Ein Gespräch mit dem Leiter des Ungarischen Kulturinstituts "Collegium Hungaricum", Károly Csúri, über ungarische Kultur, mitteleuropäische Gemeinsamkeiten und Irritationen sowie über Perspektiven nach der EU-Erweiterung.

Die Furche: Herr Prof. Csúri, was sind die Hauptaufgaben des Ungarischen Kulturinstituts in Wien?

KÁroly CsÚri: Einserseits ging es von Anfang an darum, die österreichisch-ungarische Geschichte zu bearbeiten, die Quellen in den Wiener Archiven zu erforschen und die gemeinsame Geschichte neu zu denken. Viele Stipendiaten kommen zu uns, um in den österreichischen Staatsarchiven zu arbeiten. Dazu organisieren wir Vorträge zu den Themen, die für beide Teile wichtig sind.

Zum anderen wollen wir die Werte der ungarischen Kunst und Kultur in Österreich präsentieren. Dazu finden viele Veranstaltungen im Haus statt: Ausstellungen, Konzerte, Präsentationen und literarische Lesungen oder auch Theateraufführungen bis hin zu Übersetzungskursen und Volkstanz. Umgekehrt bringen wir nicht nur etwas für die Österreicher her, sondern wollen auch von ihnen etwas kennen lernen und nach Ungarn vermitteln.

Die Furche: Sind Sie damit zufrieden, was man in Österreich über ungarische Kunst und Kultur weiß oder ist der Austausch ungleichgewichtig - weiß man in Ungarn mehr über Österreich als umgekehrt?

CsÚri: Ich bin nicht zufrieden und habe ja auch eine Erklärung dafür. Es liegt zum Teil sicher an diesen 40, 50 Jahren, wo wir sehr scharf von einander getrennt waren und wo sich das Interesse in Österreich nach dem Westen Europas oder nach Amerika gerichtet hat. Trotz der historischen Wurzeln, die uns früher miteinander verbunden haben, ist besonders die jüngere Generation völlig anders orientiert, und daher ist es natürlich eine sehr wichtige Aufgabe -, nicht nur jetzt, sondern auch nach dem EU-Beitritt; damit wird die Kulturvermittlung sicher nicht aufhören.

Der Eiserne Vorhang war übrigens auch umgekehrt wirksam. Obwohl für Ungarn immer Wien das Tor zum Westen bedeutet hat, ging das Interesse weniger nach Österreich, vielleicht auch, weil Deutschland manchmal etwas früher da war und in Ungarn mehr investiert und größere Werbung gemacht hat. Seit Österreich in den letzten Jahren sehr gut und geschickt agiert hat - mit den Österreich-Bibliotheken und der Unterstützung von Österreich-Lehrstühlen in Ungarn zum Beispiel - ist das Interesse lebendiger geworden. Aber die Generation, die noch gut deutsch kann, tritt langsam ab, und bei der jüngeren Generation steht, wie überall, Englisch im Vordergrund.

Die Furche: Ist das Kennenlernen des jeweils anderen auch dazu notwendig, um das eigene Land, die eigene Kultur und Geschichte besser zu verstehen?

CsÚri: Sicher. Das ist meine persönliche Erfahrung. Seit ich hier in Wien bin, sehe ich in der Tat unsere Verhältnisse zu Hause etwas anders. Besonders wenn man eine Kulturinstitution leitet, ist es wichtig, mit den Augen der anderen zu sehen, weil man wirklich auf diese Weise am besten vermitteln kann, was man vermitteln möchte: Wenn man weiß, was die Erwartungen und Vorbehalte sind. Man muss also nicht nur Österreich kennen lernen, sondern das eigene Land nochmals aus dieser Sicht.

Die Furche: Wo liegen für Sie die Spitzen dessen, was Ungarn künstlerisch und kulturell der Welt geben kann?

CsÚri: Sicher ist die Musik eine Sache, wo Ungarn viel gegeben hat, auch dadurch, dass viele ausgezeichnete ungarische Musiker nicht zu Hause wirken, sondern überall in der ganzen Welt. Daher ist es gerade in Österreich und in Wien, wo die Musik eine sehr große Rolle spielt, wichtig, begabte junge Leute und auch bekannte Interpreten vorzustellen oder - wie etwa beim Bartók-Festival im Vorjahr - auf kompakte Weise mit mehreren Konzerten, mit einer Filmvorführung, einer Fotoausstellung, mit Vorträgen von allen Seiten her zu beleuchten, was vielleicht nicht so einfach zugänglich ist.

