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Ein Land kommt in Bewegung Kärntens Kunst seit 1945

Die Ausstellung "K08" zeigt die Entwicklung der Kärntner Kunst aus den vergangenen fünf Jahrzehnten, in denen sie sich "emanzipierte", aber auch "konfrontierte".

Landauf, landab lockt der Sommerschlussverkauf. Zu einer Zeit, in der der Sommer eigentlich erst so richtig beginnt. Die Alles-muss-raus-Parolen verlangen diese eigenartige Zeitverschiebung, gleich zu Beginn das Ende zu setzen. Im Süden Österreichs setzt man sich dem entgegen: Statt der möglichst vollständigen Leerung der Lagerhallen ist hier Inventur angesagt. Die Auflistung aller Bestände der möglichen Sammlungen an Artefakten, die sich unter dem Titel "Kunst aus Kärnten 1945 bis heute" zusammenfassen lassen. Kunst tickt eben anders, selbst in Kärnten.

Bequeme Klischees

Jeder Landstrich in Österreich ist längst mit gewissen Klischees versehen, deren man sich immer wieder gerne bedient, so falsch oder tendenziös sie auch sein mögen. Der Zuordnung Kärntens als ein der künstlerischen Avantgarde verpflichtetes Bundesland begegnet man eher selten, im allgemeinen Kommunikationsfluss überwiegen die Bilder vom geselligen Volksliedervortrag und sogenannter urtümlicher Brauchtumspflege, dann und wann sogar à la Ulrichsbergtreffen.

Mit diesen Klischees räumt die Ausstellung, oder besser: die vielen Ausstellungen an mehreren Orten, "K08 Emanzipation und Konfrontation" grundlegend auf. Getragen wird diese umfassende Schau von einer beeindruckenden Liste mit Namen von international ausgewiesenen Kunstschaffenden.

Zwiespältige Kunstexistenz

Freilich geht es dabei nicht um eine Domestizierung der Kunst auf den Horizont von dem, was ein landläufiges Kärntnertum sein könnte. Sowohl die Vielfalt der Kunstentwicklung für den Zeitraum seit dem Zweiten Weltkrieg als auch die Unmöglichkeit der Definition des durchschnittlich Kärntnerischen ließ das Projekt "K08" von Anfang an zwischen den Polen "lokal" und "global" oszillieren.

Bereits die Anknüpfungspunkte, die noch von der Zwischenkriegszeit weitergewirkt haben, wie der Nötscher Kreis rund um Anton Kolig und der "zugewanderte" Werner Berg, waren Zeugen für die zwiespältige Existenz der Kunstschaffenden in der Provinz zwischen den Anregungen, die aus der relativen Abgeschiedenheit entstehen, und dem Zwang, gerade diese Abgeschiedenheit immer wieder hinter sich lassen zu müssen, um sich nicht sprichwörtlich an ein Hinterwäldlertum zu verlieren.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass Maria Lassnig etwa als eine der großen Vertreterinnen 1951 nach Paris fährt und sich dort die Bestätigung für ihre eigene Kunstauffassung holen muss. Hans Bischoffshausen, der große Meister der strukturellen Auslotung von Materialität in Form von bestechenden Reduzierungen, bleibt gleich mehrere Jahre dort. Wolfgang Hollegha, der früh "Ausgewanderte", findet in Auseinandersetzung mit den amerikanischen "abstrakten Expressionisten" zu seinem unverkennbaren Stil, und Kiki Kogelnik, die postnatal ihren Geburtsort von Graz nach Kärnten verlegt, macht erst in New York so richtig Karriere.

Für andere, wie dem "abstrakt gestischen" Hans Staudacher und dem "gegenständlich wilden" Franz Grabmayr oder dem Analysten der menschlichen Figur Valentin Oman, wird Wien die Arbeitsheimat. Nur wenige schaffen es als Pendler, wie etwa Giselbert Hoke zwischen Grafenstein und Graz, ganz ohne Außenstation kommt kaum jemand aus. Mit der großen Ausnahme von Cornelius Kolig, der sich in Vorderberg sein "Paradies", eine als Lebenskunstwerk konzipierte architektonische Anlage, gebaut hat. Für die jüngere Generation, wie etwa Kurt Kappa Kocherscheidt, Julian Taupe, Johannes Zechner, Michael Krawagna, Rudolfine Rossmann oder Heimo Zobernig, gilt sowieso die künstlerische Globalisierung.

Singuläres Lebenswerk

K08 präsentiert aber auch ganz junge Talente wie Birgit Pleschberger, wichtige Grenzgänger zwischen Bild und Wort wie Josef Dabernig oder Angelika Kaufmann, Vertreterinnen der Installationskunst und der medialen Verschränkung wie Meina Schellander, Elke Maier oder Uwe Bressnik, Interventionen im öffentlichen Raum, wie etwa jene von Jochen Traar, und als Einzelgängerposition die Arbeit von Viktor Rogy, in der sich surrealistische, dadaistische und situationistische Methoden zu einem singulären Lebenskunstwerk verbinden.

Die "klassische" Bildhauerei ist mit Holzskulpturen, von Rainer Wulz etwa, ebenso vertreten wie mit dem aluminiumgießenden Aushängeschild Bruno Gironcoli. Dass sich das Architekturschaffen nicht nur auf Günther Domenig beschränkt, zeigt nicht zuletzt die hervorragende Katalogbox, die insgesamt eine Reihe äußerst lesenswerter und informativer Texte versammelt.

K08 Emanzipation & Konfrontation Kunst aus Kärnten 1945 bis heute

Klagenfurt: Museum Moderner Kunst Kärnten, Kunstverein Kärnten im Künstlerhaus Klagenfurt, Napoleonstadel - Kärntens Haus der Architektur, Alpen Adria Galerie; Bleiburg: Werner Berg Museum; Saag bei Velden: Schau-Kraftwerk Forstsee Kelag; Einöde bei Villach: [kunstwerk] krastal; Ossiach: Stift Ossiach; Nötsch im Gailtal: Museum des Nötscher Kreises

Bis 2. 11. Unterschiedliche Öffnungszeiten: Info unter: www.k08.at

Katalog: Silvie Aigner (Hg.), K08 Emanzipation und Konfrontation. Kunst aus Kärnten 1945 bis heute, 3 Bände, Deutsch, Slowenisch, Italienisch,

Englisch, Wien/New York 2008,

1015 Seiten, € 54,95

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