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Hier ist gegen alles ein Kraut gewachsen

Der schlechte Arzt behandelt den Kranken, der gute Arzt berät den Gesunden." Auf diesen Leitsatz hat sich bereits die fflihe Gesundheitsorganisation in China eingeschworen. Ab 1.100 v. Chr. standen zwei Minister - der eine für Medizin, der andere für Geisterbeschwörung -in Amt und Würden. Ihnen unterstand die Riege der praktischen Ärzte sowie Fach- und Veterinärmediziner, deren Leistungen regelmäßig von einer Jury überprüft wurden.

Im siebenten Jahrhundert entstand die erste Universität für Medizin in Beijing. An dieser Kaiserlichen Akademie etablierten sich Drogenkunde, Akupunktur plus Moxibustion, Massage und Orakellehre zum Fächerkanon. Die Arzneiheilkunde hatte dabei oberste Priorität; mit einem Professor und seinem Assistenten, 20 Meistern, 100 Masseuren beziehungsweise Lehrlingen und 40 Studenten, die die Betreuung der Patienten im angeschlossenen Krankenhaus übernahmen.

Allerdings, Chirurg konnte damals keiner der Studenten werden, denn das Sezieren eines menschlichen Körpers war tabu und hätte den Toten sowie seine Angehörigen auf das Gröbste beleidigt. Die chinesischen Ärzte ermittelten die Lage der inneren Organe durch genaue Beobachtung und Vergleich mitTierqn, ohne aber die Präzision der abendländischen AnatoUi erlangen. Diesen Umstand nahm man auch nicht weiter wichtig, denn im Vordergrund des medizinischen Interesses standen die genaue Kenntnis der funktionellen Beziehungen zwischen den Organen, Drüsen und entsprechenden Körperregionen.

Akupunktur im Lehrplan der Medizin

„ Massage- und Pharmakotherapie sowie Akupunktur haben heute noch einen festen Platz im Ausbildungslehrplan der traditionellen chinesischen Medizin", weiß Gustav Meng, praktischer Arzt in Wien. Er selbst behandelt seine Patienten in der wirkungsvollen Synthese chinesischer traditioneller beziehungsweise westlicher Schulmedizin.

Die solide theoretische Grundlage, die strengen Begelungen und genauen Gesetzmäßigkeiten der traditionellen chinesischen Medizin erfordern eine sechsjährige Ausbildung. In China müssen sich angehende Studenten für die traditionelle beziehungsweise westliche Schulmedizin entscheiden; gleichzeitig verpflichten sie sich aber, gut 30 Prozent des jeweiligen anderen Lehrplanes in die eigenen Studien zu inkludieren.

Die traditionelle chinesische Medizin, hat also auch die letzte Kulturrevolution ganz gut überstanden und ist bereit, sich weiterzuentwickeln. Ihre Grundlagen bleiben zwar gleich, doch werden heute beispielsweise auch schon standardisierte pflanzliche Arzneien gegen leichtere Erkrankungen und zur allgemeinen Kräftigung hergestellt.

Die uralte zerbrechliche Frau klammert sich verzweifelt mit knorpeligverwachsenen Händen auf dem Bücken ihres Sohnes, der sie solcherart zum Dorfarzt trägt. Seine Ordination ist auf die Straße hin offen und beherbergt - wie so oft in China - auch die Apotheke. Doktor Liang Yao Hai tastet den faltigen, sehr mageren Bauch der Patientin, die jetzt verloren auf einem Holzstuhl sitzt;Tränen des

Schmerzes rinnen über ihre Wangen.

Liang Yao untersucht sie eingehend: beobachtet ihre Körperhaltung, fühlt den Puls, palpiert die schmerzenden Stellen, fragt nach Ernährungsgewohnheit und Lebensumständen. Dabei verläßt er sich auf seine Sinnesorgane, denn die traditionelle chinesische Medizin muß weitgehend ohne technische Hilfsmittel auskommen. Liang schließt sein Diagnoseverfahren mit genauer Diätvorschrift und einem Bezept, nach dem sein Assistent entsprechende Heilkräuter mischt.

