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GEFÄHRDETE KUNSTSCHÄTZE

Kaum ein zweites Bundesland Oesterreichs, das an Werken und Werten so reich ist wie Kärnten; kaum ein zweites auch, in dem kostbarstes Vermögen und unersetzlicher Kunstbesitz in gleichem Maße der Gefahr ausgesetzt sind, allmählich — da rascher, dort langsamer — einem fortschreitenden Verfall zu erliegen, der in einzelnen Fällen unaufhaltsam scheint, dem aber in der überwiegenden Mehrzahl durch entschlossene Hilfe Einhalt geboten werden kann. Daß eine solche durchaus im Bereich der rein technischen Möglichkeiten liegt — von den unerläßlichen materiellen Voraussetzungen soll hier nicht gesprochen werden —, hat die sozusagen in letzter Stunde bewirkte Rettung des Gurker Hochaltars, jener überdimensionalen Schöpfung des Meisters Hönel, bewiesen; damals hatten sich alle maßgeblichen Instanzen zu schönem Gelingen gefunden, hatten öffentliche und private Hilfe im Sinne einer dankenswerten Initiative vermocht, ein Kunstwerk zu erhalten und zur Genesung zu bringen, das als hohes geistliches Gut anzusprechen ist, das aber zugleich — weil nun einmal leider im Kulturbereich nicht nur der Zeichen-, sondern auch der Rechenstift seine Bedeutung hat — als künstlerischer Anziehungspunkt, im Fremdenverkehr von unwiderleglicher Stellung ist. *

Gurk, Millstatt, Maria-Saal, Hochosterwitz, der Magdalensberg, Friesach — das sind Namen, die allen geläufig und Begriffe sind, denen der Reiseführer den Rang von Sternen erster Größe zuweist; man kennt sie, „man muß sie gesehen haben“. Wie aber steht es um andere, weniger genannte, ja oft kaum als bekannt anzusprechende Plätze, die gleichwohl in ihrer künstlerischen Gültigkeit nicht übersehen werden dürfen? Wer kennt die zumeist auf abgelegenen Gipfeln sich erhebenden Filialkirchen (1200 Kirchen weist Kärnten auf), die in ihrer Mehrzahl noch romanischer Zeit entragen, und weiß um ihre einsame, oft dem Verblassen ausgelieferte Schönheit? Was sie bergen und was sie ziert, ist Berufenen ein Begriff, der Fachwelt, dem Kunsthistoriker Anlaß der Bewunderung und Zitierung. Diese Gotteshäuser ziert die Inbrunst gotischer Plastiken. Fresken des Mittelalters, oftmals der Gotik eigen, sind ihr Schmuck, und kaum ein Jahr, das nicht neue Entdeckungen brächte; unter Verputz hervor und hurtiger Uebermalung. In solchen Kirchen finden sich oft noch Altäre eines ausgesprochen ländlichen Barocks, die ihren eigenen Reiz haben. Aber — und hier sei gleich auf einen wesentlichen und entscheidenden Punkt hingewiesen! — vor wievielen dieser Altäre verkündet noch das Glöcklein des Ministranten die Wandlung? Zahlreiche Pfarren, zu denen diese Filialkirchen gehören, können nicht besetzt werden; der Priestermangel ist hier ein entscheidender Faktor und wohl die größte Gefahr für das der Kirche anvertraute Kulturgut. Oft sind es ältere Herren, denen die Pfarre untersteht; wer kann von ihnen eine intensive Betreuung der abseits gelegenen, schwer zu erreichenden Kirchen verlangen und ihnen zumuten, dem so wertvollen Inventar die erforderliche Pflege angedeihen zu lassen? Und nicht nur diesem — die Bauten selbst sind, wie das Bild der Filialkirche Fiatschach bei St. Gandolf zeigt, in bejammernswertem Zustand. Immerhin — ultra posse nemo obligatur, mag auch in diesen Fällen seine Geltung haben.

