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Huldigung, an heüigen Markä

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Mit wertvollen Handschriften und reichverzierten Reliquiaren gedenkt Venedig in einer Ausstellung der Weihe des Markusdomes vor 900 Jahren.

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Mit wertvollen Handschriften und reichverzierten Reliquiaren gedenkt Venedig in einer Ausstellung der Weihe des Markusdomes vor 900 Jahren.

Als bisher größtes und am meisten publikumswirksames Ereignis unter den Veranstaltungen anläßlich der Einweihung des Domes von San Marco vor 900 Jahren gilt die Ausstellung „Omaggio a San Marco” im Dogenpalast. Hier sind etwa hundertdreißig religiöse Kultobjekte ausgestellt, die die Rolle und den Einfluß des heiligen Patrons von Venedig auf die politische und wirtschaftliche Entwicklung dieser Stadt sowie der blühenden „Republik Venedig” bezeugen.

Fast kann man sagen, daß San Marco von den Dogen Venedigs in diese Rolle gezwängt wurde. Die Besiedlung Venedigs läßt sich erst ab dem fünften oder sechsten Jahrhundert nachweisen, im neunten Jahrhundert fuhren einige Fischer aus Malamocco und Torcello ins Land der Sarazenen, nach Ägypten, und brachten in einer Nacht-und-Nebel-Operation die stofflichen Uberreste des Apostels Markus aus Alexandria nach Venedig.

Um 830 errichtete man in der Nähe des damals noch bescheidenen Dogenpalastes eine Kapelle, um die Reliquien des Heiligen aufzubewahren. Hundert Jahre später wurde die Kapelle durch eine große Kirche ersetzt, die allerdings einer Feuers-brunst zum Opfer fiel.

Die prunkvolle Basilika, wie man sie heute kennt, entstand zwischen 1063 und 1094, inzwischen war der geflügelte Löwe auf dem Banner der „Serenissima” nicht nur Symbol des heiligen Markus, sondern auch des mächtigsten Staates in diesem Teil Europas. Am 8. Oktober 1094 erfolgte die Einweihung des prächtigen Domes, die Gebeine des heiligen Markus ruhen seitdem unter dem Hauptaltar der ihm geweihten Basilika.

Die Ausstellung bezieht die ehemaligen privaten Gemächer der Dogen mit ein, diese etwa zwanzig Säle sind normalerweise nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Mehrheitlich handelt es sich nur um nackte Gewölbe, dazwischen finden sich aber auch Räume, die schöne Kassettendecken oder prächtige Wandmalereien aufweisen. Einer der Säle ist den Bibelhandschriften gewidmet, Inkunabeln hat man aus allen Ländern Europas versammelt.

„Codices” auf purpurrotem Pergament mit prachtvollen Goldminiaturen, die die ältesten Evangelienübersetzungen illustrieren. Darunter befindet sich auch der „Codex Millenarius”, eine Leihgabe vom Stift Kremsmünster.

Das kostbarste Dokument der Ausstellung ist eine Handschrift des Markus-Evangeliums aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert, die lange Zeit als authentisch galt, und deshalb eifersüchtig von der Patriar-chalkirche von Aquileia bewahrt wurde, deren Gründer der heilige

Markus gewesen sein soll. 1355 wurde ein Teil dieser Handschrift vom Patriarchen Nicolö dessen Bruder, Kaiser Karl IV. von Böhmen, geschenkt. Fragmente dieses Werkes sind nicht nur in der Kapitularbibliothek von Prag zu finden, sondern auch in Ci-vidale del Friuli, Udine und Venedig. Bis vor kurzem befand sich nur der prächtige, aus Silber getriebene Einband des Evangeliums in der Schatzkammer der Markuskirche. Es geht die Mär, daß im Mittelalter Pilger kleine Fetzen aus dem Manuskript rissen, um diese als „geistige Nahrung” zu schlucken.

Wertvolle Exponate, wie Reliqui-are, Kreuze und Kelche aus Gold, Alabaster, Onyx, Achat und Bergkristall kommen als Leihgaben aus aller Herren Länder, was auch die Verbreitung der venezianischen Gold- und Silberschmiedekunst, die stark von der byzantinischen Kunst beeinflußt war, unter Beweis stellt. Mit Verzierungen aus Email, Edelsteinen und Perlen wurde sowohl die religiöse Bedeutung als auch der liturgische Wert der Objekte hervorgehoben. Leihgaben stammen aus Portugal bis zum Berg Athos, aus Frankreich bis nach Georgien.

Bemerkenswert ist auch die Re-konstruktion der „Cathedra” (des Pultes) des heiligen Markus. Sie war ursprünglich ganz mit Elfenbeintäfelchen geschmückt. Im Lauf der Zeit ging die tragende Struktur aus Holz verloren, die Täfelchen wurden über ganz Europa verstreut. Sie befinden sich im Castello Sforzesco (Mailand), im Pariser Louvre und im Musee de Cluny, sowie im Victoria and Albert Museum von London. In Venedig wurden sie zum ersten Mal nach langer Zeit wieder zusammengebracht.

Wissenschaftliche Berater der Ausstellung waren Giovanni Morel-lo von der Vatikanischen Bibliothek und Hermann Fillitz, ehemaliger Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien.

Bei der Eröffnung der Ausstellung erwähnte Fillitz eine Inschrift auf dem Stadtturm von Enns in Oberösterreich, wonach der heilige Markus auch im nahegelegenen Lauriacum gewesen sein soll - was wahrscheinlich noch mehr in den Bereich der Legende gehört als die historisch mehr als ungesicherte Mission des Apostels in Aquileia.

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