„Der chinesische Arzt sucht nicht primär nach Krankheitserregern oder morphologischen Organveränderungen, sondern nach der funktionellen Störung, der sogenannten Dysharmo-nie", erklärt Meng. Vereinfacht ausgedrückt, kann jede außer Kontrolle geratene Emotion und jede klimatische Uberbelastung durch einen Umweltfaktor den Menschen krank machen.

Störungen, die sich nicht solcherart einordnen, zählen in der traditionellen Medizin zur Gruppe der „gemischten Krankheitsursachen", wie Traumata, Lebensmittelvergiftung und Seuchen beispielsweise. Die Stärke der traditionellen Medizin liegt in der Behandlung chronischer und psychosomatischer Erkrankungen sowie funktioneller Störungen. Der gute chinesische Arzt ist immer darum bemüht, den Anfängen einer Krankheit zu wehren.

Viele Chinesen wissen um die Wichtigkeit vorbeugender Maßnahmen und legen viel Wert auf richtige Ernährungsgewohnheiten, Gesundheitstees und kräftigende Tonika. In größeren Städten finden streßgeplagte Bürger Zuflucht in den weitverbreiteten Kräuterteebars oder speziellen Bestaurants: Hong Kong's Küchenchefs „verschreiben" auch Kobrasuppe, Huhn mit Ginseng und stimulierende Schwalbennester in Kokosnußmilch für indisponierte Gäste.

1983 erprobten die Gesundheitsbehörden in Beijing ein vierhundert Jahre altes Bezept gegen Hämorrhoiden an 40.000 Patienten; in 96 Prozent der Fälle erwies es sich als äußerst

wirksam.

Zunehmend versuchen interessierte Forscher, den Wert der chinesischen traditionellen Medizin mit modernen naturwissenschaftlichen Methoden zu messen und stoßen dabei immer wieder auf Parallelen.

So hat kürzlich erst eine israelische Studie ergeben, daß der Ginseng-Extrakt G 115 erleichternd bei Atemwegserkrankungen wirkt. Für traditionelle chinesische Mediziner ist das nichts Neues, wird doch die Ginsengwurzel seit 3.000 Jahren nicht nur als begehrtes Aphrodisiakum, sondern auch bei Asthma angewandt.

Alte Naturheilmittel und Produkte der modernen Pharmaindustrie lagern friedlich nebeneinander, in den Apotheken Chinas. Sie finden ihre Käufer gleichermaßen, denn das Interesse an den traditionellen Heilmitteln ist ungebrochen und das Angebot entsprechend groß, vor allem im internationalen Handelseldorado von Hong Kong.

Interessierten Besuchern bietet die Apotheke Yu Ren Sheng in der Queen's Road 152 auch eine informative Auslage, mit englischsprachig und lateinisch beschrifteten Ingredienzien der traditionellen Medizin.

Hong Kong, seit beinahe 150 Jahren Chinas kapitalistisches Tor zur westlichen Welt, bietet beste Qualität und zahlreiche Varianten. Das Gros der Produkte kommt aus der Volksrepublik China. Zunehmend gewinnt aber auch die Einfuhr an Bedeutung: amerikanischer Ginseng und Hirschgeweihe aus Neuseeland beispielsweise, sind geschätzte Bohstoffe für die Herstellung der Sinopharmaka.

Ihre Preise liegen oft noch unter jenen der Arzneimittel westlicher Provenienz. Allerdings, für exotische Tonika und Pillen mit seltenen Ingredienzien werden Kunden kräftig zur Kasse gebeten. Und Vorsicht ist dabei geboten!

