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Leidenslust

Die Figur des Heiligen Sebastian in der Kunst der Gegenwart als Thema einer Wiener Ausstellung.

Eine kleine grob geschnitzte Holzfigur steht auf einem hohen Sockel. Es ist ein unscheinbarer Mann mit einer schwarzen Hose und einem weißen Hemd - am ganzen Körper durchbohrt von Pfeilen. Das Holzmännchen trägt den Titel "Märtyrer", geschnitzt im Jahr 2003 vom deutschen Bildhauer Stephan Balkenhol. In ihrer Alltäglichkeit ist diese Skulptur eines der berührendsten Objekte einer Ausstellung in der Kunsthalle Wien, die sich der Figur des "Heiligen Sebastian" widmet. Balkenhols ungewöhnliche Interpretation der Märtyrergestalt überzeugt, weil sie mit der kunstgeschichtlichen Tradition bricht und einen Sebastian des Alltags zeigt - fern jeglicher Pathetik und Heroisierung. Im Unterschied zu den meisten Darstellungen leidet die Figur nicht. Zumindest nicht sichtbar. Sie zeigt auch keine Lust am Leiden. Balkenhol demonstriert, dass es nicht Auserwählte sind, denen das Privileg, zukommt, Märtyrer zu sein: "Jeder könnte im Prinzip zum Märtyrer werden, wenn er sich angreifbar macht, indem er das Risiko eingeht, sich für seine Überzeugung einzusetzen - mit seiner ganzen Existenz."

Der Künstler als Märtyrer

Künstler und Schriftsteller waren seit jeher von diesem Heiligen fasziniert, mit keinem anderen haben sie sich so identifiziert wie mit ihm. Salvador Dalí hat seine Briefe an den Dichter-Freund Lorca mit "San Sebastian" unterschrieben und gemeint: "Irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, ihn mein ganzes Leben gekannt zu haben." Auch Egon Schiele hat sich selbst auf einem Ausstellungsplakat 1915 als von Pfeilen attackierter Märtyrer dargestellt. Und der legendäre japanische Schriftsteller Yukio Mishima schildert in dem autobiografischen Buch "Geständnis einer Maske" (1949), wie ein heranwachsender Junge beim Betrachten von Guido Renis Sebastian-Gemälde seine Homosexualität entdeckt. Jahre später wird sich Mishima von dem Fotografen Eikoh Hosoe als Heiliger Sebastian fotografieren lassen - es entstehen Bilder, die rückblickend grausame Bedeutung bekommen, hat der Dichter doch 1970 Selbstmord begangen, indem er sich ein Schwert in den Bauch stieß.

Den Schmerz genießen

Der Mythos Sebastian und die künstlerischen Auslegungen des nackten, den Schmerz nahezu genießenden jungen Märtyrers haben sich allerdings im Laufe der Geschichte gewandelt. Denn noch im Mittelalter haben Maler den Heiligen Sebastian, der als Hauptmann am Hof vom Diokletian ungeachtet des Verbots zu seinem christlichen Glauben stand und dafür mit Pfeilen gemartert wurde, als bekleideten Krieger in mittelalterlicher Tracht dargestellt. Erst ab dem 15. Jahrhundert, besonders aber in der oberitalienischen Renaissance wurde der Typus geboren, der unser Bild von Sebastian bis heute prägt. Nun zeigen die Bilder einen beinahe nackten jungen Mann, gebunden an einen Baum oder an eine Säule, mit Pfeilen im Fleisch - den Blick verklärt nach oben gerichtet. Perugino, Mantegna, Tintoretto, El Greco, Guido Reni - sie alle haben sich an dieser Darstellung des Heiligen Sebastian abgearbeitet. Der androgyne Schmerzensmann, zunächst Schutzheiliger der Soldaten, der Pestkranken und zahlreicher anderer Gruppierungen, wurde zur Leitfigur für den leidenden Künstler, den sich nackt zur Schau stellenden Mann, in der Folge zur Ikone für Homosexuelle und auch AIDS-Kranke.

Ikone der Homoerotik

Die Schau in der Kunsthalle bringt erwartungsgemäß keinen historischen Überblick, sondern konzentriert sich auf ausgewählte, künstlerische Positionen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Den Auftakt bildet eine Bezugnahme auf Gabriele D' Annunzios und Claude Debussys skandalumwobene Oper "Le Martyre de Saint Sébastien", bei deren Uraufführung Ida Rubinstein, eine jüdische Frau, den christlichen Heiligen spielte, was dazu führte, dass der Erzbischof mit Exkommunikation drohte.

Im Zentrum stehen jedoch fotografische und filmische Arbeiten, die den androgynen Sebastian aus homoerotischer Sicht zeigen. Hier erscheint vieles grenzwärtig kitschig und oft allzu lieblich und manieriert. Es mag aber auch an meinem weiblichen Blickwinkel liegen, dass mir besonders die Arbeiten interessant erscheinen, die mit der Tradition brechen und das Thema weniger illustrierend auslegen. So verwandelt Louise Bourgeois in ihrer rosa Stoffskulptur "St. Sebastienne" den Märtyrer zu einer Frau, die den Pfeilen durch Bewegung zu entrinnen versucht.

Selbstverstümmelung

Auffällig ist, dass gerade die Heimmatadore der Verletzung und Selbstverletzung - die Wiener Aktionisten - in der Ausstellung fehlen. Wohl kaum ein anderer Künstler des 20. Jahrhunderts hat seinen Körper so direkt verletzenden Materialien ausgesetzt und sich selbst als Schmerzensmann in die Kunst eingebracht wie Günter Brus. Seine Aktion "Selbstverstümmelung", die unverkennbar die Sebastian-Tradition aufgreift, kann man derzeit in Form eines riesigen Fotos in der Albertina ergänzend zur Kunsthallen-Schau betrachten. Gerade durch diese räumliche Trennung wird erkennbar, wie tief die Darstellung des Heiligen Sebastian in unserem Bildgedächtnis verankert ist. Und wer nach der Ausstellung die historischen Vorbilder vermisst - der braucht nur den Gang über die Straße ins Kunsthistorische Museum machen. Hier findet er einen "Heiligen Sebastian" von dem Hauptmeister der italienischen Frührenaissance, Andrea Mantegna, etwa um 1457 entstanden, also einer Zeit, als sich der Mythos vom schönen leidenden Jünglings gerade zu etablieren begann.

Heiliger Sebastian

Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1,

1070 Wien, Bis 15. Februar 2004,

tägl. 10-19 Uhr, Do 10-22 Uhr.

Information: www.kunsthallewien.at

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