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Museum für Mitteleuropa

160 Jahre Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg:Es stellt weder die Germanen noch teutonischen Nationalismus zur Schau, sondern Staaten übergreifende mitteleuropäische Kulturgeschichte.

Wer behauptet, sich in dem verschachtelten Bauwerk des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg noch nicht verlaufen zu haben, der lügt. Aber wer sich dort als Pfadfinder einigermaßen eingelebt hat, der wird gerne durch die verschiedenen An- und Zubauten treppauf, treppab streifen und immer neue Entdeckungen machen. Gerade jetzt im Jahr des 150-jährigen Jubiläums gibt es Sonderausstellungen und Neuaufstellungen einzelner Abteilungen in Fülle. Ein Glück nur, dass damals die Wahl auf das vom bayerischen König angebotene Nürnberger Karthäuserkloster fiel. Wo hätte man neben der Wartburg in Thüringen oder der Veste Coburg anbauen sollen, um die ständig wachsenden Bestände unterzubringen?

Seit Kaiser Franz 1806 die Krone des Heiligen Römischen Reiches niedergelegt hatte, wuchs die unerfüllbare Sehnsucht nach einem neuen Kaiserreich. Wenigstens eine kulturelle Einheit sollte es sein, gegründet auf Vorstellungen vom alten Reich des Mittelalters. Allenthalben bildeten sich Geschichts- und Altertumsvereine. Und hielten 1852 in Dresden eine Generalversammlung ab. Mit dabei war Hans Freiherr von und zu Aufsess, auf dessen Initiative 1833 in Nürnberg die "Gesellschaft für Erhaltung der Denkmäler älterer deutscher Geschichte, Literatur und Kunst" entstanden war. Ursprünglich kam die Anregung von König Ludwig I. von Bayern, der wiederum beobachtet hatte, wie 1818 in Prag eine Gruppe von Adeligen, beeinflusst von Alexander von Humboldt, ein Nationalmuseum gründete. Freiherr von Aufsess hatte den Gedanken umso lieber aufgegriffen, als nach dem Zerfall des Reiches und der Not der Napoleonischen Kriege viele kostbare Altertümer in Gefahr, andererseits aber günstig zu erwerben waren. Noch hatte die Romantik ja nicht überall das Verständnis für die Zeugnisse großer Vergangenheit geweckt. "Wer das Vaterland liebt, ... der muß auch eine Liebe zur Geschichte des Vaterlandes hegen": das Credo der Herrn von und zu Aufsess.

In Dresden schritt man zur Tat. Eine Kommission legte am 17. August 1852 die Satzungen vor und stellte fest, dass das Museum, "soweit diese Gründung durch die Kräfte eines Privatmannes möglich, von heute an als begründet zu betrachten" sei. Die Bezeichnung "germanisch" bot sich an, weil man sich nicht an Grenzen von Nationalstaaten binden wollte. Aufsess erklärte (und darin ist er unser Zeitgenosse), dass das Museum nicht für einen Staat oder gegen andere stehe, sondern für einen mitteleuropäischen Kulturraum im gesamteuropäischen Vergleich. Die Gründung wurde schon im folgenden Jahr vom Deutschen Bund anerkannt und bekam von vielen der Bundesstaaten finanzielle oder Sach-Spenden. In Frankfurt war der österreichische Gesandte Anton von Prokesch-Osten neben dem bayerischen besonders hilfreich. 1855 entschlossen sich der Kaiser von Österreich und der preußische König, jährlich je 1000 Gulden zu spenden, Bayern hielt 1858 sogar bei 2500 Gulden. Das Museum erhielt auch die Bibliothek des Frankfurter Parlaments und nach Auflösung des Deutschen Bundes 1866 Erinnerungsstücke, darunter drei Sessel von der Ausstattung der österreichischen Gesandtschaft. Die Aufzählung von Art, Herkunft und Ausmaß der Spenden aus allen Richtungen könnte eine spannen-de Kulturgeschichte ergeben. In Nürnberg hat man kürzlich in ei-ner kleinen Ausstellung "Mäzene, Schenker, Stifter" die verschiedenen Arten des Erwerbs dargestellt: von kleinen Spendern bis zum Sponsoring, von Sammlungen Nürnberger Familien und adeliger Privatsammler bis zu Geschenken und Nachlässen prominenter Künstler wie etwa Egon Schiele. Anfangs hatte das Museum überhaupt kein Budget und war auch bei den Gehältern der Angestellten auf Spenden angewiesen - die allerdings durch die wachsende Begeisterung für die Vergangenheit reichlich flossen.

