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Osterreichs ältestes Kulturgut

Viel zu wenig sind wir uns alle, ist jeder einzelne von uns zur Erkenntnis gekommen, daß Österreichs kulturelle Werte nicht allein in jenen leicht sichtbaren, lesbaren und * hörbaren Werken unserer großen Meister beschlossen sind, sondern daß neben ihnen ein einzigartiger Schatz an kulturellen Gütern steht, deren Meister und Schöpfer ihrer Person nach uns unbekannt geblieben sind. Es kann nicht geleugnet werden, daß ein Kunstwerk, eine kulturelle Leistung irgendwelcher Art erst dann für uns von Bedeutung wird, wenn sein Schöpfer vor uns hintritt, wenn wir zu ihm sprechen können oder wenn er durch seine ureigensten Werke in Stein, Sprache und Musik sich uns zu vermitteln vermag.

Und doch gibt es neben dieser unzählbaren Menge persönlicher Güter noch eine weitaus größere, schier unübersehbare Fülle wertvollsten Kulturgutes, mit dem jeder von uns täglich und stündlich in Berührung kommen kann — wenn er die Sprache dieser Quellen zu deuten versteht.

Ich meine damit jene schier unerschöpflich scheinende Masse archäologischer und urgeschichtlicher Funde, die, in unseren Museen aufgestapelt, durch ihr Dasein allein auf uns wirken sollen, die so oft verkannt und geschmäht, so oft gering geschätzt und verachtet, zu den größten Aktivposten unseres kulturellen Besitzes zählen. Oder glauben wir vielleicht im Recht zu sein, wenn wir annehmen, daß es sonstwo in Europa etwas Gleichwertiges wie die herrlichen Funde aus dem ältereisenzeitlichen Gräberfelde von Hallstatt gibt? Muß es denn immer und immer wieder gesagt werden, daß diese so eigenartige Wissenschaft vom Spaten wirklich nicht die Liebhaberei von begeisterten Laien ist, die ihre Freude in der Befriedigung dieses Steckenpferdes finden, sondern daß sie uns wahrhaft und wirklich an die Urgründe unseres

Seins, an die tiefste Vergangenheit unseres Volkes und unserer Heimat führt? Die Beschäftigung mit diesen eigenartigen Quellen zur ältesten Geschichte der Menschheit ist ebenso Wissenschaft und Verpflichtung, wie das Studium von Sprache, Literatur und Kunst unserer näheren und ferneren Vergangenheit. Und eben deshalb, weil das Verstehen dieser Quellen so schwierig ist, weil ihr Auffinden und ihre Pflege so viele Geduld und Ausdauer erfordert, eben darum muß auch immer wieder auf sie aufmerksam gemacht werden. Nicht oft genug kann wiederholt werden, daß jede Zerstörung einer solchen Quelle ein Vergehen an den Pfliditen unserer Heimat gegenüber darstellt, die dadurch um eine wichtige historische Erkenntnis geschmälert wird, und daß nur höchste Aufmerksamkeit und Liebe zu unserer Heimat, zu unseren heimischen Bodendenkmalen retten können, was noch zu retten ist.

Man täusche sich nicht: reihenweise vermöchte man die Beispiele anzuführen, aus denen mit einer erschreckenden Klarheit die ständig zunehmende Verarmung und die oft planmäßige Zerstörung ältesten Kultur-besitzes in den letzten hundert Jahren hervorgehen. Dazu kommen noch die vielen und meist unbekannten Vernichtungen alten Kulturgutes durch Unachtsamkeit bei Erdarbeiten jeglicher Art. — Fast wie ein Wunder mutet es uns an, daß trotz allem immer wieder und fast ständig neues Material aus dem Boden geholt und in den Museen aufgestapelt wird. Doch auch dies wird einmal ein Ende haben. Gerade in den einstmals weniger dicht besiedelten Gebieten Österreichs wird vielleicht die Zeit nicht mehr allzu ferne sein, daß dort die letzte Möglichkeit schwinden wird, durch systematischen und liebevollen Schutz des Bodendenkmales, durch seine methodisch unterbaute Freilegung jene historischen Erkenntnisse zu erringen, die uns in die Lage versetzen, ein lückenloses Bild der ältesten Geschichte' unserer Heimat zu schreiben.

Eine ungeheure Aufgabe in letzter Stunde für uns alle! Um ihre Größe an einem Beispiel der allerletzten Vergangenheit recht deutlich zu zeigen, wäre es notwendig gewesen, eine Statistik über alle auf unseren Boden niedergegangenen Bombentreffer zu führen. Aber schon eine einfache Überlegung rein theoretischer Natur gibt uns mit erschreckender Klarheit Aufschluß über die Verluste, die wir allein durch den Bombenhagel erlitten haben. Nehmen wir lediglich an, daß nur in Niederösterreich allein — also in jenem Gebiet, das urgeschichtlich das reichste ist — 1000 Bombentrichter von je rund 5 Quadratmeter entstanden sind, so sind das 5000 Quadratmeter durchgewühlte und bis ins kleinste zerteilte Erde. Und nehmen wir weiter an, daß nur durch 100 Bombentrichter archäologisch und urgeschichtlich wertvolles Gut getroffen und zerstört wurde, so sind das 500 Quadratmeter, oder ein Rechteck von 50 Meter Länge und 10 Meter Breite — eine Fläche, die etwa einer kleinen urgeschichtlichen Siedlung oder einem größeren Gräberfeld entspricht! Museal und geschichtlich gesehen bedeutet das den Verlust von mindestens 500 Quellenstücken, wenn nur auf jeden Quadratmeter ein einziges Fundstück kommt. Nun ist dies aber in Wirklichkeit ganz anders. Ein Quadratmeter kann je nach Art der Fundschicht auch Dutzende von Quellen in sich bergen, so daß also der Schaden durch den Verlust einer solchen kleinen Fläche allein schon unendlich sein kann. Wie groß der Verlust in Wirklichkeit war und wie sehr die Forschung um ihn trauern muß, könnte sich nur erkennen lassen, wenn man sämtliche Funde selbst kennen würde.

Dies sind aber nur die VerlustmögKch-keiten, die bei dem gewaltsamen Umpflügen des Bodens durch die Bomben entstanden sind. Dazu kommen aber noch alle jene Erdoberflächenveränderungen, die durch die Anlage von Bauten für Kriegszwecke verursacht wurden. Zu diesen Bauten hatte der Fachmann gar keinen Zutritt, sodaß praktisch niemals die Möglichkeit bestand, auch nur annähernd zu erfahren, was da alles zerstört wurde. Denn es geschah nur ausnahmsweise, wenn einmal ein Museum zu einem Fund gerufen wurde. Aus meiner langjährigen Praxis sind mir nur zwei Fälle bekannt geworden, in' denen dies geschehen ist. Das eine Mal handelte es sich um römische Skelettgräber und das andere Mal um eine eigenartige Bestattung, deren Beigaben eine völlig neue Quelle zur Geschichte der späten Jungsteinzeit erschlossen.

Doch genug davon. Ich habe diese Beispiele absichtlich gebracht, um zu zeigen, was Österreich in diesem Kriege verloren hat und welche Verantwortung es nun trägt, um die restlichen Bestände des urgeschichtlichen Quellengutes zu schützen und fachgemäß zu bergen. Daß es unsere Heimat dabei nicht leicht hat, weiß jeder, der in irgendeiner Form mit diesen Probjemen beschäftigt ist. Leicht vor allem deshalb nicht, weil es die vergangene Zeit so glänzend verstand, auch die Bodendenkmal-pf'lege, die pflichtgemäße Obsorge um unsere ältesten Kunst- und Kulturwerte in Mißkredit zu bringen. Was Wunder, wenn heute Stimmen laut werden, die von der Pflege dieser ältesten Kulturdenkmale nichts wissen wollen, die absichtlich übersehen wollen, daß die Förderung aller dieser denkmalpflegerischen Bestrebungen eine unbedingte Notwendigkeit ist, wenn wir Österreichs wissenschaftlichen Ruf im Ausland wieder auf jene Höhe bringen wollen, den er seit jeher gehabt hat. Die alte Zentralkommission für kunst- und historische Denkmale war ein Eliteinstitut ersten Ranges, seine Vertreter Fachgelehrte von Weltruf und seine Erfolge von so überragender Bedeutung, daß man sich die Tätigkeit dieses Instituts aus dem alten Österreich nicht wegzudenken vermag. Die Arbeit der ungezählten Korrespondenten und Konservatoren dieser Zentralkommission und des späteren Denkmalamtes war auf das große Gebiet der Monarchie ausgedehnt und ist in unzähligen Bänden der „Mitteilungen“ niedergelegt. Aber auch in den bescheidenen Grenzen des kleinen Nachkriegsösterreich hat das Denkmalamt segensreich gewirkt, und es muß unsere Aufgabe sein, nun von neuem an dem Wiedererstehen dieses Kulr turinstituts mitzuwirken.

Dies kann aber nur dann von Erfolg begleitet sein, wenn der Gedanke der Denkmalpflege, vor allem aber der Pflege der noch im Boden schlummernden Kulturdenkmale, wieder Aligemeingut wird und wenn die ideellen Bestrebungen des Denkmalschutzes wieder in der breitesten Öffentlichkeit verankert werden. Wenn wir uns der Tatsache bewußt sind, daß jeder, auch der unscheinbarste Fund, eine historische Quelle ist, die uns wieder weiteren Aufschluß über das historische und kulturelle Geschehen der Vergangenheit gibt, dann wird es uns auch leicht fallen, die richtige Einstellung zu diesen, auf den ersten Blick vielleicht etwas weltfremd und abseitig erscheinenden Problemen der Denkmalpflege zu finden. Wir müssen wieder soweit kommen, daß die Mühen und Anstrengungen der Denkmalpflege von einem mächtigen Stab freiwilliger Mitarbeiter unterstützt werden, daß die Vertrauensleute unserer historischen Forschungen auf dem flachen Lande eifrigst bemüht sind, allen Spuren der Vergangenheit nachzugehen, um die zuständigen Fachleute aufmerksam zu machen.

Aber noch eines — und dies ist der springende Punkt — muß uns klar sein: nicht die kunstgeschichtliche Denkmalpflege allein darf zum Inhalt offizieller staatlicher Bemühungen gemacht werden, auch die Obsorge für die im Boden liegenden Reste vergangener Kulturen ist in diesen Bereich geplanter .und notwendiger staatlicher Fürsorge einzubeziehen. Es geht nicht an, dieses Gebiet zu vernachlässigen, es als eine quantite negligeable zu behandeln, nur deshalb, weil es früher nicht üblich war, auch für diesen Sektor der Denkmalpflege geschulte und fachlich geprüfte Beamte einzustellen. Die Zeit ist vorüber, da man — wie vor 120 Jahren — mit den Schädeln ausgegrabener Skelette Kegel spielte und sie über einen Berghang hinunterrollcn ließ. Heute wissen wir, daß jedes kleinste Stück, das aus der Erde kommt, wie jede geschriebene Urkunde zu uns spricht, weil es den Forschungen der letzten Jahrzehnte gelungen ist, das alte Wort „saxa loquun-tur“ zur Wahrheit werden zu lassen. Wenn wir hören und lernen wollen, was vor den Römern in unserem Land gewesen, wenn wir erfahren wollen, daß unser Boden 'bis tief in die Eiszeit hinein ununterbrochen besiedelt war — und vor allem, wenn uns bewußt werden soll, daß der Boden Österreichs von den ersten Tagen der Menschheit an jene Vermittlerrolle gespielt hat, die ihm auch heute wieder von neuem zukommt, dann muß als oberster Grundsatz die planmäßige, wissenschaftliche und wohlfundierte Bodendenkmalpflege vor uns stehen. Sie allein ist die Hüterin und Mehrerin unseres Wissens um eine Zeit, die nun nicht mehr im Dunkel einer mystischen Vergangenheit entschwinden soll, deren geschichtliche Helle vielmehr immer stärker im Glänze der kulturellen Leistungen unserer ältesten Ahnen erstrahlen soll.

Aufgabe unserer nun wieder aufzubauenden Bodendenkmalpflege wird es daher sein, in den einzelnen Bundesländern geeignete Zentralstellen für die Fundbergung, Fundpflege und planmäßige Freilegung einzurichten. Dank der dezennienlangen Tradition im Rahmen der verschiedenen landeskundlichen Museen Österreichs wird es nicht schwer werden, diese theoretische Forderung auch praktisch durchzuführen. Den Landeskonservatoren für Bodendenkmalpflege obliegt daher die pflichtgemäße und beamtliche Obsorge für das gesamte Aus-* grabungswesen in Österreich, das durch das Denkmalschutzgesetz aus dem Jahre 1923 diesem Fragenkomp4ex vorläufig einmal eine grundsätzliche Zielrichtung gegeben hat. Nach der Konsolidierung unserer Heimat nach den Wirrnissen des letzten Krieges wird aber dieses Gesetz noch weitgehend ausgebaut werden müssen.

So zeichnet sich die zukünftige Ordnung auf dem Gebiete der Bodendenkmalpflege imimer deutlicher vor uns ab, und wenn in Zukunft von Bestrebungen auf dem Gebiete des Denkmalschutzes gesprochen werden wird, so wird damit auch die Frage der Bodendenkmalpflege eng verbunden sein.

Eines aber muß dabei genauestens bedacht werden: wird nicht bald diese grundlegende Neuregelung erfolgen, dann wird nodi manch wichtiger Fund verlorengehen — nun aber nicht mehr durch die Einwirkung von außen, sondern durch unser eigenes Verschulden. Unser Wunsch aber ist es, daß niemals davon gesprochen wer den möge!

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