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Die Straße der „alten Klöster“

IN DER TIEFE UNDURCHDRINGLICHER Wälder sitzen wir auf der Terrasse des Klosters Sucevita beim Abendessen. Die junge, anmutige Schwester im Habit orthodoxer Nonnen reicht rosefarbigen Klosterwein und Mokka. In tadellosem Französisch beantwortet sie unsere Frage, wie es mit dem Klosterleben in der Volksdemokratie Rumänien bestellt sei: Die Klöster wurden nicht aufgehoben, müssen sich aber selbst erhalten und sind in der Moldau eine Art Gästehäuser des staatlichen Touristenbüros. Selbst im Winter, wenn hungrige Wölfe die quadratischen Wehrmauern des Klosters um-heulen, fehlt es nicht an Gästen. Sie machen Jagd auf das urtümliche, im übrigen Europa selten vorkommende Wild der Ostkarpaten, auf Bären, Wölfe, Luchse und kapitale Hirsche.

Der Ruf zum Abendgottesdienst, die Schläge auf die Simanträ, verhallen in der großen Stille der Wälder und langsam verblassen die bordeauxroten und metallgrünen Fresken der Kirche. Gleichsam am Ende der Welt erleben wir kostbare Zeugnisse hoher Kultur und Kunst: die moldauischen Freskenkirchen. Sie sind farbige Wunder und zählen zu den künstlerischen Seltenheiten unseres Kontinents. Wenn auch an einigen romanischen Kirchen in Südfrankreich und in Katalonien Außenfresken entdeckt und in Norditalien zur Zeit der Renaissance Häuserfassaden bemalt wurden, so haben sich davon nur wenige Spuren erhalten.

In der Moldau aber bedeckten anonyme Meister des 14., 15. und 16. Jahrhunderts nicht nur die Innenräume, sondern auch die Außenwände der Gotteshäuser vollständig mit leuchtenden Fresken. Das Geheimnis, die feinen Farben so mit dem Kalk zu vermischen und aufzutragen, daß sie in dem unwirtlichen, rauhen Klima der Ostkorpaten ihre Leuchtkraft unverändert bewahrten, nahmen die Meister mit ins Grab. Wir wissen nur, daß die Farben aus pflanzlichen Stoffen gewonnen wurden, daß das Blau aus Mesopotamien stammte und daß der als Wandverputz dienende Kalk drei Jahre vorher in Wassergruben gehalten wurde. Die Malergehilfen entfernten täglich das auf der Wasseroberfläche entstandene Häutchen und sorgten damit für die möglichste Reinheit des Materials.

Die Maltechnik allein, so sehr wir sie auch bewundern, ist nicht das Ergreifendste an den Fresken. Diese weitgespannten Kompositionen durchbrechen voll Pathos und Dyna-nvk byzantinische Ikonographie. Der „Moldaustil“ wurzelt im kretischen Zweig der byzantinischen Kunst, jenem Zweig, der als späte Blüte den Kreter Domenico Theotokopuli hervorbrachte, der in Spanien als El Greco Weltruhm erlangte. Noch waren den moldauischen Meistern die Gesetze der Perspektive unbekannt. Dennoch verstanden sie es, dank einer raffinierten Verteilung von Licht und Schatten, Tiefenwirkungen zu erzielen. In filmhafter Folge berichten die Bildtafeln vom Leben und Leiden Christi, der Heiligen und der Märtyrer. *

DIE KÖPFE DER GESCHMEIDIGEN Gestalten sind ausdrucksstarke Bildnisse zeitgenössischer Bojaren und Bauern sowie Selbstporträts der Maler. Prunkvolle fürstliche Kleidung und Bauerntrachten mit reich gestickten Ornamenten, wie wir sie noch heute, nach einem halben Jahrtausend, in der rumänischen Volkskunst finden, wechseln ab. So machen uns die zeitgeprägten Malereien das Loben jener fernen Epoche anschaulich. Das Hauptanliegen der Künstler aber war die Schilderung des Lebens im Jenseits, so wie sie es durch das Prisma der Ostkirche sahen. Die Engel werden meist nur als Kopf mit ausstrahlenden vier oder sechs Schwingen dargestellt. Die heiteren Gesichter der „Guten“ im Paradies strahlen Glück und Freude aus, die „Bösen“ in der Hölle erscheinen in Gestalt von Türken und Tataren. Niemals werden die Volkskünstler müde, in den Höllen-S“~“!en ihre satirische und humoristische Phantasie spielen zu lassen Teufelchen tragen höhnisch lachend die schlechten Taten in Butten auf

dem Rücken, Hexen und betrügerische Kaufleute werden drastisch bestraft. Da und dort werden auch weltliche Begebenheiten eingestreut, wie die Belagerung Konstantinopels auf der Seitenwand der Kirche in Vatra Moldovitei aus dem 16. Jahrhundert.