Wir haben Interpreten wie das Bartók-Streichquartett, den Geiger Barnabás Kelemen oder Márta Gulyás, den Opernsänger József Gregor nach Wien gebracht. Anfang kommenden Jahres wird Gergely Pogány, einer der besten Pianisten der jüngeren Generation, gleichrangig mit Deszö Ranki und Zoltan Kocsis, zu uns kommen. Wir veranstalten auch Konzerte mit einigen Ungarn, die hier in Wien an der Oper sind oder bei den Philharmonikern spielen, Ildikó Raimondi zum Beispiel.

In der Kunst haben wir einiges zu zeigen. Was etwa in Österreich fehlt, ist die frühe AvantgardePeriode; mein Vorgänger hat mehrere Ausstellungen dazu organisiert. Ich habe eher mit den Parallelen angefangen, die es in Europa gab, mit Malern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der ungarischen Tiefebene, die wunderbare Landschaftsbilder gemacht haben. Sie sind wenig bekannt, obwohl gerade dabei August von Pettenkofen eine wichtige Rolle gespielt hat, ein Österreicher, der dorthin ging und die Tiefebene malen wollte. Ich habe mir vorgenommen, nur selten eine einzelne Persönlichkeit auszuwählen, weil die wenig bekannt sind - Béla Czobel haben wir ausgestellt, der halb in Ungarn und halb in Paris lebt. Im kommenden Jahr wird das Wiener Publikum in einer großen Ausstellung Namen wie Csontváry, Gulácsi oder Rippl-Ronai und den ungarischen Historismus kennenlernen, wo wir sicher gleichrangig sind mit der europäischen Malerei, aber auch Konstruktivismus und Landschaftsbilder. Die Galerie Knoll, die sowohl in Wien als auch in Budapest eine Galerie betreibt, hat den zeitgenössischen Maler Ákos Birkás ausgestellt. Auch auf dem Gebiet des Kunstgewerbes machen wir einiges; im kommenden Frühling wird Glaskunst aus Ungarn ausgestellt.

Die Literatur ist aufgrund der Sprache am schwierigsten zu vermitteln. Der Nobelpreis für Imre Kertész könnte wieder einen Schwung für die ganze ungarische Literatur bedeuten. Am 3. Dezember machen wir einen Abend über Imre Kertész, wo das Budapester deutschsprachige Theater eine Collage aus seinem Werk vortragen wird; er selbst wird am 1. Dezember zu Gast im Burgtheater sein.

Die Furche: Ist Folklore noch ein wesentlicher Bestandteil der kulturellen Selbstverständnisses Ungarns?

CsÚri: Sie ist vielleicht am bekanntesten von Ungarn. Selbst wenn das Land nicht besonders reich war und ist, gehören wir sicher zu den reichsten Ländern in der Welt, was Folklore betrifft. Wir haben eine Riesenauswahl von authentischen Musik- und Tanzensembles, die Folklore an Ort und Stelle gelernt haben als eine Muttersprache, nachdem die "Tanzhaus-Bewegung" Anfang der siebziger Jahre angefangen hat - damals als Widerstandsbewegung gegen das damalige Regime, aber doch zugelassen und geduldet, und langsam wuchs das zu einer großen Massenbewegung. Das Ergebnis ist heute, dass sehr viel nach dem Muster von Bartók und Kodály gesammelt wurde an Ortschaften, wo heute noch die Folklore lebendig ist: in Siebenbürgen, aber auch in der Slowakei, und daher haben wir ein Riesenmaterial, bis heute unbearbeitet, Aufzeichnungen von mehreren Tausenden Metern. Ein Höhepunkt eines jeden Jahres ist, wenn wir das ungarische TanzhausTreffen in Wien veranstalten, da nehmen immer 200-300 Leute teil, auch viele Österreicher kommen zum Galaabend.

Die Furche: Ist nicht auch der Film eine große Säule ungarischer Kultur? Ungarische Filmleute waren ja bis hin zu Hollywood unglaublich erfolgreich.

