Nichts als die Wahrheit

Vom dekorativen Körpern zum Schmerz der Nacktheit: Eine Ausstellung im Leopold-Museum.

Heutzutage erntet ein Hinweis, dass die zeitgenössische Kunst wieder provoziert, zumeist nur ein aufrichtiges Gähnen. Die groß plakatierte Werbung, der niemand niemals und nirgendwo entgehen kann, hat die Zeitgenossen abgehärtet. Wenn es Aufregung gibt, dann über zu freizügige Werbesujets. Die Kunst hingegen lebt ohnedies meist zurückgezogen in Galerien und Museen. Gerademal bei der Verletzung so genannter religiöser Gefühle gab es in letzter Zeit Irritationen, oder wenn eine männliche Nacktheit öffentlich einem dringenden Bedürfnis nachgeht. Dreht man die Zeit um ungefähr hundert Jahre zurück, dann lässt sich einiges an Skandalträchtigem zusammentragen, wie das Leopold Museum durchaus drastisch vor Augen führt. Denn die Ausdehnung der Belastungsgrenzen durch die zeitgenössische Lebenswelt kann mit den dort vorgestellten Kunstwerken nicht mithalten, die nackte Wahrheit berührt auch heute noch (peinlich).

Nacktheit berührt

Der Gang durch die Ausstellung illustriert die Ablösung von aufs Bild gebrachter Nacktheit, die mit dem landläufigen Empfinden der Menschen konform ging, durch jene provokanten Darstellungen, die anno dazumal die Gemüter erhitzten. So regen die Historienbilder von Hans Makart nicht wirklich auf, die historische Kulisse verleiht den einzelnen Kompositionen genügend Distanz; was man dort sieht, berührt nicht unmittelbar, weil es aus einer anderer Zeit stammt.

Dann treten aber mit Klimt, Schiele und Kokoschka jene Protagonisten auf, die ihren Arbeiten eine derart penetrante Zeitlosigkeit angedeihen ließen, dass deren Anblick einem selbst heute noch die Schamesröte ins Gesicht zu treiben vermag. Gerade Klimt, von dem Hermann Bahr sagte, er sei der "einzige, der wieder heidnisch blickt", kämpfte mit seinen erotischen Zeichnungen gegen den vorherrschenden Rationalismus an, Sinnlichkeit nicht als zu bekämpfenden Teil im Menschen zu betrachten, sondern in seinem Fall als bildwürdiges Sujet: schrille Hinweise auf einen Ausweg aus der Verlogenheit und der Doppelbödigkeit der bürgerlichen Sexualmoral.

Schiele ging noch einen Schritt weiter, er brach den für Klimt typisch männlichen Blick auf die Frau auf, seine Nacktheitsdarstellung gleichen von unbändiger Neugier getriebenen Analysen des Menschlichen schlechthin, seien es nun Männer oder Frauen, oder sei es die eigene Person. Hier war kein Lüstling am Werk, sondern einer, der umfassend bildnerisch forschte und der Menschlichkeit nachspürte. "Auch das erotische Kunstwerk hat Heiligkeit", schrieb er in einem Brief.

Etwas anders stellt sich die Situation bei Anton Kolig, einem Maler aus der Nachfolgegeneration, dar. Der nackte Körper der Frau hat in der abendländischen Kunst eine lange Tradition - schließlich kam er der Phantasie der gesellschaftlich in der Machtposition agierenden Männer sehr entgegen. Umgekehrt war - und man kann wohl sagen ist - die Darstellung des nackten Mannes zumindest ungewöhnlich. Kolig widmete beinahe sein ganzes Oeuvre dem nackten Mann, über dreitausend Aktdarstellungen illustrieren dies schon allein quantitativ. Mit großer Souveränität wagte er sich damit an eines der großen Tabuthemen der Kunst des 20. Jahrhunderts, der Visualisierung homosexuellen Begehrens. Bleistift und Pinsel boten ihm offensichtlich die einzige Möglichkeit, seiner Sehnsucht Gestalt zu verleihen - und uns damit paradoxerweise einen unverfänglichen Blick auf die männliche Nacktheit.

Klimts Fakultäten-Bilder

Eine besondere Erweiterung findet die Ausstellung durch die Anbringung von Reproduktionen der Fakultätsbilder von Klimt im Festsaal der Universität Wien. 1894 erhielten Gustav Klimt und Franz Matsch den Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung des von Heinrich von Ferstel geplanten Monumentalbaus an der Wiener Ringstraße. Man erwartete von Klimt, der damals als "neuer Makart" gefeiert wurde, eine allegorische Darstellung der drei Fakultäten Philosophie, Medizin und Jurisprudenz; die Theologie hatte Matsch übernommen.

Klimt entschied aber anders und schuf symbolistische Gemälde mit naturalistisch dargestellten nackten Figuren und setzte damit der zeitgenössischen Fortschrittsgläubigkeit eine eher pessimistische Sicht auf die Wissenschaft entgegen. Prompt wurden seine Arbeiten abgelehnt, man sah darin eine Bedrohung für die allgemeine moralische Ordnung. Die Ausstellung seiner Vorschläge in der Sezession verschärfte die Diskussion noch, auch wenn sie bei der Pariser Weltausstellung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurden.

Nach dem Tod von Klimt im Jahr 1918 gelangten die Bilder zwischenzeitlich in den Besitz öffentlicher und privater Sammlung und verbrennen schließlich bei der kriegsbedingten Auslagerung des staatlichen Kunstbesitzes nach Schloss Immendorf. Als ein Zeichen der Entskandalisierung und späten Wiedergutmachung sind sie ab nun als Reproduktionen an dem ursprünglich dafür vorgesehenem Platz an der Decke des Festsaals der Universität Wien zu bewundern.

Die nackte Wahrheit

Klimt, Schiele, Kokoschka

und andere Skandale

Leopold Museum

Museumsplatz 1, 1070 Wien

Bis 22. 8. Mi-Mo 10-19, Do 10-21 Uhr

Feiertage 10-19.00 Uhr

Katalog: Tobias G. Natter, Max Hollein (Hgg.), Die nackte Wahrheit. Klimt, Schiele, Kokoschka und andere

Skandale, München 2005,

292 Seiten, e 29,80

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