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Klimawandel in Sibirien

Während man über das Land zwischen Kaspisee und der Grenze Chinesisch-Turkestans noch einiges weiß, tappt man bezüglich der Gebiete um den Baikalsee und des äußersten Nordens völlig im Dunkel. Ins Baikalrevier versetzt man heute die ominöse Stadt „Atomgrad“, und im Kolymabecken in Ostsibirien soll sich das industrielle Aufbaugebiet „Dalstroj“ mit, nach sehr unterschiedlichen Meldungen, eineinhalb bis acht Millionen Einwohnern befinden. Alle diese Angaben sind nur unbestimmt und von zumeist zweifelhafter Herkunft.

Über Nord- und Ostsibirien jedoch geben geographische, geologische und klimatologische Publikationen der sowjetischen Akademie der Wissenschaften bestimmte Auskunft. Vor allem sind die Ergebnisse der im größten Maßstab betriebenen klimatischen Forschungen interessant; nicht nur für die Siedlungsmöglichkeiten an sich ist das Klima entscheidend, sondern ebenso für den Verkehr, der sich für ganz Nordsibirien auf den Flüssen und entlang der Eismeerküste abspielt, also auf die kurze Zeit des Polarsommers beschränkt ist.

Der Sibiriengeograph W. S. Goworuchin stellt in den „Nachrichten der Geographischen Gesellschaft“ in Leningrad fest, daß das sibirische Klima seit mehreren Jahren sich auffallend verbessert. So enthält heute die Barentssee in großer Zahl Planktonorganismen, die es zu Beginn unseres Jahrhunderts in diesen Breiten 75 Grad noch nicht gab. Aber auch quantitativ hat sich die Bevölkerung der nördlichen Meere mit Kleinlebewesen so sehr vergrößert, daß die direkte Folge davon eine bedeutende Vermehrung des Fischreichtums ist; dieser wiederum und zugleich die Tatsache der Atmosphäreerwärmung haben zu einer Ausbreitung des Wohngebiets der Möwen nach Norden geführt. Um Nowaja Semlja ebenso wie bei Island kommt heute die gewöhnliche Möve vor, was früher nicht der Fall war.

Es ist klar, daß das wärmere Wasser aber nicht nur den Fischen und Möwen, sondern ebenso der menschlichen Schiffahrt zugute kommt. Wenn man hört, daß die Russen heute eine Schiffahrtslinie durch die natürliche Wasserstraße führen, die Nowaja Semlja in zwei Teile zerschneidet, so scheint das in Hinblick auf die Aussagen W. A. Goworuchins über die Meerfauna der Barentssee ohne weiteres glaubwürdig.

Aber auch auf dem Festland macht sich die Klimaverbesserung bemerkbar. Die Grenze der sogenannten „ewigen Gefrörnis“, das heißt des nie auftauenden Bodeneises, ist im beständigen Zurückweichen nach Norden. In den großen frei werdenden Gebieten beobachtet man die Erscheinung des „Thermokarstes“; über dem aufgetauten Grundeis entstehen Einsturzseen, ebenso sinken die Hügelmoore der Tundren ein und das Land wird zu einem undurchdringlichen Sumpf. Der Straßenbau in Sibirien, den die Russen unter Aufwand großer Mittel betreiben, sieht sich vor neue Schwierigkeiten gestellt, vor allem schmilzt unter schon bestehenden Straßen der Boden buchstäblich fort.