Nach der deutschen Reichsgründung 1871 strebte Aufsess eine vollständige Trägerschaft des Reiches an. Man fürchtete aber "Irritationen" bei dem wichtigen Förderer Österreich. Wenig Erfolg hatten Spendenaufrufe bei der deutschsprachigen Bevölkerung in den USA, Brasilien oder Siebenbürgen.

1862 hatte Aufsess die Leitung des Museums abgegeben und ihm seine umfangreiche Privatsammlung übereignet. Seine Nachfolger mussten sich angesichts ständigen Zuwachses um Erweiterungsbauten kümmern. Vor den großen Zerstörungen der Jahre 1943-45 gelang es, die wertvollen Bestände auszulagern. Mit dem Wiederaufbau wurde abermals erweitert und modernisiert. Hatte man sich ursprünglich bei der Sammeltätigkeit auf Mittelalter und frühe Neuzeit beschränkt, so war schon bald die Vor- und Frühgeschichte dazugekommen, wobei nicht Ereignisgeschichte, sondern materielle Kultur dokumentiert werden sollte. Die Lebensweise der Menschen, Architektur, Handel und Rechtswesen waren gleich wichtig. In den dreißiger Jahren wurde der Schwerpunkt mehr auf die Kunstgeschichte verlegt, die nun schon bis 1800 reichte. Inzwischen ist man längst über Ernst Ludwig Kirchner oder Josef Beuys in der Gegenwart angekommen.

Soeben wurde die Schausammlung "Bürgerliche Kunst und Kultur im 19.Jahrhundert" neu eröffnet. Sie beginnt vor der Französischen Revolution (Erstausgabe von Kants "Kritik der reinen Vernunft" 1781) und führt bis zum Fortschrittsglauben in Gestalt der Weltausstellungen und der Industrialisierung. Künstler wie Franz Xaver Messerschmidt, Spitzweg, Waldmüller, Böcklin, Leibl begleiten Beispiele von Wohnkultur, Uniformen, Musikinstrumente, Einblicke in Wissenschaft und Technik. Neu eröffnet wurde auch die Schausammlung "Spielwelten - Kinderspielzeug und Erwachsenenspiele von 1550 bis 1950." Im Herbst folgt dann die besonders reiche Sammlung von Kleidung, Trachten, Kostümen. Die Sonderausstellung "Europa kauft in Nürnberg. 1400 - 1800" stellt den Standort des Museums selbst in den Mittelpunkt: Der Fernhandel brachte Waren aus Nürnberg schon früh in die Welt. Das war nicht nur "Nürnberger Tand". Das waren Kostbarkeiten der Goldschmiede, prächtige Rüstungen, Musikinstrumente und allerlei Luxuswaren. Man hat einzelne Stücke zurückgeliehen aus 15 Ländern, darunter Museen in Stockholm, Madrid, Paris, Moskau, New York, auch aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Einige Raritäten waren allerdings in Nürnberg geblieben und gehören zu den Prunkstücken des Museums. So die erste Taschenuhr Peter Henleins oder der erste Globus von Martin Behaim. Nürnberg sei "quasi centrum Europae", hatte schon 1471 der Astronom Johannes Regiomontanus den Handel der Freien Reichsstadt bewundert. Das Germanische Nationalmuseum ist wohl das umfassendste weit und breit. Allgemein höchste Qualität, aber auf einzelne Objekte ist man doch besonders stolz: der Echternacher Kodex, das "Schlüsselfelder Schiff" (ein Nürnberger Tafelaufsatz um 1503 aus Silber, vergoldet und emailliert), Graphik von Dürer, Richard Wagners "Meistersinger"-Handschrift oder das Original von Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter".

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