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Neue Wildnis — oder Kulturlandschaft?

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wildnis, einst der Schrecken des Kulturmenschen, kehrt als Lockruf in die Seelen zurück. Im Inland wie im Ausland stößt der Hellhörige zunehmend auf Zeugnisse eines mehr oder weniger pathetischen Aufrufes zu „Mut zur Wildnis”.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wildnis, einst der Schrecken des Kulturmenschen, kehrt als Lockruf in die Seelen zurück. Im Inland wie im Ausland stößt der Hellhörige zunehmend auf Zeugnisse eines mehr oder weniger pathetischen Aufrufes zu „Mut zur Wildnis”.

Dieser Ruf erschallt von recht unterschiedlichen Seiten, einerseits von engagierten Naturschützern, andererseits von großstädtischen Intellektuellen und nicht zuletzt auch von Gegnern einer Politik der „flächendeckenden” Landbewirtschaftung - ein besonders ins Gewicht fallender Gesichtspunkt, auf den wir noch zurückkommen. Als „prominentere” Zeugen wären die Internationale Alpenschutzkommission (CIPRA) zu zitieren, ferner die OGNU, der Schweizerische Naturschutzbund oder der deutsche Verein Naturparke.

Besonders markant brachte es unlängst der bekannte Naturschutzexperte M. F. Broggi auf den Punkt: „In unserer bis ins Reservat bevormundeten Natur kann sich die Dynamik nicht entfalten. Zwar bringen auch die Nutzung und Pflege dynamische Elemente in die Landschaft, doch die natürliche Sukzession wird dabei immer wieder gestoppt, unter Kontrolle gebracht, in eine gewünschte Richtung gezwungen. Die Natur bleibt unter menschlicher Obhut. Was ihr fehlt, ist der Freiraum für natürliche Eigenentwicklung: die Wildnis ... ,Wildnis' ist jener Raum, in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewußt unterlassen, in der natürliche Prozesse ablaufen können, ohne daß der Mensch denkt und lenkt, in der sich Ungeplantes und Unvorhergesehenes entwickeln kann.

Daß diese neue Idee von Existenzrecht und Eigenwert des Urwüchsigen, „Wilden” - wie Broggi meint -auch mythisch unterlegt sein dürfte, beweist die enorme Popularität der Ijationalparkidee, belegt ferner die Tatsache, daß der Urlaubstrend nach vermeintlich unberührten Landschaften bei einem allerdings kleinen Teil unserer Bevölkerungen mächtig anschwillt und - in ökologisch oft durchaus bedenklicher Weise - zunehmend auch herkömmliche, kulturlandschaftlich geprägte Destinationen zum Beispiel in den österreichischen Alpen auf dieser Welle mitzureiten versuchen: Wer körperlich und finanziell kann, wählt sich die kanadische oder alaskische Wildnis als Urlaubsziel, verzieht sich in die Urwälder Amazoniens oder auf Trek-kingtouren in die Gebirge ferner Drittwelt-Länder.

Anläßlich der CIPRA-Jahresta-gung 1996 „Mythos Alpen” wurde von einem Südtiroler Teilnehmer auf die Beobachtung einer neuen „Sakra -lität der unberührten Natur” hingewiesen, die sich einerseits in einem (zunehmend auch politisch vorgetragenen) Verlangen nach mehr Naturreservaten und Nationalparken äußere, andererseits in einem neoromantischen Kult der Wildnis, der die humanisierte Kulturlandschaft wie

überhaupt das Menschenwerk entwertet, die urwüchsige Natur (wo gibt es sie wirklich noch?) gleichsam mit Tabus belegen und ihre Stätten zu Pilgerzielen erheben möchte, aus deren Sphäre der Mensch - und dies könnte auch der Bergbauer sein - zurückzuweichen hätte ...

Offenkundig erleben wir in allem dem ein neoromantisches Aufflackern einer im Menschen nie völlig erstorbenen Sehnsucht nach dem Echten, Urwüchsigen, die nicht Menschenwerk oder vom Menschen überprägt sind, sondern diesem gleichsam den Spiegel vorhalten. Der ländliche Mensch, in ständiger praktischer Auseinandersetzung mit einer widerspenstigen Natur, der er eine Existenz abbringen muß, erscheint vor solcher Neoromantik im allgemeinen gefeit (mitunter allzusehr, was sein Verständnis für begründete Naturschutzanliegen erschwert...).

Anders der Großstädter, dessen Alltag sich im Gefängnis technogener Kunstwelt abspielt, die ihm kaum psychische Projektionsmöglichkeiten eröffnet, in einer solchen Situation werden Begriffe wie Natur, Wildnis ... emotionell aufgeladen und mit einem numinosen (quasi-religiösen) Bedeutungsgehalt angereichert; die ebenso bekannte wie paradoxe Tatsache, daß das Interesse für den Naturschutz der persönlichen Naturnähe umgekehrt proportional ist, weist in eben diese Richtung.

Gleichermaßen besteht in der Öffentlichkeit aber auch ein direkter Zusammenhang zwischen der emotio-nell-ideologi-schen Verherrlichung von Wildnis und dem Ausmaß an Unkenntnis ihrer tatsächlichen Beschaffenheit, insbesondere in bezug auf die Bedürfnisse des Menschen, mit welchen Ansprüchen immer diese- sich ihr nähern, in sie eindringen, sich auf ihre ungezähmte Eigenart einlassen möchte.

Wildnis ist per definitionem nicht auf den Menschen hin angelegt, orientiert sich nicht an seinen Bedürfnissen, kommt ihm nicht entgegen; dadurch kann eine Wirklichkeit, die sich aus der Ferne als nostalgischer Traum darstellen mag, aus der Nähe erlebt, leicht einmal zum Alptraum werden. Niemand kennt diese durchaus ambivalente, zugleich bergende und gefährdende Natur von Wildnis besser als der Bergbewohner, der auch weiß, daß mit der Extremität der Ge-birgsnatur deren gefährdender, bedrohlicher Aspekt zunimmt - daß der Grad dieser Bedrohlichkeit allerdings auch davon abhängt, wie der Mensch mit diesen ungebändigten Kräften umgeht, ob er ihnen respektvoll den nötigen Entfaltungsraum läßt oder sie aus Profitgier bedrängt und einengt der planerische Umgang mit den alpinen Gefahrenzonen ist ein gutes Beispiel für beide Varianten.

Allerdings findet sich auch ein sozusagen rationales Motiv für diese neu erwachte oder verstärkte Wertschätzung einer durch menschliche Eingriffe nicht oder nicht merklich veränderten Natur: Es sind dies die ökologisch wie ästhetisch gleichermaßen bedauerlichen landschaftlichen Fehlentwicklungen, die aus gestalteten, angereicherten „Kultur”-Landschaf-ten nach menschlichem Maß inhaltlich verarmte, durchrationalisierte, sozusagen durch Totalbegradigung verunstaltete Zivilisationslandschaften werden ließen, deren allenthalben fühlbares Maß die technisch-ökonomische Rationalität abgibt.

Wir wissen, daß auch die traditionellen Agrarlandschaften von dieser Entwicklung nicht verschont geblieben sind, daß bei ihrer im Prinzip unvermeidlichen Modernisierung oft weit über die Grenzen des Notwendigen und wirtschaftlich Nützlichen hinausgeschossen wurde - der akute sommerliche Wassermangel in manchen überdrainagierten Agrarlandschaften ist ein Symptom hierfür, das der Bauer unmittelbar zu spüren bekommt.

Angesichts solcher unbestreitbarer, vielerorts nur allzu augenfälliger Tatsachen, besteht die Gefahr, daß das Kind mit dem Bad ausgegossen, Kulturlandschaft schlechthin als verarmte, „entartete” Zivilisationslandschaft mißverstanden und in der Folge jeglicher Verwilderungsprozeß -insbesondere aber der Rückzug der Landwirtschaft aus der Fläche gleichsam als Gewinn an Natürlichkeit und Umweltgerechtheit begrüßt und als wünschenswerte Entwicklung direkt gefordert wird.

Solche Dinge passieren regelmäßig dann, wenn der Grundbestand einer Sache uns dermaßen selbstverständlich geworden ist, daß wir gar nicht mehr diese selbst, sondern nur mehr ihre Mängel wahrnehmen, woraus dann der voreilige Schluß gezogen wird, die Sache als solche habe ihren Wert verloren. (Ein verwandtes Beispiel bietet der im Badikalsozialismus erklungene Ruf nach Abschaffung der Familie, da diese nur eine Brutstätte des bürgerlichen Egoismus sei.)

Die im einzelnen völlig berechtigte, in Österreich aber bisher leider nur unzulänglich beherzigte Kritik an bestimmten kulturlandschaftlichen Veränderungsprozessen (erwähnt seien nur die vier Schlagworte Ausräumung, Zersiedling, Begradigung,

Zerschneidung) übersieht, daß sich prinzipiell nur die Kulturlandschaft des Lebens-, Siedlung-, Erholungs-, Ernährungs- und Wirtschaftsraumes des Menschen eignet, daß nur sie in der Lage ist, die ungemein vielfältigen Bedürfnisse zu befriedigen, die eine hochdifferenzierte Gesellschaft in Land und Stadt an ihre Umwelt stellt.

Die Tragödie der Tropen, wo die ökologisch dringend erforderlichen Beste von Wildnis unter unseren Augen verschwinden, scheinbar die gegenteilige Bewegung zu dem sich bei uns vollziehenden beziehungsweise für unsere Landschaften geforderten Prozeß der neuen Verwilderung, zeigt uns in krasser Deutlichkeit die Labilität urwüchsiger Ökosysteme, ihre überaus empfindliche Reaktion bereits auf scheinbar geringfügige menschliche Eingriffe, die Leichtigkeit, mit der eine rasche, unsensible Okkupation - wie und zu welchem Zwecke auch immer - entscheidende Naturwerte zu zerstören vermag. Der „Traum von der Wildnis”, sollte nämlich alle gegenteiligen Lippenbekenntnisse zum Trotz nicht zur Illusion verführen, der heutige Mensch wäre bereit, „Wildnis” tatsächlich als solche zu respektieren und sich des bestandgefährdeten Eindringens in sein Traumland zu enthalten, ja sich diesbezüglich auch nur weise zu beschränken.

Aus dem Dilemma unserer entfremdeten Zivilisation führt uns in allerletzter Linie eine Flucht in die Wildnis heraus: Eine Absetzbewegung aus der dauerhaften Verantwortung für unsere Welt, die auch den von uns in Dienst gestellten Naturraum umfaßt, kann es nicht geben, dafür hat die Welt insgesamt zu wenig Platz und ist insbesondere die Tragfähigkeit von Wildnis viel zu gering-

Wildnis entstand aus sich selbst und erhält sich selber, sie bedarf des Menschen nicht, erträgt aber auch sein Eindringen nicht. Kulturlandschaft dagegen, als subtiles Menschenwerk aus von der Natur vorgegebenen Bausteinen, bedarf zwar fortgesetzter Pflege durch den Menschen, erträgt aber auch eine Vielfalt von Nutzungsansprüchen, Kulturlandschaften, in Jahrhunderten intensiver, pflegender Arbeit vom Menschen erschaffen und bewahrt, sind zumindest in Mitteleuropa nicht allein vielfältiger, reicher an Kleinelementen, Bandeffekten und Son-derökotopen als „unberührte” Landschaften.

Sie sind - gerade infolge ihrer an-thropogenen Entstehungsgeschichte - außerdem stabiler, belastbarer und dadurch dem multifunktionalen Anspruch an die Landschaft wesentlich besser gewachsen als jede in unseren Bereichen denkbare primäre oder sekundäre Wildnis.

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