Die farbenfrohen Außenfresken sind ja nichts anderes als eine Biblia pauperum nach dem Worte Gregors des Großen: „Bilder sind die Bibel der Armen.“ An hohen Festtagen wurden die räumlich beschränkten Kirchen zu Versammlungsorten, zu Stätten der Entfaltung herrschaftlicher Pracht. Die Masse der herbeiströmenden Bauern fand meist nur auf dem Rasen vor der Kirche oder in den Klosterhöfen Platz. Um dem des Lesens und Schreibens unkundigen Volk die ihm unzugänglichen Evangelienbücher und den Gottesdienst zu ersetzen, kam man auf den Gedanken, die Außenwände mit Bildern zu schmücken.

Die Kirche von Sucevita, 1580 vom Fürsten Movile („Hügel“) erbaut, ist nicht die einzige Überraschung auf der „Straße der alten Klöster“. Die älteste Kirche des Gebietes, die Bogdanakirche in Radautz, vereint, wie alle späteren Gotteshäuser, in rührender Schlichtheit und Reinheit romanische, gotische und typisch moldauische Stilelemente, wie sie in unserer Zeit noch in den Bauernhäusern des moldauischen Hügellandes fortleben.

Der bedeutendste Kirchenstifter des 15. Jahrhunderts war Fürst Stefan der Große. Von Papst Sixtus IV. mit dem Titel „Streiter Christi“ ausgezeichnet, gründete er im Laufe seiner fast 50jährigen Regierungszeit nach jedem Sieg über die Türken eine Kirche oder ein Kloster. „Ich, Stefan, habe mit Hilfe des Hl. Geistes und St. Georgs über die Türken gesiegt“, kündet stolz eine Inschrift in der berühmten Kirche von Voronet. Dieses Kleinod moldauischer Kunst wurde 1493 in drei Monaten fertiggestellt und, nachdem es durch Kriege und Feuersbrünste verheert wurde, vom Nachfolger Stefans des Großen, dem Fürsten Petar Rares, 1547 erneuert und vergrößert. Die Westfassade zeigt das „Jüngste Gericht“ in origineller Deutung voller Verve und Dramatik, Bildnisse antiker Philosophen umrahmen auf der

Apsis und den Seitenwänden Szenen aus dem Leben der Heiligen und den Stammbaum Christi.

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IN DER VON IHM GESTIFTETEN Klosterkirche von Putna haben Stefan der Große und seine drei Gemahlinnen ihre letzte Ruhestatt gefunden. Über dem von einer schwe-

ren, kunstvoll gearbeiteten Grabplatte bedeckten Hochgrab hängt das Porträt des Fürsten mit „Trauerbart“, gemalt nach dem Tode seiner Gattin Maria. Am Ende des 15. Jahrhunderts erbaut und im 18. Jahrhundert nach schweren Erdbeben restauriert, offenbart die Kirche mit Arkaden, Pilastern, Kolonnaden und Maßwerkfenstern die bezwingende Schönheit des Moldaustils in höchster Vollendung. Kloster Putna ist ein überreich ausgestattetes Museum religiöser Kunst. Seine Schatzkammer quillt über von illuminierten Handschriften, herrlichen Stolen, Brokaten und Stickereien, darunter das Bahrtuch einer jungen Moldaufürstin, einer griechischen Prinzessin, die aus Sehnsucht nach dem heimatlichen Süden einen allzufrühen Tod in den düsteren, kalten Wäldern fand. Dieses von Kunsthistorikern der UNESCO besonders geschätzte Stück zeigt den vollständigen Ornat einer byzantinischen Fürstin.

Ein unvergeßliches Erlebnis ist die Mitternachtsmesse in der Klosterkirche. Voraussetzung für die Priesterweihe in der Ostkirche ist eine schöne, volltönende Stimme. Die Stimmen der Mönche vereinen sich zu den endlosen Antiphoniengesän-gen der östlichen Liturgie vor der weihrauchumwölkten, goldstrotzenden Pracht der Ikonostasen.

Der Suchende findet noch gar viele Herrlichkeiten: das stolze Kloster Dragomirna, Kloster Humor und in Suceava die Sfintui-Gheorghe-Kirche. In Jassy, der einstigen moldauischen Hauptstadt, überzogen unbekannte Meister der Steinmetzkunst die Außenwände der Trei-Jerarhi-Kirche mit feinstem Spitzenwerk aus Stein, „als ob sie bestickt wären“, wie alte Chronisten rühmen. •

EUROPA ERBEBTE UNTER DEN WIRREN der Türkenkriege, die Moldau aber lag im Windschatten der Geschichte. Dichte Wälder standen gleich schützenden Mauern vor den Stätten Gottes. Nicht so gnädig war das Schicksal den bulgarischen Klöstern, deren Gotteshäuser ebenfalls häufig mitAußenfresken geschmückt wurden. Das größte Nationalheiligtum der Bulgaren, das Rilakloster, die Klöster Preobrashenie (Verklärung) und Batschkovo reichen zwar bis in das tiefste Mittelalter, in das

ll, und 12. Jahrhundert, zurück, doch wurden sie im Laufe der Zeit fast vollständig zerstört und erst im 19. Jahrhundert wiederaufgebaut. Allzu nahe lagen sie an der Heeresstraße der großen Eroberer.

Der heilige Mönch von Rila zog sich im 9. Jahrhundert in das wilde und unwegsame Rilagebirge zurück.

Jünger scharten sich um ihn, und damit wurde Ivan Rilski zum Begründer des nationalen Mönchtums in Bulgarien. Ob Griechen oder Türken das Land beherrschten — immer wurde im Rilakloster die Liturgie in bulgarischer Sprache gefeiert und die Mönchspriester herangebildet, welche das Nationalbewußtsein des Volkes stärkten. Das erste hölzerne Klostergebäude ist spurlos verschwunden, und auch von dem im 14. Jahrhundert vom Fürsten Chre] erbauten Klöster ist nur der düstere Wachtturm erhalten geblieben. Kirche und Kloster verdanken ihre heutige Gestalt der Opferwilligkeit des ganzen bulgarischen Volkes und sind ein Werk der besten einheimischen Baumeister, Ikonenmaler und Holzschnitzer des beginnenden 19. Jahrhunderts. Umrauscht von uralten Bäumen und kristallklaren Bächen

wuchtet der festungsartige Komplex finster und abweisend im Herzen des Rilastockes. Doch treten wir -turch das gewölbte Tor, so überfällt uns ein ungeahnter Farben- und Formenreichtum.

Die Mönche mußten das Kloster verlassen. Es ist heute staatliches Museum und Touristenherberge. Im

Sommer, wenn die fast 150 Zimmer mit Oststaatlern bis auf das letzte Plätzchen besetzt sind, gleicht das Kloster einem brodelnden Heerlager. Smaragdgrüne Seen und zackige Grate locken zu ausgedehnten Wanderungen. Mit den Mönchen verschwanden auch die Wallfahrer, schwand die mystische Atmosphäre.

Kloster Batschkovo hat sich seinen weitabgewandten Frieden, die kleine Kirche und Gebäudeteile aus seiner Gründungszeit, dem 11. Jahrhundert, in unsere Tage herübergerettet. Kloster Preobrashenie bei Trnovo aber ist oftmals zerstört und erst 1835 wiederaufgebaut worden. Es war der Lieblingsaufenthalt des Zaren Ferdinand. Weinranken überschatten die Außenfresken des Gotteshauses, auf denen der Tod seinen grausigen Reigen tanzt. Die Morgenandacht ist

eben beendet, die Mönche plaudern mit den Wallfahrern und Kinder spielen im Klosterhof. Der Archi-mandrit führt persönlich die westlichen Gäste durch die drei Kirchen, wahre Sehatztruhen goldäugiger Ikonen, herrlicher Schnitzereien und Brokate. Eine Welt der Stille spricht zu uns.

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