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Neue Klänge in Tirol

Mit dem diesjährigen Schwerpunkt „Frankreich" präsentiert das vom Tiroler Thomas Lar-cher in seiner Heimatstadt Schwaz gegründete Festival „Klangspuren '96" seit 12. September zeitgenössische Musik und setft dabei Kontrapunkte mit zahlreichen Uraufführungen von Tiroler Komponisten.

Bereits die Eröffnung der dritten „Tage neuer Musik" zeigte, daß es in Schwaz nicht nur um reines Hören geht: Im bekannten Jazzlokal „Eremitage" begann das Festival mit der Ausstellung des französischen Konzeptkünstlers Christian Boltanski „Li-vres, Imprimes, Ephemerides", französische Küche rundet die audio-visu-elle Spurensuche ab.

Mehr als nur Spuren, nämlich eine österreichisch-französische Klangachse, die Marksteine des gesamten 20. Jahrhunderts berührte, zogen gleich in den ersten Tagen so prominente Interpreten wie das Klangforum Wien unter Peter Bündel oder auch Solisten des Ensembles Inter-Contemporain mit der Mezzosopranistin Marianne Pousseur. Da standen Ravels Mallarme-Vertonungen von 1913 neben Schönbergs einst so inspirierendem „Pierrot Lunaire" aus dem Jahr 1912; da erinnerte Pierre Boulez' bahnbrechender „Le marteau sans maitre" (erstmals in Tirol aufgeführt) an den genialen Revoluzzer der fünfziger Jahre.

Der Bogen spannte sich bis zu einer Uraufführung des nicht nur geistig längst in Wien beheimateten Tirolers Erich Urbanner, der mit „begeg-nung... Variation... wiederbegeg-nung..." ein Auftragswerk des Landes Tirol komponiert hat.

Im Vergleich weniger interessant war der Versuch des Franzosen Pierre Strauch, in sieben „Gedichten" der Klarinette alle möglichen qualvollen Pfeif- und Quietschgeräusche zu entreißen. Umso ergreifender gelang eine lyrische und virtuose Darstellung der Pariser Frauenfigur Violettä im neuen Werk von Philippe Schoeller für Violine solo.

Einen weiteren Glanzpunkt stellte der Auftritt des kurzfristig eingesprungenen Mandelring Quartetts dar, das mit Schostakowitsch, Berthold Goldschmidt und György Ligeti perfekte Kammermusik verschiedensten Charakters bot. Die Norddeutschen überzeugten durch ihre Interpretation und bewiesen Gefühl für den Raum der Kirche St. Martin. Tiroler Komponisten bestimmen einen Gutteil des Klangspuren-Programms, zu erwähnen ist Haimo W7isser, in dessen Ok-tett aus dunklen Baßfarben und -Bewegungen ein vielfältiges, rhythmisches Spiel verschiedenster Stilrichtungen und Geographien wird.

W'eniger präzise spielte das Wiener Merlin Ensemble das bitterböse, lyrische Szenario „Phoenix oder der Weltuntergang findet zur Tagesschau statt" (für ßaritonstimme und Oktett) von Paul Engel, dem in München lebenden vielfach ausgezeichneten Komponisten.

Die in unsere moderne Medienge-Seilschaft übertragene und apokalyptische Darstellung des Mythos vom Wundervogel Phönix macht einerseits durch den „Reality"-Text betroffen, andererseits wühlt die Kraft der in den antik-transparenten wie neuzeitlich-fahrigen Klangfarben Musik von Paul Engel auf.

Eine für das Klang-Suchen wertvolle Ergänzung stellen die Nachtkonzerte dar, deren Programme auch zu später Stunde erfrischten: Hier stehen Mozart, Bach, Senfl und Hofhai-mer im sensibilisierenden Kontrast zu Experimentalwerken und Eigenkompositionen der Vortragenden. Beim 23-Minuten-Werk von Peter Ablinger, bei dem zwei Klarinetten den Ton „h" in sechs Sätzen fixieren, stellt sich allerdings die Sinnfrage, denn neu ist das beileibe nicht mehr.

Das Programm der zweiten Woche ist dem der ersten mindestens ebenbürtig: Für die Uraufführungen von Kurt Estermanns „Introduktion" und Hubert Stuppners Auftragswerk „Der rote und schwarze Bolero" wurde das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und für Urbanners Violinkonzert (1971) Christian Altenburger ein -geladen.

Einen weiteren Eckpunkt stellt der Auftritt des Ensemble Modern aus Frankfurt dar. Die Vermischung von E- und U-Musik wird - nach den „Nocturnes" - sicherlich bei Werken von Werner Pirchner, Claude Bar-thelemy und Fred Frith am deutlichsten ausfallen. Eine visuell-experimentelle Komponente bringt das Projekt „Metamkine" mit einem „Kino für die Ohren", das die Wechselwirkungen von Film und synthesizerge-neriefter Musik erlebbar macht.

Mit heimischen Werken und Interpreten klingen die Tage neuer Musik am Wochenende aus: Das Ensemble „Enif" (Gunter Schneider) und das Klaviertrio „Linie 3" führen Radu Malfatti, Peter Ablinger, Norbert Zehm und andere auf.

Die gelungene Raumauswahl ist übrigens eine wohltuende Voraussetzung für die Erlebbarkeit neuer Musik, die in den Klangspuren geboten wird.

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