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Schweizerische Malerei der Gegenwart

Obwohl die Schweiz nicht als eigentliches Malerland gilt, obwohl sie keine Kunstzentren wie Paris, München, Venedig oder New York besitzt, und obgleich für die heranwachsende Generation keine schweizerischen Kunstakademien existieren, herrscht in unseren Tagen blühendes Leben auch in der schweizerischen Malerei. In drei sprachlichen Regionen des Landes — in den deutschen, französischen und , italienischen Landesteilen — haben sich differenzierte künstlerische Gruppierungen gebildet, die in lebhaftem gegenseitigem Austausch stehen, und auch die vierte sprachliche Region — das rätoromanische Gebiet — hat Malerpersönlichkeiten von eigener Prägung hervorgebracht. Das hohe künstlerische Niveau der schweizerischen Malerei trägt wesentliche Züge zum kulturellen Bild bei, das die Schweiz in der Gegenwart darbietet.

Die künstlerische Tradition der Schweiz reicht weit zurück. Sie führt von der malerischen Kultur des hohen Mittelalters, der prachtvollen Handschriftenmalerei der aus dem Zürcher Gebiet stammenden Manessischen Handschrift, über den in Basel und Genf schaffenden genialen Konrad Witz zu den Meistern der Renaissance, zu Hans Holbein, Nikiaus Manuel und Urs Graf und bringt im

neunzehnten Jahrhundert in Arnold Böckün und Giovanni Segantini Maler von europäischem Rang hervor. Der Anstoß zur Blüte der neueren Schweizer Malerei ging jedoch von Ferdinand H o d 1 e r aus. Ein mächtiger Elan ergriff die Schweizer Maler im“ Anschluß an Hodlers Vorbild. Damals wurde die Welt auf das Schaffen der jungen Schweizer aufmerksam: auf ihre konventionsfreien Bildthemen, auf die mutige, aufs Wesentliche konzentrierte Formgebung, die intensive Farbigkeit, die schlichte Größe der inneren Haltung; die einfachen, weißen Holzrahmen, die statt der ornamentierten Gold rahmung aufkamen, wirkten wie Symbole der selbstbewußten und zugleich bescheidenen Direktheit, die von den Bildern ausging.

Hodler ist der Meister dieser damals jungen Schweizer Maler, nicht ihr Schulmeister. Mit schweizerischer Weltoffenheit wendet sich ihr Auge und ihr Wesen der großen europäischen Malerei jener Jahre zu; den französischen Impressionisten, Cezanne, van Gogh, Gauguin und auch dem Norweger Edvard Münch. Ursprüngliche und große Talente verarbeiten mit künstlerischem Freimut die bewunderten Vorbilder, ohne ihnen sklavisch zu verfallen, und es entwickeln sich starke künstlerische Persönlichkeiten, in denen die Botschaft Hodlers .nit jener der europäischen Meister zu ein6r neuen Ausdrucksweise von eigenem Rang und Klang führt, bei der das einheimische bäuerliche Element zusammen mit dem im Schweizer lebenden Freiheitsbewußtsein eine entscheidende Rolle spielen mag.

So hat die nach Hodler folgende Generation eine Reihe von Künstlern hervorgebracht, deren Werke die schweizerische Malerei zu großem europäischem Ansehen geführt haben. An ihrer Spitze steht der 1868 geborene, heute noch ungebrochen schaffende Cuno A m i e t: kühn und frei in der Gestaltung leuchtender Farben, intensiv in der Formgestaltung und der psychischen Charakterisierung. Neben ihm stehen die Bündner Giovanni und Augusto Giacometti, von denen Augustö, ein Zauberer der Farbe, schon in den zwanziger Jahren zu abstrakten Experimenten vordräng. Als großer Beitrag der welschen Schweiz erscheint Rene“ Auberjonois mit tiefer, spiritueller, ganz nach innen gerichteter Malerei von stärkster künstlerischer Konzentration. Der gleichen Generation angehörend, hat der Basler Heinrich Alt her r einen expressiv monumentalen Stil entwickelt, der in freier Verarbeitung Elemente Hodlers weiterführt. Die auf diese älteren Maler folgende Generation der achtziger Jahre hat in Paul Basilius Barth, Hans Berger, Wilhelm Gim-mi, Ernst Morgenthaler, Pietro Chiesa, Maurice Barraud, Fritz Pauli und Ignaz Epper starke und eigenwillige Persönlichkeiten hervorgebracht, die sich vor allem durch hohe malerische Kultur im Sinne der „peinture“ auszeichnen. Zu ihrem weiteren Kreis gehört der jüngere Max G u b 1 e r, ein malerisches Talent von hohen Graden.

