Streetphotography - © Foto: Natan Dvir
Ausstellung

Kunstvolle Schnappschüsse

1945 1960 1980 2000 2020

Street Photography bildet das urbane Leben ab. In der aktuellen Ausstellung im Kunst Haus Wien wird deren breites Spektrum von der distanzierten Beobachtung bis zur direkten Intervention gezeigt.

1945 1960 1980 2000 2020

Street Photography bildet das urbane Leben ab. In der aktuellen Ausstellung im Kunst Haus Wien wird deren breites Spektrum von der distanzierten Beobachtung bis zur direkten Intervention gezeigt.

Lauter deformierte Gesichter. Der eine drückt an der Scheibe seine Wange platt, der andere seine Nase. Die Menschen drängen sich wie in der sprichwörtlichen Sardinenbüchse. Ort des Geschehens ist allerdings keine Sardinenbüchse, sondern die Tokioter U-Bahn, wo es üblich ist, dass spezielles Personal die Fahrgäste in die Abteile drückt. Der deutsche (und vor Kurzem im Alter von 64 Jahren überraschend verstorbene) Fotograf Michael Wolf hat somit nichts Besonderes, sondern den ganz normalen Alltag in der japanischen Metro­pole eingefangen.

Zu sehen sind Wolfs Arbeiten derzeit im Kunst Haus Wien, in der Ausstellung „Street. Life. Photography“, die vom Hamburger Haus der Photographie/Deichtorhallen übernommen wurde. Gezeigt werden insgesamt 500 Werke, die alle das urbane Leben zum Thema haben, das ­wahre und ungeschönte.

Abbilder der Wirklichkeit?

2019 jährt sich die offizielle Geburtsstunde der Fotografie zum 180. Mal: 1839 präsentierte die französische Akademie der Wissenschaften der staunenden Öffentlichkeit ein Verfahren, die sogenannte Daguerrotypie, mit der die Welt auf silberbeschichteten Kupferplatten erstmals dauerhaft abgebildet werden konnte. Es sollten noch einmal 100 Jahre vergehen, bis sich die Fotografie von einem elitären Medium der Wohlhabenden zu einem der breiten Masse entwickelte.

In den 1930er-­Jahren kamen die Kompaktkameras auf, die nicht nur billiger als die bislang schweren Geräte waren, sondern darüber hinaus auch ein ganz neues Fotografieren ermöglichten, eines quasi aus der Hüfte heraus. Es begann die Ära der Schnappschüsse. Und damit zugleich die der Street Photography.

Lauter deformierte Gesichter. Der eine drückt an der Scheibe seine Wange platt, der andere seine Nase. Die Menschen drängen sich wie in der sprichwörtlichen Sardinenbüchse. Ort des Geschehens ist allerdings keine Sardinenbüchse, sondern die Tokioter U-Bahn, wo es üblich ist, dass spezielles Personal die Fahrgäste in die Abteile drückt. Der deutsche (und vor Kurzem im Alter von 64 Jahren überraschend verstorbene) Fotograf Michael Wolf hat somit nichts Besonderes, sondern den ganz normalen Alltag in der japanischen Metro­pole eingefangen.

Zu sehen sind Wolfs Arbeiten derzeit im Kunst Haus Wien, in der Ausstellung „Street. Life. Photography“, die vom Hamburger Haus der Photographie/Deichtorhallen übernommen wurde. Gezeigt werden insgesamt 500 Werke, die alle das urbane Leben zum Thema haben, das ­wahre und ungeschönte.

Abbilder der Wirklichkeit?

2019 jährt sich die offizielle Geburtsstunde der Fotografie zum 180. Mal: 1839 präsentierte die französische Akademie der Wissenschaften der staunenden Öffentlichkeit ein Verfahren, die sogenannte Daguerrotypie, mit der die Welt auf silberbeschichteten Kupferplatten erstmals dauerhaft abgebildet werden konnte. Es sollten noch einmal 100 Jahre vergehen, bis sich die Fotografie von einem elitären Medium der Wohlhabenden zu einem der breiten Masse entwickelte.

In den 1930er-­Jahren kamen die Kompaktkameras auf, die nicht nur billiger als die bislang schweren Geräte waren, sondern darüber hinaus auch ein ganz neues Fotografieren ermöglichten, eines quasi aus der Hüfte heraus. Es begann die Ära der Schnappschüsse. Und damit zugleich die der Street Photography.

Die Ausstellung spannt einen weiten ­Bogen, von den Anfängen bis in die Gegenwart, von 80 Jahre alten Arbeiten einer Lisette Model bis zu jüngsten einer Lies Maculan.

Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen, von den Anfängen bis in die Gegenwart, von 80 Jahre alten Arbeiten einer Lisette Model bis zu jüngsten einer Lies Maculan. Schwarz-Weiß-Fotografie trifft auf Farbfotografie, hier herrscht keine chronologische Strenge, es geht vielmehr bunt durcheinander. Und das mit Absicht. Die Ausstellung, so die Kuratorin Sabine Schnakenberg, will nicht belehren, sie soll Spaß machen.
Eben haben wir uns noch an Wolfs skurrilen Bildern erfreut, nun stehen wir vor Arbeiten von Mohamed Bourouissa, die regelrecht Angst machen: nächtliche Szenen aus den Pariser Vororten, von Hauseingängen und Unterführungen, wo sich etliche fins­tere Gestalten aufhalten. Im wirklichen Leben möchte ich da nicht vorbeikommen, denkt sich der Betrachter.

Doch dann klärt die Kuratorin bei einem Gang durch die Ausstellung auf: Alle Szenen sind gestellt, mit Schauspielern. Nun sieht der Betrachter die Bilder mit anderen Augen: perfekt arrangiert! Zugleich fühlt er sich etwas hinters Licht geführt. Einmal mehr wird er daran erinnert, dass das, was auf einem Foto zu sehen ist, nicht unbedingt ein getreues Abbild der Wirklichkeit ist. Außerdem zeigt ihm dieses Beispiel, dass der Begriff Street Photo­graphy hier in dieser Ausstellung sehr weit ausgelegt wird – Arrangements werden dazugerechnet.

Dougie Wallace hingegen hat nicht mit Schauspielern gearbeitet, er hat das wirkliche Leben eingefangen: Der britische Fotograf zeigt in einer Serie alte Damen in Glasgow, schrecklich auf jung geschminkt. In einer anderen das hektische Treiben in den Taxis von Bombay. Beide Male kam er seinen Protagonisten nahe, so nahe, dass es dem Betrachter dieser Bilder geradewegs unangenehm ist. Da wurde ­eine ­Grenze überschritten, nämlich in die Intimsphäre anderer eingedrungen.

Street Photography ist wichtig, ein wertvolles Kulturgut. Wie sonst sollten wir wissen, wie etwa das Straßenleben im Paris der 1960er-Jahre aussah? Doch die Arbeit erfordert Respekt gegenüber den abgebildeten Personen. Der künstlerische Anspruch in Ehren, aber alles darf nicht erlaubt sein. Und ist es ja auch nicht. Sollte sich ein Besucher auf einem der Werke wiederfinden, zu dem er kein Einverständnis gegeben hat, könnte er darauf bestehen, dass es abgehängt wird.

Ausstellung

Street. Life. Photography

Kunst Haus Wien
bis 16. Feb. 2020
tägl. von 10 bis 18 Uhr

Kunsthaus Wien