Eros und Kunst im BA-CA-Kunstforum: Wunderbare Exponate, traditionelle Sicht.

Die Verbindung von Erotik und Kunst sorgt immer für Aufregung. Das war 1866 so, als Gustave Courbet das skandalträchtige Gemälde Der Ursprung der Welt malte, in dem er ein unverhülltes weibliches Geschlecht prominent ins Bildzentrum stellte. Dass das Gemälde zu Entstehungszeiten für Fassungslosigkeit sorgte, ist nachvollziehbar. Dass im Vorjahr ein Zitat auf Courbets Bild im Rahmen der Plakataktion 25 Peaces abermals einen Skandal hervorrief, mag erstaunen. Es zeigt aber, dass die Koppelung von Kunst und Erotik auch in Zeiten schockiert, in denen Nacktheit und öffentlich zur Schau gestellte Sexualität in der Alltagskultur allgegenwärtig sind. Nach einer Kampagne der Kronen Zeitung wurde das so genannte EU-Slip-Plakat der Künstlerin Tanja Ostoji´c entfernt.

Für Konrad Paul Liessmann besteht kein Zweifel, dass die Faszination an erotischer Kunst ungebrochen ist, weil "das Erotische und seine Konnotationen im künstlerisch-ästhetischen Bereich noch immer mit anderen Maßstäben gemessen zu werden scheinen als etwa in der Mode, in der Werbung oder in den Boulevardmedien. So verzahnt diese Bereiche mitunter auch sind, so sehr sich Kunst, Mode und Werbung mittlerweile in ihren Strategien, Methoden und Sujets auch austauschen, das Erotische fungiert in der Kunst nicht nur als besonderer Blickfang, sondern auch als Ausdruck einer weit intensiveren Auseinandersetzung mit einer zentralen Dimension menschlichen Lebens und Erlebens, als sie den Medien des Zeitgeists in der Regel zugetraut wird."

Erotische Kunst erregt

Wie es um das Naheverhältnis zwischen Kunst und Erotik bestellt ist, versucht eine Ausstellung im BA-CA Kunstforum anhand von 200 Werken renommierter Künstler und Künstlerinnen zu überprüfen. Zeitgleich spannt sich der Bogen vom späten 19. Jahrhundert bis in die jüngste Gegenwart. Die Schau hat bereits vor der Eröffnung für großes Interesse gesorgt. Nicht nur wegen des Themas, dem sich Liessmann in dem zentralen Essay des Katalogs widmet. Auch, weil durch die weibliche Direktorin eine alternative Sichtweise auf das Thema erhofft werden durfte. Und weil es sich bei Eros in der Kunst der Moderne um eine Kooperation mit der renommierten Fondation Beyeler aus Basel handelt.

Noch dazu haben die Ausstellungsmacher in ihren Informationstexten relevante Fragen zum Thema aufgeworfen: "Ist die aus dem 19. Jahrhundert herrührende Vorstellung, im zur Zeugung bereiten weiblichen Schoss sei der ,Ursprung der Welt', auf einen typisch ,männlichen' Blick zurückzuführen?" Und: "Gibt es eine spezifisch weibliche Sicht auf den Eros?"

Beim Gang durch die Räumlichkeiten des Kunstforums erlebt man dann völlig unerwartet ein Wechselbad der Gefühle. Denn genau diese Fragen findet man durch Auswahl und Art der Präsentation kaum beantwortet. Natürlich: Hier finden sich viele ganz wunderbare Werke. Allein schon wegen des Plakatmotivs, Pierre Bonnards Le Cabinet de toilette au canapé rose (1908), lohnt sich der Besuch. Das pastellfarbene Bild zeigt, wie Bonnard den nackten Akt, die Intimität des Badens und den Augenblick des sich im Wasser spiegelnden Lichtes zum Hauptthema seiner Kunst erklärte.

Im ersten Saal erscheint die starke Präsenz weiblicher Akte legitim. Schließlich beschränkte sich Erotik jahrhundertelang auf die Darstellung nackter Frauen aus der Sicht männliche Künstler - ob das nun die Susanna im Bade oder die nackte Venus war.

Männerakte unterschlagen

Dass es in der Kunstgeschichte nur wenige erotische Männerbildnisse gibt, daran kann auch eine heutige Ausstellung nichts ändern. Dass aber gerade in Wien von Egon Schiele ebenfalls nur Mädchenbildnisse zu sehen sind, ist schwer entschuldbar. Schließlich war Egon Schiele einer der wenigen Künstler seiner Zeit, der den eignen Körper in erotischen Selbstporträts zur Schau stellte.

Überhaupt scheint auch in der Gegenwartskunst-Abteilung Erotik allzu sehr auf Männerblicke reduziert. Maria Lassnigs Körpererfahrungsbilder wären eine Bereicherung gewesen - stattdessen hätte man sich Francesco Clementes Rückenakt getrost sparen können.

Louise Bourgeois' Penisskulptur Fillette (1968/1999) gehört neben Robert Mapplethorpes Schwarzweißfotos oder David Hockneys Zeichnungen zu den wenigen Objekten, die den Blick auf das männliche Geschlecht richten. Herausragend sind Arbeiten von Rebecca Horn, Jenny Holzer und Rosemarie Trockel, die den Begriff von Erotik weiter fassen und wo das Erotische in transformierter Form zum Ausdruck kommt.

Dass ein Klassiker des feministischen Aktionismus wie Valie Exports Aktionshose: Genitalpanik (1969) in den Keller verbannt wurde, während Christan Ludwig Attersees Akt von Direktorin Ingried Brugger (Kometin, 2001) prominent neben den Expressionisten hängt, hinterlässt einen seltsamen Eindruck. Unverständlich auch, warum Arbeiten, die die geschlechtliche Identität in Frage stellen, kaum präsent sind - und etwa Österreichs Parade-Erotik-Künstler Günter Brus, der sich in literarisch-bildnerischen Serien wie Das erotische Testament (1986) selten explizit mit Erotik befasst hat, überhaupt nicht vertreten ist.

EROS IN DER KUNST DER MODERNE

BA-CA Kunstforum

Freyung 18, 1010 Wien

www.ba-ca-kunstforum.at

Bis 22. 7. tägl. 10-19, Fr 10-21 Uhr

Katalog im Hatje Cantz Verlag,

200 Seiten, € 29,-

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