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Schule des Sehei

Zur Jugend spreche ich gern, deshalb kam ich auf den Gedanken, ich müßte in Salzburg, das ich 1950 gemalt hatte und wo die hohe Festung vor meinen Augen noch immer halb leer stand, eine Schule des Sehens errichten", schreibt Oskar Kokoschka. Die „Internationale Sommerakademie" erinnert an die Vision des großen Künstlers. Durch die rege '\ atigkeit der Galeristen wurde die ganze Stadt zumindest im Festspielsommer - zu einer „Schule des Sehens".

Ein Ausstellungsspaziergang durch Salzburg steht also unter der Schirmherrschaft Oskar Kokoschkas und soll daher im Rupertinum beginnen: Dort werden 150 Werke aus der Oskar-Kokoschka-Stiftung im Musee Jenisch in Vevey gezeigt. Die Schau umfaßt die Schaffensperiode von 1906 bis 1976. Wie hingehaucht, zart und fremd ist das Bildnis von Alma Mahler, eine Blaustiftzeichnung auf Papier von 1913. Auch die 1931 entstandene Rötelzeichnung „Mary Merson mit ausgestreckten Armen" zeigt eine in sich versunkene Frauengestalt, deren Ruhe auf die Betrachter überzuströmen scheint. Voll Kraft und Energie ist dagegen das Porträt des Cellisten Pablo Casals (1954), des „kleinen robusten Mannes, derjiinter seinem großen Instrument selten sichtbar wird". So hat Kokoschka Casals beschrieben, so hat er ihn gemalt:

Zwischen Alpenkönig

und „Sommernachtstraum" oder „Fidelio" und „Elektra" sorgt die Festspielstadt auch für die Freunde bildender Kunst.

einen gedrungenen Mann mit kräftigen Fingern, fast versteckt hinter dem Cello, geduckt im rechten unteren Eck der Leinwand - mit einem unsichtbaren Himmel voller Klänge über sich.

In der Galerie Welz, gleich nebenah, wird ein repräsentativer Querschnitt durch das graphische Schaffen von Ernst Ludwig Kirchner gezeigt: Holzschnitte, Lithographien und Radierungen geben Zeugnis von der überwältigenden Ausdruckskraft Kirchners und seinem Restreben, der „Idee" des Menschen und der Dinge auf die Spur zu kommen. Erschütternd in ihrer Intensität ist die Lithographie „Kranke Dodo" (1907), die das Verlöschen eines Menschen in quasi verlöschenden Strichen spiegelt.

An drei Orten, Villa Kast, Max-Gandolph-Bibliothek, und Galerie Thaddaeus Bopac präsentiert Ropac die Festspielausstellung „Picasso: A ContemporaryDialogue". „Alle meine Werke waren stets für die Gegenwart bestimmt und von der Hoffnung getragen, daß sie stets gegenwärtig bleiben werden", soll Picasso gesagt haben. Diese Ausstellung zeigt eindrucksvoll, in wievielen Facetten der

große Spanier tatsächlich Künstler der Gegenwart beeinflußt: Da findet man Picassos „Tete d'Indien bariolee" (19074908) beinahe „wörtlich" zitiert in Donald Baechlers „The Picasso Crowd" von 1996. Roy Lichtenstein nennt eine Arbeit von 1973 „Homage to Picasso" und zitiert in seiner „Re-flection on Painter and Modell" (1990) Picassos „L'artiste et son modele" von 1964. Francesco dementes „Solo" (1992) dagegen atmet den Geist von Picassos „L'acrobate" von 1930. Georg

Baselitz, Sandro Chia, Francesco Cle-metne, Marie-Jo Lafontaine, Markus Lüpertz, Mimmo Paladino, die Namen im Katolog lesen sich wie das Be-gister eines Lexikons der Gegenwartskunst, läge ließen sich an den drei Ausstellungsorten damit verbringen,

Zitate und Anspielungen zu suchen oder einfach damit, dem Genie Picassos nachzuspüren ... Seine Werke sind ein Schwerpunkt der Ausstellung, die als sensationelle Picasso-Schau die wichtigen Phasen seines Schaffens dokumentiert.

Auf den Besuch der Max-Gandolf-Bibliothek kann durch Überqueren des Mozartplatzes ein kurzer Abstecher in die Galerie im Traklhaus folgen: Dort werden 16 großformatige Fotoarbeiten der in Prag geborenen Künstlerin Katharina Sieverding gezeigt. Sie unterrichtet heuer wieder die Klasse für Fotografie an der Sommerakademie.

Vor dem Überqueren der Salzach sei noch die Ausstellung „Im Zentrum - Meisterwerke österreichischer Gegenwartskunst" der Galerie Heike Curtze in der Residenz erwähnt mit Werken von Christian Ludwig Attersee bis Johannes Zechner, von Xenia Hausner und Hubert Schmalix. •

Ein Spaziergang, am besten über

Mozartsteg - Steingasse - Linzergasse, führt zum Abschluß in die ACP Galerie Peter Schuengel. Dort sind satirisch verfremdete Flaggen aus der „glorreichen" Zeit der Sowjetunion des Petersburger Künstlers Sergej Bugaev zu sehen. Wenn Donald und Daisy Duck und Figuren mit Schafsköpfen Fahnen zieren, in deren Zentrum Porträts von Lenin oder Stalin stehen, braucht man der russischen Sprache nicht mächtig sein, um zu verstehen, daß sich hier jemand mit viel Witz über einen der großen Irrtümer der Geschichte lustig macht. Neu in der Salzburger Ausstellungslandschaft ist der Skulpturen-Garten der ACP-Galerie, wo Arbeiten von Ona B., Gunter Dem-nig, Bernhard Martin, Tone Fink und Stefan Schwaighofer gezeigt werden.

Werke der Oskar-Kokoschka-Stiftung im Musee Vevey, Rupertinum, Wie-ner-Philharmoniker-G. 9, bis 1). OkL Ernst Ludwig Kirchner

Holzschnitte-Radieningen-Lithographi-en, Galerie Welz, Sigmund-1 laßherg. 16, bis 1. Sept

Picasso: -A ContemporaryDialogue

Galerie Thaddaeus Ropac: Villa Kast Mirabellplatz 2, Max-Gandolph-Bi-bliothek, Mozartplatz 1, Galerie Thaddaeus Ropac, Kaig. 40, bis iO. Aug. Im Zentrum - Meisterwerke österreichischer Gegenwartskünstler in den Prunkräumen der Residenz bis IS. Aug.

Katharina Sieverding

Galerie im Traklhaus, Waagplatz Ja,

bis Mitte Aug.

Sergej Bugaev Afrika

ACP Galerie Peter Schuengel, Vierthalerstr. 11, bis 7. Sept

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