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Ein Mann, der im Kunstleben mitspielen soll

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Nach wie vor ungewiß ist die Zukunft des Wiener Museums des 20. Jahrhunderts seit dem für Juli fixierten Abgang Direktor Dr. Werner Hofmanns nach Hamburg: Mehr als ein Dutzend Experten neuer Kunst kandidieren bereits für die freiwerdende Stelle, Fachleute, von deren Arbeit man sich für das Museum sehr viele Impulse erwarten kann, allerdings auch eher traditionsgebunden Denkende, die das Museum unter Umständen als Konkurrenzunternehmen zur österreichischen Galerie im Bel-vedere mißverstehen und den Tendenzen der neuesten Kunst nur zu leicht verständnislos gegenüberstehen könnten. In Gesprächen mit dem international erfolgreichen österreichischen Maler Arnulf Rainer sowie zwei prominenten Wiener Kunstkritikern, Dr. Otto Breicha und Professor Johann Muschik, setzte „Furche“-Mitarbeiter Karlheinz Roschitz seine Meinungsumfrage fort, welche Voraussetzungen der neue Direktor erfüllen, auf welchen Gebieten er besondere Initiative entfalten sollte. Direktor Hofmann hat überdies, ergänzend zu unserer letzten Interviewserie, uns seine Stellungnahme zukommen lassen.

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Nach wie vor ungewiß ist die Zukunft des Wiener Museums des 20. Jahrhunderts seit dem für Juli fixierten Abgang Direktor Dr. Werner Hofmanns nach Hamburg: Mehr als ein Dutzend Experten neuer Kunst kandidieren bereits für die freiwerdende Stelle, Fachleute, von deren Arbeit man sich für das Museum sehr viele Impulse erwarten kann, allerdings auch eher traditionsgebunden Denkende, die das Museum unter Umständen als Konkurrenzunternehmen zur österreichischen Galerie im Bel-vedere mißverstehen und den Tendenzen der neuesten Kunst nur zu leicht verständnislos gegenüberstehen könnten. In Gesprächen mit dem international erfolgreichen österreichischen Maler Arnulf Rainer sowie zwei prominenten Wiener Kunstkritikern, Dr. Otto Breicha und Professor Johann Muschik, setzte „Furche“-Mitarbeiter Karlheinz Roschitz seine Meinungsumfrage fort, welche Voraussetzungen der neue Direktor erfüllen, auf welchen Gebieten er besondere Initiative entfalten sollte. Direktor Hofmann hat überdies, ergänzend zu unserer letzten Interviewserie, uns seine Stellungnahme zukommen lassen.

Existenz und Zukunft, das heißt weiterer großzügiger Ausbau der Sammlungen oder Aschenbrödeldasein mit Ausstellungsarrangements für drittklassige österreichische Kunst sind die Extreme, zwischen denen das Museum in Hinkunft seine Tätigkeit entfalten wird. Die öffentlichen Stellen werden unbedingt mehr als bisher dem Haus im Schweizergarten ihr Augenmerk und ihre Hilfe zuwenden, das breite Publikum wird endlich den Weg ins „Zwanz'ger Haus“ finden müssen. Das ist notwendige Voraussetzung.

Querverbindungen zwischen den Künsten schaffen, ist das wichtigste

Arnulf Rainer, international geschätzter Uber- und Maler, dessen sich der Kunsthandel längst im großen Stil bemächtigt hat, wünscht sich einen Museumschef, der nicht nur die Malerei und Plastik forciert, sondern die Einheit der Künste im größtmöglichen Rahmen dokumentiert. „Die Überlappung und Verwischung der Grenzen der Künste steht sozusagen vor der Tür. Happening, Environment, totales Musiktheater, das sind alles schließlich künstlerische Ausdrucksformen des 20. Jahrhunderts. Hier die Querverbindungen zu schaffen, ist nur einem für den modernen Geist sensiblen Menschen möglich. Wie etwa Osteoid Wiener.“

„Die klassischen Kunstkategorien werden sich auflösen. Es gilt da vor allem das Interesse des Publikums zu wecken; in dieser Hinsicht sind wir in Österreich erst am Anfang. Es fehlt die Vermittlung, die sachliche Information über die schöpferischen Leistungen der letzten hundert Jahre. Hier muß das Museum mehr als bisher Zusammenhänge aufzeigen, neue Strukturen hervorkehren, sonst ist es sinnlos.“

Sozusagen als Privatwunsch regt Rainer an, einen kleinen Raum, die Bibliothek etwa, zu adaptieren, wo man auch Miniausstellungen bieten kann. Es muß nicht alles Monstershow sein. Und schließlich sollte man auch einmal Exkurse in die Kunst der Geisteskranken wagen usw.“

Ein aktives Museum mit viel Kunstbetrieb

Dr. Otto Breicha, bekannter Wiener Kunstkritiker, „Protokolle“-Heraus-geber und Buchautor, bezeichnet Werner Hofmanns Museumskonzeption als die Basis, die unbedingt erhalten bleiben, allmählich sogar noch erweitert werden muß, und zwar unter Beibehaltung der Akzente in der Plastik, im Kubismus, Konstruktivismus wie in der Malerei des Informellen. „Gewiß, manches gehört erweitert. Was einzig eine Frage des Kapitals ist. Die museale Sphäre, das Wie-Arrangie-ren, ist Sache jedes Direktors.“ Den Hofmann vom Kunsthandel angekreideten Ankauf von Kunstwerken, die im Ausland hochlizitiert wurden, findet Breicha notwendig: „Hätten wir nur ein paar Picasso, Braque, die wichtigsten Werke von Male-vitoh. Sie sind ebenso notwendig wie möglichst viele informative Einzelausstellungen.“

