Digital In Arbeit

Tragischer Held mit Mehrwert

Das Naturhistorische Museum und das Land Niederösterreich gedenken eines großen Sohnes als Erfolgsbeleg. Dabei wird vergessen, dass er zeitlebens verkannt wurde und verbittert starb.

Vielleicht hätte Johann Natterer es ahnen müssen. Dass selbst er, als Prinz der Sammler, der sich aufgeopfert und 18 Jahre durch Brasiliens Dschungel gemüht hatte, zurück in Wien dem Untergang geweiht sein würde. Obwohl er dem Naturhistorischen Museum die reichhaltigste Südamerika-Sammlung der Welt bescherte, gab es kaum Anerkennung für ihn. Seine Frau, Maria do Rego, die er am rechten Ufer des Rio Negro geheiratet hatte, starb bald nach seiner Rückkehr. Seine zwei Töchter waren auch bald tot. Wenigstens musste er nicht mehr miterleben, nachdem er 1843 mit 56 Jahren an einer Lungenblutung starb, wie bei der Revolution von 1848 der Dachstuhl am Josefsplatz in Brand geriet und ein beträchtlicher Teil seiner Schätze, die wegen Platzmangels dort hineingepfercht worden waren, in Flammen aufging. Tage später setzte Regen ein. Wasser floss in die unversehrt gebliebenen Kisten und Schaukästen; über die Brillenkrokodile, Fische, Delphine. Heute zählen andere Dinge. Natterer ist eines der Aushängeschilder des Naturhistorischen Museums. Durch Köpfe wie ihn definiert sich die Institution am Wiener Ring. Auch Niederösterreich ist posthum stolz auf ihn: In der laufenden Landesausstellung sind auch Andenken an Natterer zu sehen.

Zoologie, Botanik, Geologie

Er entstammte einer Dynastie von Naturkundlern. Sein Vater, der letzte berittene Falkner von Laxenburg, arbeitete ab 1806 als Aufseher am Naturalienkabinett, während Bruder Joseph zum Verwalter der Vogel- und Säugetiersammlung bestellt wurde. Nach wie vor dominierten Zoologie, Botanik und Geologie die Naturwissenschaften. Es wurde gesammelt, beschrieben und eingeordnet. Bei den Piaristen ging Natterer zur Schule. Sein Vater brachte ihm das Präparieren von Tieren bei. An der Realakademie hörte er Vorlesungen in Chemie, Botanik und Anatomie. Doch erst als er sich als Gehilfe bei der Überstellung heikler Bestände für das Naturalienkabinett bewährte, verlieh im der Direktor, Karl von Schreibers, der sich wie er für Eingeweidewürmer interessierte, 1814 den unbezahlten Posten eines Assistenten. An der großen Fahrt nach Brasilien 1817 - Staatskanzler Metternich ließ Erzherzogin Leopoldine aus Machtdünkel in die portugiesische Kolonie verheiraten - sollte eigentlich Joseph Natterer als wissenschaftlicher Leiter teilnehmen. Doch Johann Mikan, Botaniker aus Prag, hatte die bessere Lobby beim Kaiser. Joseph wurde ausgebootet, an seiner Stelle kam Johann zum Zug: als normales Mitglied unter 14 Gelehrten, die mit an Bord gingen. Brasilien war weitgehend unbekannt: "Blumenkaiser“ Franz I. durfte sich einen beachtlichen Return on Investment für seine Sammlungen erwarten.

Ein Spulwurm per Post nach Wien

Vor Ort stürzt sich Natterer ehrgeizig ins Abenteuer. Er will, dass sein Artenverzeichnis das stärkste wird. Dass zwei Bayern aufgrund einer Sondergenehmigung vor ihm im Vogelparadies Mato Grosso jagen dürfen, ärgert ihn gewaltig. Hitze, Feuchtigkeit und Insekten machen die langen Tage mitunter zur Qual. Nachts beißen ihn auf der Insel Marambaya riesige Fledermäuse in Stirn und Wange. Immer wieder füllen er und seine Mitstreiter Kisten mit Beute. Viele Forscher werden krank. Als 1821 Unruhen ausbrechen wird die Expedition abgebrochen: Alle sollen nach Europa zurück - nur Natterer weigert sich. Er will in den Regenwald im Westen. Unbedingt. Er ist sogar bereit, die Kosten selbst zu tragen. Für diesen Fall kündigt er aber an, die Sammlungen als sein Eigentum zu betrachten und verkaufen zu wollen. Schließlich bekommt er doch weiter Geld aus Wien, auch nachdem er sich erneut weigert heimzukehren. Ihm, einem Narren, der sein häusliches Glück und seine Lieben zurückgelassen habe, schreibt er an einen Kollegen, stünde es besser an, weiter den kaiserlichen Sammlungen zu dienen: "Die Flüsse Madeira und Amazona bieten so reichhaltige Ausbeute an zahllosen noch fehlenden Prachtstücken dar, dass es unverzeihlich wäre, wenn ich einen anderen Weg einschlagen würde.“ Wie von Schreibers angeordnet pickt er die Würmer aus erlegten Tieren. Unter den Sendungen nach Wien ist auch ein Spulwurm aus dem menschlichen Darm, mit der Information: "Ascaris lumbricoides, von Natterer erbrochen“. Sein Begleiter, Dominik Sochor, stirbt 1823 am Fieber. Natterer leidet fast zwei Jahre an einer entzündeten Leber. Nach unzähligen Vagabondagen kehrt er 1835 doch noch heim - mit seiner Familie flüchtet er vor erneuten Unruhen im Land.

Verbitterter Ruheloser

Seine Ausbeute war gewaltig: So viel wie er hat kein anderer jemals in Brasilien gesammelt. Im Schnitt hatte er jeden Tag zwei Vögel präpariert. Doch Posten wurde ihm am Naturalienkabinett nur der eines Assistenten angeboten, wie vor seiner Abreise. Das verbitterte ihn. Er blieb ein Ruheloser, ständig unterwegs in den Gelehrtenzirkeln Europas. Anerkennung bekam er nur im Ausland, darunter das Ehrendoktorat der Universität Heidelberg. Selbst publizierte er nur mehr zwei Arbeiten: über Alligatoren und den Lungenfisch Lepidosiren paradoxa.

Auch Reisebericht lag keiner vor: "Mehrmalen habe ich wohl versucht das Geschehen jeden Tag nieder zu schreiben, doch bald bekam es Lücken durch wichtigere Arbeit […] und geriet gänzlich ins Stocken, weil ich sah, dass ich unfähig war.“ In der sich ausprägenden Arbeitsteilung - hier die Sammler, dort die Bearbeiter in den Kabinetten - sah sich Natterer klar auf der ersten Seite. Wohl kein Vorteil in einer Zeit, als Spezialisten immer gefragter wurden.

1861 schrieb Siegfried Reissek über Natterer: "Kein Wunder, dass die Mystik des Waldes tief auf ihn eingewirkt, und in Verbindung mit seiner Beschäftigung als Jäger, seinem Wesen einen eigentümlichen Zug verliehen hat, der sich besonders in seinem Antlitz spiegelte. […] Es war das Versenktsein in das eigene Ich und die Vergangenheit, die um seine Mienen spielte, und ihnen bei aller Heiterkeit zeitweilig einen fast schwermütigen, wie an Heimweh mahnenden Ausdruck verlieh.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau