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Ein spannendes Jahrzehnt im Rückblick asdasd

1945 1960 1980 2000 2020

"Umbruch" - eine repräsentative Auswahl österreichischer Kunst der sechziger Jahre in Klosterneuburg. Agnes und Karlheinz Essl zeigen einen Teil ihrer umfangreichen Sammlung.

1945 1960 1980 2000 2020

"Umbruch" - eine repräsentative Auswahl österreichischer Kunst der sechziger Jahre in Klosterneuburg. Agnes und Karlheinz Essl zeigen einen Teil ihrer umfangreichen Sammlung.

Frühjahr 1968: Die internationalen Jugendproteste erreichen vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs ihren Höhepunkt. In Österreich ist von den politischen und sozialen Unruhen wenig zu bemerken. Unter der Oberfläche brodelt es aber auch hierzulande. Zu spüren ist dies besonders innerhalb der Kunstszene. In Kellerlokalen werden Lesungen und Aktionen durchgeführt. Und diese sorgen für Aufruhr und Schock.

Nicht mit Demonstrationen und Aufständen reagiert man auf die Aggression der Großmächte, die Nichtaufarbeitung der Nazizeit und die restriktive Kulturpolitik. In Österreich waren es vor allem Künstler und Dichter, die das Jahr des Protestes austrugen. Auf künstlerische Weise - mit Farbe und Sprache - oder in der Verweigerung, herkömmliche Medien zu verwenden. Man versucht sich von tradierten Kunstsprachen zu lösen und antwortet mit neuen Ausdrucksmitteln auf die sich verändernde Wirklichkeit.

"Umbruch" nennen Agnes und Karlheinz Essl daher ihre aktuelle Ausstellung, die eine Auswahl an österreichischer Kunst der sechziger Jahre aus den hauseigenen Beständen zeigt. Mit Bildern und Fotos von 25 Künstlern soll das Stimmungsbild eines spannenden Jahrzehnts in all seiner Vielfalt wiedergeben werden. Der Bereich Skulptur bleibt jedoch ausgespart.

1968 stellt auch in der Kunstszene nur den Höhepunkt einer Entwicklung dar, die sich bereits in den Jahren zuvor abgezeichnet hat. Die Auf- und Umbrüche innerhalb der österreichischen Kunstlandschaft der sechziger Jahre nur aus dem gesellschaftlichen Wandel heraus zu erklären, wäre falsch. Sie sind genauso aus der internen Kunstentwicklung her zu verstehen wie aus der Beziehung zu internationalen Kunsttendenzen. Dies läßt sich in der Essl-Schau gut nachvollziehen. Beim Gang durch die auf vier Etagen gehängte Ausstellung findet man zunächst Bilder im abstrakten Expressionismus. Die "informelle" Kunst - noch in den fünfziger Jahren auch international mit Malern wie Wols, Georges Mathieu, Henri Michaux oder Jackson Pollock der dominante Kunststil - ist durch mehrere Arbeiten vertreten. Etwa durch frühe Bilder von Josef Mikl, Markus Prachensky, Wolfgang Hollegha, Hans Staudacher und Arnulf Rainer.

Nicht nur durch die gestische Malweise heben sich die "Informellen" von einer anderen Gruppierung ab. Die Maler der "Wiener Schule des phantastischen Realismus" bevorzugen eine altmeisterliche Technik. An Stelle der formalen und inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen steht eine Flucht in eine postsurreale, an Salvador Dali anknüpfende Traumwelt.

"Auge" (1960) nannte die im Vorjahr verstorbene Künstlerin Kiki Kogelnik ein Acrylbild. Gezeigt wird, was der Titel verspricht: Ein Sehorgan. Die grellen Farben, die "plakative" Darstellungsart erinnern an die amerikanische Pop Art - an die Kunst von Andy Warhol, Jasper John und Roy Lichtenstein. Deutlich wird an dem Augen-Bild auch, daß die Wahrnehmung in der Kunst zunehmend reflektiert wird. Sehen und Gesehen werden wird in einer Zeit, in der Leuchtreklamen und Bildschirme immer mehr in den Alltag eindringen, zu einem brisanten Thema. Ähnlich "poppig" erscheinen frühe Werke Christian Ludwig Attersees wie das "Große Suppenschöpferbild" (1968). Banale Alltagsgegenstände werden hier zum Bildmotiv. Die Lack-Leuchtfarben spiegeln die Ästhetik der Werbewelt.