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Als Eigner gotischer Flügelaltäre steht Kärnten in Oesterreich an erster Stelle. Diesen kostbaren Besitz erkannt zu haben, hat

auch die Maßnahmen zu seiner Erhaltung hervorgerufen. Akute Gefahren bestehen hier nicht, weil sie mit Hilfe und teilweise durch Mittel der Gemeindeaufsichtsbehörde vorerst abgewehrt werden konnten. Vorerst ... Und hier stehen wir schon einem Punkt gegenüber, der nicht übersehen werden darf: Wo immer sich ein Kunstwerk aus Holz erhebt, ist höchste Wachsamkeit angebracht, denn alles Schnitzwerk — es ist in der Mehrheit barock und weniger gotischer Herkunft — sieht sich der Erkrankung ausgesetzt. Was immer an Kircheneinrichtung hölzern ist — Altäre, Gestühl, Brüstungen und Balustraden —, ist äußerst gefährdet. Das Klima Kärntens, sein Seenreichtum, ist den Anobien, deren Flugzeit in den Mai fällt, besonders günstig. Sie, die fliegende Gefahr, allen Schätzen der Holzplastik feind, wäre zu bannen, wenn sie rechtzeitig erkannt wird. Wenn es aber erst so weit ist wie im Falle des Gurker Altars, dann sind Mittel erforderlich, die ein an sich armes Land — und Kärnten ist mit finanziellen Gütern kaum gesegnet — aus eigenem nur schwer aufbringen kann. 150.000 S für einen Altar — das mag einen Begriff von den Opfern geben.

Ein ungemein wichtiges Anliegen ist die Konservierung der Fresken, von denen es so viele in höchster Vollendung gibt. Soweit sie sich im Kircheninnern befinden und geschützt gegen Witterungseinflüsse sind, bereitet die Erhaltung weniger Kopfzerbrechen; wo sie jedoch die Außenmauern schmücken, da ist in vielen Fällen keine Rettung mehr. Man denke hier an den unersetzlichen Totentanz am Karner von Metnitz, Zeugnis eines künstlerischen Willens von höchster Bedeutung. Man sei an das Weltgericht des Urban Görtschacher an der Westseite der ehemaligen Stiftskirche in Millstatt erinnert ... Solches hinschwinden zu sehen bis

zum endgültigen Verlust? Hier rettend einzugreifen scheint kaum \möglich; an ein Abnehmen der Eresken mag man denken, es auch' durchzuführen hat wenig Aussicht.

Weit günstiger steht es im allgemeinen um die G 1 a s g e m ä 1 d e, an denen Kärnten so reich ist: In Oesterreich steht hier das Land an der Spitze; es besitzt in der um 1170 zu datierenden Magdalenenscheibe von Weitensfeld die älteste Glasmalerei Oesterreichs, es hat in den Fenstern von Viktring seine kostbarsten Werke dieser Kunstgattung. Man hat rechtzeitig vorgesorgt, wiederhergestellt, ergänzt — mit einem Worte: erhalten. In Viktring sind die Fenster wieder eingebaut, in St. Leonhard steht man vor ihrer Wiedereinfügung.

Ist also hier kein direkter Anlaß zu irgendwelchen Zweifeln gegeben, so ist es um so schlimmer um die vielen mittelalterlichen Tafelgemälde bestellt, an denen es in Kärnten nicht mangelt. Sie geben zu besonderen Befürchtungen genügend Ursache. Man sehe sich

doch das so bedeutende unschätzbare Tafelbild „Die Beweinung Christi“ des Meisters Thomas von Villach an und zähle die zu vorläufigem Schutze überklebten Stellen, die es in seinem

jetzigen Zustande aufweist; sie sprechen eine eindringlicher “Müht zu'überhörende Sprache: KöndeWSfechtiglceit führte zu einem Aufquellen des Kreidegrundes und im weiteren Zerstörungswege zu einer Blasenbildung, die höchste Alarmstufe bedeutet. Natürlich kann es vorübergehende Abhilfe geben. Restlose Heilung aber bestünde nur in der Ueberstellung des Bildes — es befindet sich in der Pfarrkirche St. Leonhard in Abtei, Bezirk Völkermarkt — in ein „Sanatorium“ mit Klimaanlage! Aber würde dies nicht dem Grundsatze widersprechen, die Werke in ihrer angestammten Umgebung und dort zu belassen, wohin sie der Wille des Künstlers und seiner Auftraggeber bestimmte? Entfernung aus gewohntem Bereich würde im gewissen Sinne eine Wertminderung bedeuten.

