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Johann Strauß, der Piefke aus Wien

1945 1960 1980 2000 2020

Ausstellung zum 100. Todestag von Johann Strauß in Wien.

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Ausstellung zum 100. Todestag von Johann Strauß in Wien.

Das Jahr 1999 steht ganz im Zeichen des Gedenkens an zwei große Deutsche: Johann Wolfgang von Goethe und Johann Strauß. Wie bitte? Der Wiener Walzerkönig, der Komponist des "Donauwalzers" und der "Fledermaus", dessen Name geradezu zum Synonym für "Wien" wurde - ein Piefke? Aber ja! Zwar verbrachte Strauß die meiste Zeit seines Lebens in seiner Geburtsstadt Wien, doch während der letzten 13 Jahre seines Lebens als Ausländer, als Bürger des Deutschen Reiches.

Daß der umjubelte "Schani" als "Reichsdeutscher" starb, wurde lange Zeit vergessen und verdrängt. Es paßte nicht ins Bild der Dreivierteltakt-Ikone. Die Ausstellung "Johann Strauß - unter Donner und Blitz" im Historischen Museum der Stadt Wien versucht, das "arg entstellte Johann-Strauß-Bild" zu "entrümpeln" (so der Wiener Kulturstadtrat Peter Marboe). Nicht Johann Strauß, die mythische Gestalt, sondern Johann Strauß, wie er wirklich war, soll anläßlich seines 100. Todestages gewürdigt werden. Herausgekommen ist eine durchaus gelungene Ausstellung, die mit Bekannten, aber eben auch mit Unbekanntem aufwartet. Wie bei vielen Ausstellungen gilt auch hier: Der Katalog - insbesondere die Beiträge von Strauß-Biograph Norbert Linke und der Historikerin Brigitte Hamann - ist eine unverzichtbare Ergänzung der Schau.

Johann Strauß und seine Musik tauchen nur allzu oft im Kontext einer verklärenden k. u. k.-Nostalgie auf. Dabei war das Verhältnis von Johann Strauß mit dem österreichischen Kaiserhaus ein nicht spannungsfreies. Als im März 1848 die Revolution in Wien ausbrach, befand sich Johann Strauß gerade in Bukarest. Als er sich beim österreichischen Generalkonsul wegen überhöhter Gebühren beschwerte, ging plötzlich der Revolutionär in ihm durch: Er bedrohte den Repräsentanten der Obrigkeit mit seinem Säbel. Der Zwischenfall ging glimpflich aus: Die Wachposten setzten den 22jährigen vor die Tür, nur der schmucke Federbusch seiner Bürgerregimentsuniform mußte dran glauben.

Zurück in Wien schrieb er den Walzer "Barrikaden-Lieder" und seinen "Revolutionsmarsch". Als die Aufständischen den verhaßten Liguorianer-Orden aus Wien vertrieben, komplettierte Strauß den allgemeinen Hohn mit seiner Scherzpolka "Liguorianer-Seufzer". Im aufständischen Brünn komponierte er den "Brünner Nationalgarde-Marsch" Am Tag nach der Thronbesteigung des 18jährigen Kaiser Franz Joseph, der viele Reformen wieder zurücknahm, dirigierte Strauß bei einem Konzert gleich dreimal hintereinander die Marseillaise.

Später bemühte er sich um die Gunst des Kaisers: Er benannte einen Marsch nach Franz Joseph, einen anderen nach dem kaiserlichen Wahlspruch "Viribus unitis" - vergebens. Ein vertraulicher Akt des Obersthofmeisteramtes rügte 1856 Strauß' "bisherige staatsbürgerliche und sittliche Haltung". Erst 1863 wurde dem Publikumsliebling der lang ersehnte Titel des Hofballmusikdirektors verliehen. Als er diesen aus Zeitgründen sieben Jahre später wieder zurücklegte, wurde er mit einem niedrigen Orden abgespeist, was fast einer Beleidigung gleichkam: denn jenes Ehrenzeichen wurde fast jeden zweiten Tag vergeben, vor allem an verdiente Beamte wie etwa Schuldirektoren.

Daß Strauß - rein juristisch - Österreich gänzlich den Rücken kehrte und die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, lag an den strikten Ehegesetzen der k. u. k. Monarchie. 1882 war Strauß von seiner zweiten Frau Lily geschieden worden - und Geschiedene durften in der Donaumonarchie nicht noch einmal heiraten. Um die 31 Jahre jüngere Adele zu seiner dritten Frau machen zu können, mußte er auswandern. Wie viele andere österreichische Freisinnige wählte er das Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha als neue Heimat. Am 8. Dezember 1885 wurde Johann Strauß aus dem österreichischen Staatsverband entlassen.

Auch wenn Johann Strauß hierzulande gerne als "eines der größten Genies der Musikgeschichte" (Peter Marboe) gefeiert wird, so trifft dies nur bedingt zu. Wenn man Norbert Linke glaubt, war der Walzerkönig im rein handwerklichen Sinn ein ziemlich unzulänglicher Komponist. Sein 1844 begonnenes Skizzenbuch belegt, daß sein kompositorisches Wissen und seine Notationspraxis mangelhaft waren: Bass-Ergänzungen, Generalbass-Angaben und Modulationsvorschläge waren höchst fehlerhaft. In den Verlagsfassungen freilich sind diese Fehler nicht mehr zu finden. Zuerst hatte der Klarinettist Johann Proksch die Partituren überarbeitet, nach der Vereinigung der einst konkurrenzierenden Kapellen von Johann Strauß Vater und Sohn standen dem Junior gleich drei kompositionshandwerkliche Routiniers zur Verfügung.

"Strauß wurde zeitlebens nie das Minderwertigkeitsgefühl und das schlechte Gewissen los, aufarbeiten zu müssen", schreibt Linke. Erst mit dem "Zigeunerbaron" (1885) wurde Strauß seinen eigenen künstlerischen Ansprüchen gerecht. Seine Selbstzweifel waren überwunden - und prompt übernahm er sich: Sein Versuch als Opernkomponist ("Ritter Pasman") scheiterte kläglich.

Daß Strauß die klassische Kompositionstechnik mangelhaft beherrschte, war geradezu ein Glücksfall. Denn so stellte er zwangsweise die Melodie in den Mittelpunkt - und auf diesem Terrain war sein Erfindungsgeist schier unerschöpflich. Während klassische Komponisten primär an die musikalische Struktur denken und ein Stück zum Beispiel von einem Fundamentbass her konzipieren, arrangierte Strauß die Orchesterstimmen um die Melodie herum - ganz so, wie es im Pop und Jazz im 20. Jahrhunderts üblich ist. In diesem Sinn kann Johann Strauß durchaus als der erste U-Musiker, als der erste echte Popstar bezeichnet werden.

6. Mai bis 26. September. Karlsplatz, 1040 Wien. Tel.: (01) 505 87 47

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