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Hacken im Eis

Die "Neuen Wilden", eine der erfolgreichsten künstlerischen Positionen Österreichs nach 1945, in der Sammlung Essl.

Wien, 9. Mai 1986. Als sich die Kunstszene an diesem Abend im "20er Haus" zur Eröffnung der Ausstellung "Hacken im Eis" traf, fand sie an den Wänden nichts als farbkräftige, dick bemalte Leinwände vor. Die großformatigen Bilder zeugten von einem exzessiven Malakt: Sie waren weitgehend abstrakt, riefen aber immer wieder Assoziationen zu Naturähnlichem und Landschaften hervor. An sich nicht verwunderlich für eine Vernissage. Zu diesem Zeitpunkt in Wien aber doch ein deutliches Statement. Denn an den Kunstunis kursierte die Annahme, die Neuen Medien würden die schon so oft tot gesagte Malerei nun tatsächlich endgültig ablösen.

Sinnliche Malerei

Die lose Gruppe von Künstlern - zu ihr zählten Herbert Brandl, Gunter Damisch, Josef Danner, Hubert Scheibl und Otto Zitko - bekannte sich demonstrativ zur sinnlichen Malerei, zum körperlichen Einsatz des Künstlers während des Malprozesses und zur subjektiven, expressiven Handschrift. Das von den Wiener Aktionisten zu Beginn der 60er Jahre begrabene Tafelbild war wieder zum Leben erweckt worden. Der coolen glatten Ästhetik, der Kopflastigkeit von Konzeptkunst und Minimalart erklärten die ungestümen, ausschließlich männlichen Maler den Kampf. "Hacken im Eis" war keineswegs der Beginn einer Bewegung, die unter dem Namen "Neue Wilde" Kunstgeschichte schreiben sollte. Aber es war der öffentliche Durchbruch, mit dem die Künstler bekannt wurden.

Eigentlich assoziierte man mit "Neue Wilde" in den 80er Jahren zunächst die neu aufkommende, figurative, expressionistische Malerei - etwa von Siegfried Anzinger, Alois Mosbacher und Hubert Schmalix. Die abstraktere Richtung wurde erst später damit in Verbindung gebracht. Wie meist bei kunsthistorischen "Etikettierungen" ist die Vielfalt innerhalb einer sogenannten Gruppierung weit größer, als man zunächst vermutet. So auch bei den "Neuen Wilden". Aber so unterschiedlich die einzelnen Positionen auch sind - ob figural oder abstrakt -, sie verbindet ein zentrales Moment: das absolute Bekenntnis zur Malerei.

Internationale Bewegung

Die österreichischen Jungmaler waren nicht allein auf weiter Flur. Heftige, gestische Malerei fand an mehreren internationalen Orten gleichzeitig statt. In Köln wütete die Gruppe "Müllheimer Freiheit" mit Jiri Dokoupil und Walter Dahn ähnlich wild über die Leinwände, in Berlin war die Malerszene von Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer dominiert und in Hamburg wirkten Künstler wie Albert Oehlen, Werner Büttner und Martin Kippenberger. Die deutschen Wilden waren jedoch stärker politisch und gesellschaftskritisch orientiert als die österreichischen Maler, die mehr Interesse an der Verbindung von Mensch und Natur und an zwischenmenschlichen Beziehungen hatten.

In die Zeit, als die "Neuen Wilden" sich zu etablieren begannen, fiel die verstärkte Sammlertätigkeit von Agnes und Karlheinz Essl: In der Galerie des Buchhändlers Herzog bei der Wiener Bellaria sahen die beiden Kunstpassionierten erstmals Arbeiten der jungen Malergeneration. Sie begannen Werke von Siegfried Anzinger, Herbert Brandl, Hubert Scheibl, Gunter Damisch, Erwin Bohatsch, Otto Zitko und Walter Vopova zu erwerben und deren künstlerische Entwicklung zu verfolgen.

Insofern liegt es auf der Hand, dass die Sammlung Essl nun eine Ausstellung dieser Künstler auf die Beine stellte: Der Rundgang beginnt im ersten Raum zunächst mit einer Zusammenstellung von Bildern aller elf gezeigter Künstler aus den 80er Jahren. Etwas zu kurz kommt die Präsentation von wichtigen Vorläufern und "Verwandten" der "Neuen Wilden" - es werden lediglich Maria Lassnig, Kurt Kocherscheidt, Franz Grabmayr und Rudolf Goessl präsentiert. Eine fundiertere, historische Bezugnahme oder das Weglassen dieses Blockes hätte der Ausstellung sicherlich besser getan.

Verwandte der "Wilden"

Die folgenden Räumlichkeiten widmen sich den einzelnen Protagonisten der Bewegung anhand von wenigen ausgewählten Werken. Hier steht die jeweilige malerische Entwicklung im Zentrum. Dabei geht es nicht um das lineare Aufzeigen eines Weges, vielmehr werden einige Arbeiten der Künstler aus unterschiedlichen Jahren vorgestellt.

Einprägsam sind die Bilder von Siegfried Anzinger, der zunächst in den 80er Jahren eine figurative, sehr expressionistische Malerei vertrat - dessen Bilder im Laufe der Jahre jedoch immer zarter und transparenter - auch erzählerischer wurden. Anzingers Figuren wie "Madonna mit rotem Schatten" (1997) zeugen von körperlicher Präsenz, zugleich lösen sich die Personen im Umraum auf. Es ist das Nichtausformulierte bei gleichzeitiger malerischer Präzision, das die Bilder Anzingers so spannend macht.

In Erinnerung bleiben auch die Arbeiten von Alois Mosbacher, der ebenfalls die Figur seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit ins Zentrum stellte. Besonders das Hundeporträt "Haller" (2000) aus dem umfangreichen Hundezyklus Mosbachers besticht durch die sensible Charakterisierung des Tieres - gepaart mit einem Hauch von Ironie. Von den abstrakten Ölbildern überzeugen besonders die querformatigen, atmosphärisch-verschwommenen Leinwände von Herbert Brandl und die verwischten Farbflächen von Hubert Scheibl.

Mit dieser nicht allzu großen Schau hat die Sammlung Essl abermals bewiesen, wie wichtig sie mit ihrer Sammler- und Ausstellungstätigkeit für die österreichische Kunstentwicklung ist.

NEUE WILDE. Eine Entwicklung.

Sammlung Essl, An der Donau-Au 1, 3400 Klosterneuburg,

Bis 21. März Di-So 10-19, Mi bis 21h

www.sammlung-essl.at

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