Abseits dieser Entwicklungslinie steht der genial veranlagte Otto Meyer-Amden, dessen Lebenszeit sich von 1885 bis 1933 erstreckt. Ein Visionär von höchster Kraft und zartester Poesie, ein Biidkomponist, der die Gesetze des Bildaufbaus und der Bildspannung beherrscht, in gewissem Sinn ein malerischer Prophet; schweizerisch in seiner gesammelten inneren Kraft und zugleich eine Gestalt jenes unendlichen Reiches der Kunst, dem die Großen aller Zeiten und Völker angehören. Aus Otto Meyers Freundeskreis sind Paul B o d m e r und Hermann H u b e r hervorgegangen, die seine Wege weiterverfolgen.

Otto Meyer-Amden berührt in seinem Schaffen das Reich des Traumhaften und des rein Phantastischen. Paul Klee ist der Meister dieser Reiche. Entscheidende Züge seines Wesens und seiner Kunst zeigen schweizerisches Gepräge; die innere Bildfülle, das Erzählertum, das Ironisch-Phantastische, das Psychologisch-Pädagogische. Zudem sind unsichtbare Beziehungen zu den urtümlich-grotesken Triebkräften offenbar, die in Volksbräuchen und Masken der Schweiz zutage treten, und von der phantastischen Bild- und Lärmwelt der Basler Fastnacht zu den Bildvorstellungen Klees ist nur ein Schritt, mit dem allerdings die entscheidende Wandlung zur künstlerischen Schöpfung sich vollzieht.

Wie stark die Resonanz der modernen Kunstentwicklung in der Schweiz ist, ist aus der vielgestaltigen Lebendigkeit zu ersehen, mit der ein großer Teil der jungen schweizerischen Malergeneration sich in den verschiedensten Möglichkeiten moderner Gestaltung ausdrückt. In der Künstlergruppe „Allianz“ hat sich seit 1937 eine große Zahl junger Künstler zusammengeschlossen, die den entscheidenden Schritt von gegenständlicher zu ungegenständlicher künstlerischer Gestaltung getan haben. Die verschiedenen Grundströmungen, die in der europäischen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sind, treten in Erscheinung: das Abstrakte, das Konstruktive, das von den Künstlern selbst als „konkret“ bezeichnet wird, das Surrealistische, das Bewegungsvisionäre. Eine eigene, quer durch diese verschiedenen Ausdrucksformen gehende Note kann verfolgt werden: Ernst und- Intensität der Problemstellung, Sauberkeit der Lösungen und ein ausgesprochener Sinn für organische formale Zusammenhänge.

Eine Reihe starker und imaginativer Persönlichkeiten gibt diesen neuen Strömungen starke Akzente, die auch jenseits der Schweizer Grenze Beachtung und Resonanz gefunden haben. Bei den Konkreten sind es vor allem Max Bill, Richard P. Lohse, Camille Graeser und der in New York lebende Fritz Glarner, bei den sogenannten Abstrakten Leo Leuppi, Oskar Dalvit, Walter Bodmer und nicht zu vergessen der Architekt Le Corbusier, bei den Surrealisten der frühverstorbene Walter Kurt Wiemken, Otto Tschumi, Hans Fischer und der Luzerner Virtuose Hans Erni, dessen letzte Entwicklung sich einem neuen Realismus zuwendet, bei den Bewegungsvisionären Hans Fischli und der in Chikago lehrende Hugo Weber.

Diese breite Fülle produktiven malerischen Schaffens tritt in Ausstellungen vor das Volk, die In den großen und.auch in den kleineren Städten

der Schweiz mit besonderer Sorgfalt aufgebaut und dargestellt werden. Darüber hinaus geben Aufträge und Ankäufe der Kantone, der städtischen Gemeinden und auch großer privat er Unternehmungen den Künstlern die Möglichkeit, sich unmittelbar ins Leben eingeschaltet zu sehen: besonders zu erwähnen Ist in diesem

Zusammenhang, daß bei den Aufträgen und bei den Ankäufen für öffentliche Räume und vor allem auch für Schulen mit großer Aufgeschlossenheit verfahren wird, die jeder Art ernster künstlerischer Aeußerung die Möglichkeit der Resonanz in breiten Kreisen der Bevölkerung gibt.

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