Jüdisch-christlicher Dialog in Bildern

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Die Albertina zeigt einen ungewohnten Chagall. Der Zyklus "Die Biblische Botschaft" ist erstmals außerhalb des dafür konzipierten Museums zu sehen.

Wegen Renovierung geschlossen. An sich ein Ärgernis für Kunstinteressierte. In diesem Fall ist die Schließung eines Museums ein Glücksfall. Zumindest für die österreichischen Museumsbesucher. Denn nur aufgrund der Tatsache, dass das bekannte Musée national Message Biblique in Nizza aufgrund statischer Probleme renoviert werden muss, bekam die Albertina die einmalige Chance, den berühmten Zyklus "Die biblische Botschaft" gemeinsam mit anderen Werken Marc Chagalls erstmals seit 30 Jahren außerhalb des eigens dafür konzipierten Museums zu zeigen. Dass die Albertina dabei der Tate Gallery und der Berliner Nationalgalerie vorgezogen wird, freut Klaus Albrecht Schröder natürlich besonders.

Überbekannt - verkannt

Von der Kunstwissenschaft wurde Chagall trotz aller Wertschätzung als Wegbereiter der Moderne aufgrund seines Spätwerks und den oft als "lieblich" und "plakativ" bezeichneten Gemälden mitunter auch kritisch betrachtet. Mit seinen narrativen Bildern und seiner Freude an der Schönheit des Daseins hat Chagall gegen wesentliche Grundgedanken der Avantgarde wie Abstraktion und Loslösung von literarisch-religiösen Themen verstoßen. Zudem sind einem seine Bilder durch unzählige Reproduktionen auf Hochzeitsbillets und Kalendern so vertraut, dass man sich gerade deshalb gar nicht mehr richtig mit ihnen auseinander setzt. "Überbekannt" und daher "verkannt" bezeichnet dieses Phänomen Albertina-Direktor Schröder.

In kirchennahen Kreisen schätzt man Marc Chagall seit Jahrzehnten besonders und zieht seine Bilder gerne zur Thematisierung theologischer Fragestellungen heran - im Religionsunterricht genauso wie bei Diskussionen um das nicht immer unproblematische Verhältnis von Kunst und Kirche. Nicht zu unrecht, gehört Chagall doch zu den wenigen großen Künstlern des 20. Jahrhunderts, die sich zeitlebens biblischer Themen angenommen haben, wie er selbst betonte: "Die Bibel hat mich von Kindheit an fasziniert. Sie scheint mir noch immer die bedeutendste Quelle der Dichtung aller Zeiten zu sein. Seither suche ich im Leben wie in der Kunst nach ihrem Widerschein. Die Bibel ist wie ein Echo der Natur, und dieses Geheimnis bemühe ich mich zu vermitteln."

Sieht man Chagalls Bibel-Bilder jetzt im Original in ungewohnter Zusammenstellung - Skizzen, Ölbilder und Grafiken werden einander gegenübergestellt - so bietet sich für all die unterschiedlichen Interessensgruppen die Möglichkeit, ganz neue Aspekte an diesem bekannten Künstler zu entdecken.

Erstmals hat sich Chagall 1930 bewusst mit dem Gedanken befasst, bildkünstlerisch auf die Bibel zu antworten. Anlass war der Auftrag des Verlegers Ambroise Vollard zu einer Bibelillustration. Chagall, der 1887 als Kind einer armen jüdischen Familie in Weißrussland geboren wurde und 1923 nach Paris übersiedelt war, reiste daraufhin für einige Monate nach Palästina, um Inspirationen für seine Arbeit an biblischen Themen zu bekommen. Als jüdischer Künstler im Umfeld einer christlichen kunstgeschichtlichen Tradition musste Chagall vollkommen neue Wege beschreiten. Schließlich sollte das Alte Testament ja ursprünglich ein Buch des Wortes bleiben. Die Reise war zugleich eine Auseinandersetzung mit seiner Identität, wie Chagall selbst zu verstehen gab, indem er sagte: "Ich bin als Jude hingefahren". Zurück aus Palästina schuf Marc Chagall eine Fülle von Blättern mit Szenen aus dem Alten Testament wie "Lot und seine Töchter" und "Die Opferung Isaaks".

Die in der Albertina ausgestellten Blätter aus dieser Zeit zeigen einen ungewohnten Chagall. Die Arbeiten bestechen im Unterschied zu der für Chagall typischen Buntfarbig- und Kleinteiligkeit durch formale Reduktion und die Beschränkung auf wenige erdige Farben. Eine der eindrucksvollsten Gouachen ist "Die Erschaffung des Menschen" (1930), die sich ganz auf den schwebenden Gott und den ersten Menschen in seinen Armen konzentriert. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit einem ebenfalls in der Ausstellung gezeigten Ölbild Chagalls aus dem Jahr 1956/57 zu demselben Motiv. Hier zeigt Chagall zwar ebenfalls im Zentrum die schwebenden Hauptfiguren, ergänzt die zentrale Szene aber durch zahlreiche andere Episoden aus dem Alten und Neuen Testament - so dass der Bildraum zu einer Gesamterzählung der menschlichen Heilsgeschichte wird.

Höhepunkt der Schau bildet der 17-teilige monumentale Ölbild-Zyklus "Die biblische Botschaft", in deren Zentrum die in Rosa- und Rottönen gehaltene HoheliedSerie steht, die durch ihre "poppige" Leichtigkeit und der zitathaften Erzähltechnik hervorsticht.

Interreligiöse Bilder

Die Ausstellung in der Albertina präsentiert einen Chagall, der aus theologischer Sicht interessant ist, da er sich mittels malerischen Mitteln für den interreligiösen Dialog einsetzt. Als jüdischer Maler im mediterranen Frankreich - dem Mekka der Moderne - versucht er eine Sprache zu finden, die sowohl seiner jüdischen Identität als auch der christlichen Kunsttradition gerecht wird. Zum anderen verdeutlichen die Bibelzyklen, dass visuelles Bezugnehmen auf einen literarischen Text, in diesem Fall die Bibel, nur dann bereichernd ist, wenn die Bilder zwar auf eine Textstelle eingehen, sich aber nicht sklavisch an diese halten. Wenn sie statt zu illustrieren dem Text eine eigenständige Bildsprache gegenüberstellen, durch die es gelingt, bekannte Szenerien aus der Sicht eines bildenden Künstlers anders zu sehen.

Kunsthistorisch gesehen gewinnt aus heutiger Perspektive im Umfeld von neuen comicartigen Erzähltendenzen in der Malerei auch das Spätwerk in seiner humorvollen Leichtigkeit und dem Ignorieren der strengen Maximen der Avantgarde an Qualität.

Marc Chagall

und die Mythen der Bibel

Albertina, Albertinaplatz 3, 1010 Wien, tägl. 10-18, Mi bis 21 Uhr

www.albertina.at.

Katalog: Marc Chagall.

Die Mythen der Bibel,

hrsg. von Klaus Albrecht Schröder,

Wien 2004, 264 S., e 29,-

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