Kunst der Linie und radikale Nacktheit

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153 Schiele-Meisterwerke aus der Sammlung Leopold sind derzeit in Tulln zu bewundern.

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153 Schiele-Meisterwerke aus der Sammlung Leopold sind derzeit in Tulln zu bewundern.

Die Bilder von Egon Schiele in der Sammlung Leopold haben bereits ihre eigene Geschichte, sind im Gespräch und entfachen Diskussionen. Wie jüngst um die Frage des jüdischen Eigentums oder die Auseinandersetzung um das Ausfuhrverbot anläßlich der Versteigerung des "Mädchens". Schlagzeilen und Sensationsmeldungen verstellen leicht den Blick auf das Wesentliche: nämlich die Bilder und Zeichnungen selbst.

Oder gehört es bereits zum Wesen der Bilder zu erregen und zu skandalisieren? Peter Weibel meint, daß es im Motiv und der Thematik liegt, "der menschliche Körper, der so radikal nackt dargestellt wird, daß er dem zeitgenössischen Blick fast selbstverständlich pornographisch erscheinen muß".

Bleibt die Frage nach dem heutigen Blick auf die Bilder. Der Umgang mit Sexualität, mit dem nackten, verletzten, entstellten, toten Körper ist zwangsläufig ein anderer als zur Zeit Schieles. Diesem Umgang kann man sich entziehen, wo es die zeitgenössische Kunst betrifft. Der Körper wird nicht mehr auf der Leinwand dargestellt, sondern der eigene Körper wird auf radikale Weise eingesetzt. Auch kann sich kaum jemand der Werbung und den Medien entziehen, die auf nicht weniger entblößende Weise mit dem Körper umgehen.

Unser Blick ist also ein ganz anderer, und trotzdem sind die Bilder Schieles sehr präsent und teilweise verstörend. Diese Präsenz liegt aber sicherlich nicht nur am Sujet, das auch mit dem heutigen Blick noch an Grenzen zu gehen scheint, sondern vor allem an der hohen Qualität der Werke.

Es lohnt, den Blick einmal ganz scharf und konzentriert auf die Bilder selbst zu werfen, unabhängig von jeglicher Sammlungs- und Rezeptionsgeschichte. Besonders in den Zeichnungen der Tullner Ausstellung ist gut zu beobachten, wie sich Schiele vom Ornament des Jugendstils (das er ohnehin niemals so überdeckend und harmonisierend wie etwa Klimt einzusetzen vermochte) löst und zu seiner ganz eigenen ausdrucksvollen Linie und Farbigkeit findet.

Wieland Schmied schreibt, daß "seine Kunst zuerst und zuletzt eine Kunst der Linie und des Konturs ist, und daß eine Beschreibung der Eigenschaften seiner Linie zugleich eine Entwicklungsgeschichte seiner Malerei ergibt". Und genau diese Entwicklungsgeschichte läßt sich in der chronologisch gehängten Ausstellung besonders gut nachvollziehen. Wie er die bildnerischen Mittel (Linie, Form, Farbe, Komposition) einsetzt, um die menschliche Figur in dieser radikalen Weise darzustellen. Der leidende Mensch steht im Mittelpunkt seines Schaffens, die Geschlechtlichkeit des Menschen, "seine Preisgegebenheit an den Sexus, nicht an Eros" (Wieland Schmied).

Um dieses Thema kreisen die großformatigen Gemälde im Erdgeschoß der Ausstellung "Kardinal und Nonne", die "Selbstseher", der "Lyriker" die "Eremiten", die "blinde Mutter" und das "Selbstbildnis mit Judenkirsche". Dazu noch die Bilder aus Krumau, deren Thematik die "tote Stadt" ist.

Da Tulln mit Superlativen wie "die größte Schiele-Ausstellung aller Zeiten" aufwartet, gibt es neben der Hauptausstellung im Minoritenkloster noch zwei weitere Ausstellungsorte: das Schiele-Museum im ehemaligen Gefängnis in unmittelbarer Nähe zum Minoritenkloster und das Geburtszimmer Schieles am Tullner Hauptbahnhof. Das Schiele-Museum zeigt Frühwerke (Leihgaben aus dem Niederösterreichischen Landesmuseum) sowie die Original-Pritsche und Tür aus dem Neulengbacher Gefängnis, (was wiederum weniger mit seinem Werk als mit "Skandal" tun hat) und in seinem Geburtszimmer ist eine Dokumentation "Egon Schiele und die Eisenbahn" zu sehen.

Bis 13. September täglich von 9 bis 19 Uhr Minoritenkloster Tulln, Minoritenplatz 1, Eingang Donaulände.

Information: 02272/82 100

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