Breicha ist jedenfalls ein „aktives Museum mit großem Kunstbetriebj. mit Ausstrahlung, viel lieber als eines wie die österreichische Galerie, die trotz wesentlich größeren Beamtenstandes ihr Leben mehr nach innen gerichtet führt. Davon hat das Publikum gair nichts.. .“ Wer sich als neuer Chef eigne? „Ein so umsichtiger Mann wie Alfred Sahmeiler, der sich seit 1946 wie kaum ein anderer qualifiziert und Verdienste um die neue Kunst erworben hat, der überdies ausgesprochen volksbildnerische Qualitäten aufweist Oder ein von neuer Kunst Besessener, der internationale Beziehungen hat. Keine flotten Herren aus Graz, bitte. Und keine wie Direktor Glück oder Direktor Novotny, die zu stark in Traditionen denken.“ Im großen: Das Sammeln findet Breicha gar nicht so wichtig. „Das sollte längst viel mehr von privater Seite angekurbelt werden, von Mäzenen, die dem Museum ihre Kostbarkeiten zur Verfügung stellen. Das Anregen und Ausstrahlen wird in Zukunft die Bedeutung eines Museums ausmachen.“

Dokumentieren, die Gegenwart fördern, die Zukunft mit einleiten

Professor Johann Muschik wünscht sich als Direktor einen „Super-Hofmann“, also einen, „der alles tut, was auch Hofmann organisierte und noch etwas dazu: nämlich in Richtung Dix, Beckmann, Grosz, Bacon, phantastischer Realismus, erweitert um das, was die Zentralsparkasse in ihrer Ausstellung „Figur“ vertritt. Das heißt, Aufgaben' sind: „Dokumentation, Forcieren bestimmter Novitäten, nichts grundsätzlich verneinen ..Meint Muschik: „Für mich war das Haus im Schweizergarten nur einmal wirklich Museum des 20. Jahrhunderts, mit der Schau .Paris Mai 1968'. Sonst wurde stets nur Kunst des 20. Jahrhunderts im traditionellen Sinn gezeigt.“

Dokumentation und Förderung der Gegenwart müssen im Vordergrund stehen; die Zukunft sollte miteingeleitet werden. Vorbild ist für Muschik das neue Museum in Tel Aviv, das „wirklich ein Informationszentrum ist, wohin Schüler und Studenten, Kunstkenner und einfache Leute in Scharen per Autobus hinpilgern. Exklusivität und Esoterik nützen uns gar nichts. Hofmanns Agitationszentrum hat seine großen Meriten, die Agitation ist indes nichtsdestoweniger einseitig. Wir beklagen uns immer über das Publikum, aber wir tun nichts, es an die Dinge heranzuführen, es aufzuklären, das Verständnis zu fördern. In jedem Falle müßte das Museum im Kuinstleben Wiens sich mehr einschalten, sinnlose karitative Ankäufe abzuwenden versuchen, beraten.“

Die Kunst nicht aus dem Internationalen Kräftespiel isolieren

Direktor Werner Hofmann schließlich ließ uns zu unserer letzten Interviewserie über die Ausschreibung der Direktorstelle seine Stellungnahme brieflich zukommen, die wir hier auszugsweise veröffentlichen: „Monsignore Mauer irrt, wenn er die Aufgabe des Museums des 20. Jahrhunderts in der lückenlosen Darstellung der österreichischen Kunst erblickt. Er irrt selbst dann, wenn er unter österreichischer Kunst nur das verstanden wissen möchte, was vor seinem Urteil bestehen kann. Das Museum des 20. Jahrhunderts ist nicht als österreichische „Nationalgalerie“ gegründet worden: für diese Aufgaben gibt es bekanntlich die österreichische Galerie im Belvedere. Ich bin überrascht, wie beharrlich die Museumsdiskussionen der letzten Wochen die Existenz dieser Sammlung übergehen. Die von Monsignore Mauer gewünschte Konzentration, ja Beschränkung auf österreichische Interna — er hält die Übernahme ausländischer Ausstellungen für nicht sehr wichtig — entspricht der pseudopatriotischen Überheblichkeit, die man heute allerorten in der österreichischen „Kulturpolitik“ zu verspüren bekommt. Man spricht einen Gemeinplatz aus, wenn man darauf hinweist, daß der Künstler sich nicht aus dem internationalen Kräftespiel isolieren darf. Vor siebzig Jahren wußten das die Seoessionisten, heute will man es nicht wahrhaben. Was bislang Österreicher und Ausländer dazu animierte, im Schweizergarten auszustellen, war ja wohl auch der internationale Charakter der von mir aufgebauten Sammlung. Mich überrascht in diesem Zusammenhang allerdings, daß sogar Künstler, welche die lebendige Kunst dort aufhören lassen, wo das Museum beginnt (dieser Standpunkt ist nicht neu, er hat meinen Respekt), sich in den Kunstsarg im Schweizergarten drängen.

An die Adresse des mißvergnügten Wiener Kunsthandels: eines der drei Kokoschka-Bilder des Museums konnte ich 1962 für S 44.000.— im Dorotheum erwerben. Billiger ging es schon damals nicht — außer vielleicht in Pöchlarn. Und von Kolo Moper kaufte ich vor zwei Jahren ein wichtiges Bild an — preiswert, obgleich aus dem Ausland. Das sollte man wissen, bevor man den Mund aufmacht.“

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