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Burgen, Ruinen, Bürgerhäuser und Stadtanlagen, soweit diese in den Bezirk des Architektonischen gehören, sind ihrerseits

Anlaß zu einem eindringlichen MerkV Daß die Bewahrung historischer Bauten und Erinnerungsobjekte mit mehr als respektablen Kosten verbunden ist, kann niemand bestreiten. Wenn man aber erwägt, daß man dem Erdreich seine Geheimnisse entreißt und das Errungene, was nicht genug hoch zu rühmen und einzuschätzen ist, fachmännisch vor jeder Unbill bewahrt, wie dies auf dem Magdalensberg der Fall ist, der mit seinen Grabungsergebnissen zu europäischem Rang erhoben wurde, dann wäre es wohl zu überlegen, ob man nicht auch einer weniger fern gelegenen Vergangenheit seine Aufmerksamkeit schenken und das vor weiterem Verfall schützen sollte, was unwiederbringlich in den Abgrund der Zeit zu sinken droht. Hochosterwitz, Straßburg — man hat Mittel und Wege gefunden, sie als Wahrzeichen zu bewahren; doch finden sich fast in jedem Gemeindegebiet Zeugen einer stolzen Epoche — Burgreste, Ruinen. Gemäuer —, dies verdienten, daß man sich ihrer annimmt. Hier“ wäre noch auf einen weiteren bedrohlichen Umstätkt hinzuweisen: Verschiedene Schlösser laufen Gefahr, sich in Mietskasernen zu verwandeln, zu an und für sich im Zeichen der Wohnungsmisere vertretbaren Einrichtungen, die aber für den Bau selber alles mitbringen, was ihn seines Charakters entkleiden und seiner Entstellung förderlich sein kann. Von hier zu den alten Bürgerhäusern, wie sie in Klagenfurt und Feldkirchen das Gesicht der Stadt prägen, ist nur ein kleiner Schritt. Noch könnten in diesen Städten Umbauten und Adaptierungen vermieden werden, die in ihrer unbedachten und unbekümmerten Durchführung in Villach bereits zu Irreparablem geführt haben; daß sich mit der Zeit aus wirtschaftlichen oder auch bloß konservierenden Anlässen gewisse Eingriffe nicht vermeiden lassen, soll nicht geleugnet werden, doch müssen Liebe zum Objekt, Vergangenheitsbewußtsein und Ehrfurcht vor dem Auftrag der Geschichte am Werk sein, damit architektonische Kostbarkeiten wie sie in Klagenfurt etwa das Kristalnigg-Haus in der Herrengasse oder das Riedel-Haus bedeuten, in ihrem Ein- und Ausdruck nicht geschmälert werden. Daß durch Bombenschäden bedingt auch andere Probleme ihre Lösung fordern, sei am Rande vermerkt.

Führen wir noch ein Beispiel an, das städtebaulich von Bedeutung ist: Friesachs Stadtgraben, der diesem einzigartigen, historisch so reichen und in seiner Silhouette so reizvollen Städtchen einen wesentlichen Charakterzug bedeutet. Verschlammung dieses Grabens, damit verbundener Mauerneinsturz . .., sind das nicht auch Fragen, die gelöst werden sollten, wenn man aufzählt, was in seiner Existenz bedroht erscheint?

Wir haben versucht, in gedrängter Form zu nennen, was uns gefährdet und somit in Dringlichkeit mahnend erscheint. Abhilfe auch nur anzudeuten vermögen wir nicht. Nicht nur zum Kriegführen ist in erster Linie das dreifach „gepriesene“ Geld erforderlich, auch idealem Zwecke ist es zu dienen bestimmt. Aber Geld allein ist nicht entscheidend, denn ohne ein gerüttelt Maß an Liebe zur Heimat, an Sinn für Vergangenheit und Glaube an die Pflicht, ihre Zeugnisse zu bewahren, wird es kaum gehen, weil ja nur unter diesen Voraussetzungen die Wege zu finden sind, auf denen man an ein würdiges und schönes Ziel gelangen kann.

(Ahs einem Gespräch mit Landeskonservator Dr. Hartwagner)

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