Andererseits stößt der Wald aus dem Süden und an den Hängen der Gebirge in größere Höhen vor. Dieselbe Erscheinung, die K. Griggs schon 1934 in Alaska feststellt, hat man im nördlichen Ural, auf derTaymir- halbinsel und am Anadyrfluß beobachtet: vor allem Fichte und Birke haben mit einer deutlichen Nordwanderung begonnen. Aus diesen und anderen Beispielen zieht Goworuchin den Schluß, daß die nach neuester russischer Auffassung seit Ende der Tertiärzeit bis in die unmittelbare Gegenwart in Sibirien fortdauernde permanente, langsame Klimaverschlechterung im Augenblick eine Unterbrechung erfahren hat. Statt dessen wird es im nördlichen Asien heute wärmer, und die Häfen von Sowjetskaja Gawanj gegenüber Sachalin bis Archangelsk und Molotowsk an der Dwinamündung können Jahr für Jahr eine Vermehrung der eisfreien Schiffahrtstage verzeichnen.

Aus dem sogenannten „Dalstroj“-Gebiet in Nordostsibirien erfährt man aus wissenschaftlichen Publikationen der letzten Zeit folgendes: 1945 hat eine luftgeographische Aufnahme des über dreitausend Meter hohen Tscherskij- und des Stanowoigebirges stattgefunden. Während der letzten Jahre befanden sich in diesen Gebieten ständig geologische Expeditionen; welche wirtschaftlich wichtigen Ergebnisse diese Forschungen gezeitigt haben, wurde freilich nicht publiziert. Lediglich über die Gletscher- und Eisbodenforschungen wurde berichtet. So wurde aus einer Arbeit J. N. Popows „Über die gegenwärtige Vergletscherung Nordostasiens im Zusammenhang mit dem Problem der vorzeitlichen Eisbedeckung“ die Entdeckung von 46 bisher unbekannten Gletschern an der Wasserscheide zwischen den Kolyma- und den ochotskischen Flüssen bekannt. Alle diese Gletscher befinden sich im Zustand der Abschmelze, was ebenfalls die Beobachtungen von der derzeitigen Klimaverbesserung bestätigt.

Noch interessanter ist der Bericht des Geologen P. F. Schwezow, der 1946 im benachbarten Indigirkagebiet weilte und wenige Kilometer vom „Kältepol" Ojmekon Werchojansk hat diesen Titel längst abgeben müssen Thermalquellen entdeckte, deren eine dreitausend Liter Wasser in der Sekunde fördert, das heißt zur Versorgung einer mittelgroßen Stadt ausreichen würde. Die Quelle friert bei keinem auch noch so starken Winterfrost ein, die Wassertemperatur beträgt 8,3 Grad Celsius. Diese und andere teils von P. F. Schwezow schon früher entdeckte Warmwasserquellen, ebenso unterirdische Thermalquellen, die man angebohrt hat, werden zur Versorgung der Bevölkerung und der Industrie verwendet.

In das nördlichste Gebiet Festlandsibiriens, die Taymirhalbinsel, begab sich 1943 eine wissenschaftliche und fischereiwirtschaftliche Expedition, die im Taymirsee die Voraussetzungen für den Aufbau einer großen Fischereiindustrie zu prüfen hatte. Da der See nahe dem vermutlich stark bevölkerten Kohlenrevier von Chatanga liegt, war das Interesse an der Schaffung dieser Ernährungsquelle sehr stark. Erst 1947 erfuhr man aus einem Aufsatz des Hydrobiologen W. N. Grese, daß die Ergebnisse der seinerzeitigen Forschungen zufriedenstellend waren und im Taymirsee von Natur aus zahlreiche Fischarten, vor allem Lachse, leben.

Immerhin lassen derartige wissenschaftliche Berichte darauf schließen, daß Rußland in Sibirien daran ist, wichtige wirtschaftliche Quellen zu erschließen, die eine stärkere Besiedlung dieses menschenarmen Gebietes ermöglichen. Aus den Gegenständen der Forschung erkennt man freilich,’ daß die Aufschließung des nordasiatischen Raumes auch heute noch in den Anfängen steckt, auch wenn das Tempo der Besiedlung und Ausbeutung Sibiriens ein in der bisherigen Geschichte jedenfalls noch nicht dagewesenes Ausmaß erreicht haben.

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