Am radikalsten und konsequentesten versucht der "Wiener Aktionismus" mit seinen Protagonisten Günter Brus, Rudolf Schwarzkogler, Hermann Nitsch und Otto Mühl eine Einheit von Kunst und Leben zu erzielen. Die Aktionisten wollen die Malerei nicht bloß auf die Leinwand beschränken, die Kunst soll auf das Leben ausgedehnt werden. Mit seinen "Selbstbemalungen" vollzieht etwa Günter Brus 1965 den "Ausstieg aus dem Bild" und erklärt den eigenen Körper zum einzigen Medium seiner Kunst. Provokation und Gesellschaftskritik spielen dabei eine große Rolle. Genauso wesentlich war aber die Suche nach einem vollkommenen innovativen Weg in der Kunst. Dies wird auch an der 16teiligen Fotoserie "Aktion in einem Kreis" (1965) sichtbar: Der weißbemalte Künstler agiert auf einem kreisförmig zugeschnittenen, ebenfalls weißgrundierten Packpapier. Mit dem Eintauchen der Wirklichkeit in die Farbe Weiß schafft Günter Brus eine unberührte Bildfläche, einen symbolischen Nullzustand, der einen Neubeginn ermöglicht. Sein nachfolgendes, literarisch-zeichnerisches Îuvre baut auf dieser Körpererfahrung und der Auslöschung alles Alten auf. Die Brus'sche Fotoserie gehört in ihrer Sensibilität und Authentizität zu den eindrucksvollsten Arbeiten der Ausstellung. An die Bedeutung des frühverstorbenen Brus-Kollegen Rudolf Schwarzkogler erinnert man mit zehn Fotos von "Hochzeit" (1965) - seiner ersten von sechs Aktionen Anders ist die Ausrichtung der "Wirklichkeiten", die 1968 mit einer Ausstellung in der Wiener Secession gemeinsam an die Öffentlichkeit treten. Kurt Kocherscheidt, Franz Ringel oder Peter Pongratz stellen nicht das Tafelbild in Frage aber sie suchen direktere Ausdrucksweisen. Inspiriert sind die "Wirklichkeiten" von der Art brut - der zustandsgebundenen Kunst der Geisteskranken, die auch für Künstler wie Jean Dubuffet bestimmend war.

Platz räumt die Schau auch Einzelkämpfern wie Max Weiler, Maria Lassnig, Jürgen Messensee, Friedensreich Hundertwasser und Oswald Oberhuber ein.

Lassnigs Weg über den abstrakt gestischen Expressionismus bis zur unverkennbaren "Körperempfindungsmalerei" läßt sich an zwei Bildern - "Informel" (1960) und "Gynäkologie" (1963) beobachten. Die Lassnig-Bilder erfreuen nicht nur aufgrund ihrer Qualität. Die Kärntnerin steht mit ihrem stringenten Îuvre auch für den Aufbruch der Frauen innerhalb der Gesellschaft und Kunstlandschaft jenes Jahrzehnts. Künstlerinnen - zumindest erfolgreiche - waren nach wie vor in der Minderheit. Zahlenmäßig zeigt dies auch die Essl-Ausstellung. Drei Künstlerinnen stehen einer Überzahl von Künstlern gegenüber. Und doch läßt sich auch diesbezüglich ein sich anbahnender Umbruch erkennen. Allerdings hat es noch Jahre gedauert, bis sich Künstlerinnen wie Maria Lassnig auf dem Kunstmarkt durchsetzen konnten.

Bis 30. April

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