen entstand das Bedürfnis, dauerhaft und vor Ort zu helfen - mit dem "Haus Aspern".

Obwohl es manchmal anstrengend ist, wird Helga Tippel nicht müde, weiter Pakete zu schnüren und Spenden zu sammeln: "Die Arbeit ist wichtig und wunderschön. Und ich habe wahnsinnig viel gelernt."

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