CsÚri: Viele sind nach Amerika gegangen und berühmte Regisseure und auch Fotokünstler geworden. Eine große Periode waren bei uns die sechziger und siebziger Jahre. Jetzt läuft bei uns gerade eine Serie mit István Gál, Sándor Sára, Ferenc Kósa oder Miklós Jancsó und István Szabó natürlich. Weniger bekannt ist die neue Generation. Als ich meine Arbeit begann, sagte man mir, man hätte in österreichischen Kinos seit 1992 keinen ungarischen Film gespielt; deswegen haben wir zusammen mit dem Filmarchiv Austria 1999 ein großes Filmfestival gemacht und 46 ungarische Filme vorgeführt.

Die Furche: Wird der EU-Beitritt Ungarns die Situation der Kultur und der Kulturarbeit verändern?

CsÚri: Niemand will, dass dadurch ein einheitliches Europa im schlechten Sinn, ein eintöniges Europa entsteht, sondern wir sprechen alle von einer Einheit, aber mit einer Vielfalt von Kulturen, und das will natürlich auch Ungarn bewahren und in diesem Sinne handeln. Das heißt, die Kulturvermittlung wird sicher nicht reduziert. Ich denke, dass wir die Kultur der ehemaligen ungarischen Gebiete, die heute zu den umliegenden Staaten gehören, vielleicht etwas stärker zeigen, wird sicher sehr wichtig sein, weil wir auch heute eine nationale Kultur und nicht nur eine Landeskultur sein wollen, weil wir sehr viel kulturellen Reichtum außerhalb unserer heutigen Grenzen haben. Das wird noch wichtiger sein vor dem Beitritt dieser Länder - wir wünschen ja immer, dass sie alle kommen.

Ich glaube, dass man nach dem EU-Beitritt die kulturelle Zusammenarbeit mit den anderen Ländern, die hier in Wien vertreten sind, verstärken kann. Bis jetzt war jeder vor allem daran interessiert, das eigene Land zu präsentieren und akzeptieren zu lassen und dadurch Sympathie für das eigene Land zu wecken. Ich glaube, dann wird die Notwendigkeit dieser Betrachtungsweise vorbei sein. Dann kann man wesentlich mehr zusammen machen als jetzt. Über unsere Länder ist ja in Österreich während dieser Zeit des Eisernen Vorhanges notwendigerweise ein ziemlich falsches Bild entstanden. Und jetzt will jedes Land beweisen, dass wir doch ein wenig anders sind als man sich das vorgestellt hat - nicht etwas Besseres, aber das, was wir wirklich sind, zugänglich machen. Und das braucht Zeit, das braucht Energie, das braucht eine eigene Arbeit als später, wenn man sich auch mehr leisten wird können in Zusammenarbeit mit anderen Ländern.

Die Furche: Ungarn wird ja dann nicht nur mit Österreich, sondern mit Tschechien, der Slowakei, Polen oder Slowenien zu einem gemeinsamen politischen Raum gehören. Ist das auch eine Chance, dass ein mitteleuropäischer Kulturraum, der gewisse gemeinsame Wurzeln hat, näher zusammenwächst?

CsÚri: Ich hoffe das sehr. Natürlich gibt es immer noch und immer wieder bestimmte Ressentiments, die politisch ab und zu hochkommen und die man nie richtig ausräumen kann; das wird noch dauern. Sie haben ja in manchen Fällen auch einen verständlichen historischen Hintergrund und sind nicht allein durch die Aufhebung der Grenzen zu beseitigen. Die ist sehr wichtig, weil man sich freier bewegen kann und weil alles, was jetzt ungleich ist zwischen diesen Staaten, eingestellt wird, und das wird diese Ressentiments ja auch selbst reduzieren. Aber sicherlich hängt das in vieler Hinsicht mit der Wirtschaftslage und dem Lebensstandard zusammen. Wenn sich das verändert, werden sich viele heutige Schwierigkeiten aufheben.

Ich glaube daran, dass es wirklich ein Mitteleuropa mit gemeinsamen Wurzeln gibt, selbst wenn die eigenen Entwicklungen dieser Kulturen natürlich auch vorhanden sind, das will ich nicht verwischen. Aber man kann auf der Grundlage dieser Gemeinsamkeiten arbeiten, davon bin ich fest überzeugt.

Das Gespräch führte Cornelius Hell.

Ausstellung

Zeit des Aufbruchs

Budapest und Wien zwischen Historismus und Avantgarde

Die gemeinsame Ausstellung des Collegium Hungaricum und des Kunsthistorischen Museums in Wien wird die größte ungarische Kulturpräsentation seit der Weltausstellung 1873 sein.

Palais Harrach, 10. Februar bis Ende April 2003

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