Tizians Frauenbild - © Foto: © bpk / Bayerische Staatsgemäldesammlungen

"Tizians Frauenbild": Alte Meister, neue Blickwinkel

1945 1960 1980 2000 2020

Romana Holtemayer über die Ausstellung "Tizians Frauenbild" im Kunsthistorischen Museum.

1945 1960 1980 2000 2020

Romana Holtemayer über die Ausstellung "Tizians Frauenbild" im Kunsthistorischen Museum.

Venedig im frühen 16. Jahrhundert: Poetisch-sinnliche, idealisierte Frauenbildnisse von exquisiter Schönheit, inspiriert von antiken Mythen, christlichen Heldinnen und der populären zeitgenössischen Liebesdichtung, überfluten den Kunstmarkt geradezu und machen die venezianische Malerei international erfolgreich.

Tizian (um 1488‒1576) und seine Zeitgenossen – wie Palma il Vecchio oder Jacopo Tintoretto – erhoben die „Belle Donne“, intim anmutende weibliche Halbfigurenbilder, zum malerischen Topos, doch wer waren die blonden venezianischen Schönheiten? Ob sie reale Vorbilder hatten – laut althergebrachter Deutung Kurtisanen, neuen Forschungen zu zeitgenössischer Gestik und Symbolik zufolge eher junge Bräute, die ihre Einwilligung zur Vermählung geben – oder reine Poesie sind, ist bis heute umstritten, was ihrer Wirkung aber keinen Abbruch tut.

Die große Herbstausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien, die bis Ende Jänner verlängert wurde, trägt den Titel „Tizians Frauenbild: Schönheit – Liebe – Poesie“, und in der Tat werden biografische Details zur Vita des Malerfürsten und Hofmalers Karls V. beiseite gelassen, um das Augenmerk auf die Entdeckung der Frau als Thema der Malerei zu legen. In der Schau kann man aber nicht nur die Darstellung samtiger Haut und üppiger Haarpracht bestaunen, sondern erfährt, in Form von Holzschnitten aus dem späten 16. Jahrhundert und frühen Abhandlungen zur Kostümgeschichte, auch Interessantes zur Mode der Zeit und dazu, wie die Venezianerinnen ihre schöne Erscheinung pflegten – etwa durch die Präsentation eines kostbaren zeitgenössischen Toilettekästchens oder einer Buchillustration, die eine Anleitung zum Bleichen der Haare in der Sonne liefert.

Und in einem kleinen Exkurs wird anhand konkreter historischer Beispiele auf die neue soziale Stellung bürgerlicher Frauen im Venedig des 16. Jahrhunderts verwiesen. Wer regelmäßig die Gemäldegalerie des Museums besucht, wird hier ein paar bekannte Gesichter entdecken, speist sich die Schau doch zu einem guten Teil aus dem eigenen, bezüglich venezianischer Malerei sehr reichen Bestand. Doch auch einige hochkarätige Leihgaben finden sich unter den ausgestellten Objekten, was besonders im Fall der „Bella“ in drei Versionen – „La Bella“, „Mädchen im Pelz“ und „Junge Frau mit Federhut“ – spannende Vergleiche und Einblicke in die Arbeitsweise Tizians ermöglicht.

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