Moderne neu beleuchtet

Gerade weil die Ära, als Freud und Nietzsche in der Luft lagen, so unterschiedliche Künstler hervorgebracht hat, möchte das Leopold Museum diese Vielfalt zeigen.

Hundert Jahre ist es her, dass sie verstarben: Egon Schiele, Gustav Klimt, Otto Wagner und Koloman Moser. 2018 wird uns somit Gedenkausstellungen in zahlreichen Kunstmuseen bescheren, den Anfang macht das Leopold Museum mit einer Neuaufstellung der Schausammlung "Wien um 1900", die durch einige Neuzugänge bereichert wurde.

Ganz absichtlich zeigt man zum Auftakt keine Personale, sondern gleich vier Künstlerräume, wie Direktor Hans-Peter Wipplinger der FURCHE erklärt. "Die Diversität der Moderne" würde er diese gerne übertiteln, will er doch präsentieren, wie verschiedenartig die Künstler um 1900 arbeiteten. Den beiden "Todes-Jubilaren" Kolo Moser und Gustav Klimt stellt man radikale Vertreter ganz anderer Arbeitsweisen, Richard Gerstl und Oskar Kokoschka, gegenüber.

Die Vielseitigkeit Kolo Mosers

Am Anfang steht der "Tausendkünstler" Kolo Moser, wie ihn Hermann Bahr einst nannte. Der von Elisabeth Leopold gestaltete Raum wird mit einem Intarsienschrank mit edelsten Hölzern und Perlmutt, einer Stehlampe aus der Sammlung Leopold II., von strengen Linien geprägten Möbeln, Geschirr, frühen Grafiken und späten Gemälden der Vielseitigkeit Kolo Mosers gerecht, der dereinst die Wiener Werkstätten mitbegründete sowie federführend in der Secession und deren Zeitschrift "Ver Sacrum" war. Neu in diesem Raum sind beispielsweise ein Plakatentwurf für ebendiese, Grafiken und Reliefentwürfe. Gerade die Gemälde dienen dem Leopold Museum als Alleinstellungsmerkmal, beispielsweise gegenüber dem MAK, das Kolo Moser Ende des Jahres eine Einzelausstellung widmet. Wer kürzlich im Leopold Museum die Ferdinand Hodler Exposition sah, kann Vergleiche anstellen, sind Mosers Gemälde doch in ihrer Tendenz zur Abstraktion und ihrem Pathos von diesem Schweizer Künstler stark beeinflusst. Auch wenn hier Moser in ganzer Bandbreite gezeigt werden soll, habe man sich, so Wipplinger, zurückgehalten, um MAK und Theatermuseum, wo demnächst eine Wiener Werkstätten-Schau präsentiert wird, nicht den Boden abzugraben. "Wir trumpfen dann mit Schiele und Klimt auf", sagt er. Ihnen wird Ende Februar beziehungsweise Ende Juni jeweils eine Personale gewidmet.

Bis dahin können Klimt-Liebhaber einerseits "Tod und Leben", das Wipplinger "unseren Kuss" nennt, in neuem Licht erleben und andererseits einen auffällig düsteren Klimt studieren -beispielsweise in der dramatischen Himmelsstimmung in "Die große Pappel II" oder in "Ein Morgen am Teiche". Den abgründigen Naturalisten Klimt, für den sich Sammler Rudolf Leopold eben mehr interessiert hat als für den weitaus bekannteren dekorativen Jugendstilkünstler. Für die Personale verspricht Wipplinger Großes: "Ein Urenkel Klimts hat uns 120 Exponate als Dauerleihgaben übergeben, schöne Zeichnungen, Gemälde aus den 80er-Jahren und Vintage-Fotografien, die wir dann präsentieren werden. Beispielsweise ein Foto, das 'Tod und Leben' in einer frühen Version zeigt."

Den beiden Bewahrern des schönen Scheins, Klimt und Moser, diesen am Traum und am Dekorativen Interessierten, stellt man zwei Künstler der Abgründigkeiten gegenüber. Wo Oskar Kokoschkas Mädchenakt, das früheste Werk des ihm gewidmeten Raums, auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, deutet sich die wilde, expressive Art zu arbeiten schon an. In der Folge zeigen die Gemälde den psychologisierenden Maler-Berserker in seiner Entwicklung - bis hin zum "Anschluss -Alice im Wunderland"."Unsere Intention ist es, Kokoschka die Ehre zu erweisen, die er verdient", so Wipplinger.

Flirrend, wild, radikal

Radikales gibt es auch einen Raum weiter bei Richard Gerstl, dessen Bilder nach Leihgaben nach Frankfurt und New York nun wieder daheim sind. Man sieht wilde Landschaften, in denen Farben pastos ineinander gehen, flirrende Interieur-Darstellungen, Porträts, in denen Arme Fleischklumpen ähneln und ein wilder Strich als Hutband genügt. "Gerstl war der modernste Vertreter und seiner Zeit weit voraus", sagt Wipplinger. Gerade eben, weil die Ära, als Freud und Nietzsche in der Luft lagen, so unterschiedliche Künstler hervorgebracht hatte, sei es ein Anliegen, diese Vielfalt zu zeigen - was ab 23.2. mit der Egon-Schiele-Jubiläumsschau fortgesetzt wird.

Wien um 1900 bis 10.6., Leopold Museum Wien Mi -Mo 10 bis 18 Uhr, Do bis 21 Uhr www.leopoldmuseum.org

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