Denn auch gefälschte Produkte kursieren in diesem lukrativen Geschäft. Listet der Beipackzettel eines Antifieber-mittels das Horn des Bhi-nozeros als Bestandteil auf, dann handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen großen Schwindel, denn diese Spezies befindet sich bedauerlicherweise am Rande ihrer Ausrottung; bedingt durch die starke Nachfrage - vor allem in Taiwan, China, Südkorea und Jemen - waren die Rhinozerosse der mörderischen Vernichtung preisgegeben.

Mittlerweile stehen sämtliche Bezeichnun-gen der Nashornarten im Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen. Dennoch wurden in den letzten Jahren gravierende Übertretungen, vor al-

lern in Ostasien festgestellt: Der Schwarzmarkt blühte. Taiwan, Ende der achtziger Jahre der Hauptimporteur des afrikanischen Nasen- Horns, zahlte mit bis zu 2000 Dollar pro Kilogramm die höchsten Preise. Seit 1985 ist dort der Import und seit 1992 der Handel mit Horn-Produkten untersagt. Ein Verbot, das allerdings nicht gleich ernstgenommen wurde. Die zuständigen Stellen reagierten erst 1994 auf die amerikanische Drohung eines Wirtschaftsembargos.

Naturheilmittel als Devisenbringer

Der E,xport von traditionellen Naturheilmitteln ist ein nicht zu unterschätzender Devisenbringer; Chinesische Kaufhäuser sowie Duty-free-Abteilungen machen allerorts gute Geschäfte. Die bereits fertig gemischten Arzneien, als Pulver, Pillen, Salben und Teemischungen angeboten, werden als wirksam gegen chronische Leiden erachtet und auch zur allgemeinen Kräftigung eingesetzt.

Chinesen, die sich ernsthaft krank fühlen, begeben sich erst zum Arzt der

westlichen Medizin (xi-yi-yuan). Kann dieser keine organischen Schäden feststellen, vertraut der Patient der traditionellen Medizin (zhong-yi-yuan), auf daß seine verlorengeganp gene Harmonie wiederhergestellt werde. In China haben zwar beide Schulen ihren Platz gefunden, die westliche Medizin ist dabei allerdings in den Vordergrund getreten.

„In der Akutversorgung, besonders bei Unfällen ist der westlichen Medizin und ihrer Chirurgie der Vorrang zu geben. Eindeutig große Vorzüge sind auch ihre genauen, technisierten Laboruntersuchungen," kommentiert Meng die generelle Bedeutung der xi-yi-yuan.

In China jedenfalls verfügen die großen Krankenhäuser über Abteilungen beider Bichtungen. Davor sammeln sich Quacksalber und bieten ihr Sammelsurium „in der offensichtlichen Annahme, daß ein mit der Behandlung unzufriedener Patient auf die Wirkung von Eidechsen und pulverisierten Hirschgeweihen zurückgreifen könnte," beobachtet Paul Theroux, aufmerksamer Schriftsteller und Beisender im Land der Mitte.

Seriöse Massagesalons und Akupunktureinrichtungen, Aufklärungskampagnen zum Thema Aids, Schattenboxen am frühen Morgen, regelmäßige Mahlzeiten und moderater Alkoholkonsum, vergleichsweise wenig Übergewicht und gute ärztliche Versorgung in den Städten, lassen die Chinesen sehr gesundheitsbewußt erscheinen.

Sie bemühen sich, so als müßten sie gegen all die schlechten Einflüsse kämpfen: Umweltverschmutzung durch Kohleverbrennung beispielsweise, oder kettenrauchende Männer, die ausgiebig in der Öffentlichkeit spucken. Ein Phänomen, das auch Frauen und Kinder quer durch die sozialen Schichten erfaßt und chronische Bronchitis landesweit verbreitet. Bedenklich ist wohl auch die fehlende Hygiene in vielen Straßenrestaurants, Garküchen und Toiletten - zumindest für den Beisenden. Doch kann sich dieser beruhigt im Land bewegen, denn wie es scheint, ist hier gegen alles ein Kraut gewachsen.

Die Autorin ist

freie Journalistin in Wien

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