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"Unpräzise Schmierereien"

Zu Lebzeiten heftig umstritten, faszinieren die letzten Bilder Picassos in einer grandiosen Schau der Albertina.

Und die Malerei? Was wird sie tun, wenn ich nicht mehr da bin? Sie wird wohl über meine Leiche gehen müssen! Sie wird nicht daran vorbeikommen, oder?" Pablo Picasso, Inbegriff des kreativen Allroundgenies, des unermüdlichen Bilderfinders, war sich seiner Bedeutung stets bewusst. Wie ein Übervater dominierte er das Kunstgeschehen des 20. Jahrhunderts - und wurde zugleich als Gegenspieler zu Marcel Duchamp, dem intellektuellen Wegbereiter konzeptueller Tendenzen in der Kunst, aufgebaut. Leidenschaftliche, subjektive Malerei auf der einen Seite - industriell gefertigte Ready-mades auf der anderen Seite.

Polemiken gegen den Star

Während in ganz Europa Studentenunruhen für Aufruhr sorgten, der Vietnamkrieg voll im Gang war und junge Künstler neue performative Kunstformen ausprobierten - saß Picasso fast 90-jährig in seinem Atelier in Mougins vor der Staffelei und malte in atemloser Geschwindigkeit. Vor allem Bilder seiner letzten Muse und Ehefrau Jacqueline. Ein Verhalten, das auf wenig Gegenliebe stieß - und Kritiker zu Polemiken gegen den Malerstar provozierte.

Das Frühwerk und die Errungenschaften rund um die Erfindung des Kubismus blieben dabei stets unangetastet. Heftig angegriffen wurde lediglich das Spätwerk. In seinem viel beachteten Buch "Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso" verkündete der renommierte Kunstkritiker John Berger dessen Niedergang. Härtere Attacken kamen im Todesjahr des Künstlers 1973. "Unzusammenhängende Schmierereien, ausgeführt von einem rasenden Greis im Vorzimmer des Todes", urteilte der Sammler und Kunstkritiker Douglas Cooper anlässlich einer Präsentation der letzten 200 Picasso-Bilder.

Angriffe auf in die Jahre gekommene Künstler sind der Kunstgeschichte allzu bekannt - so meinte der Künstler-Biograf Giorgio Vasari, es wäre richtiger gewesen, Tizian hätte in seinen letzten Jahren nur zum Zeitvertreib gemalt und nicht durch "minder gute Werke" seinen Ruf geschmälert.

Neue Sicht nach 33 Jahren

Wie anders der Blick auf ein Spätwerk drei Jahrzehnte nach dem Tod eines Künstlers aussehen kann, zeigt der renommierte Picasso-Forscher und Ex-Direktor des Centre Pompidou, Werner Spies, jetzt mit einer grandiosen Ausstellung in der Wiener Albertina. Für Spies, der den Künstler noch persönlich kannte, ist es eine seiner schönsten Picasso-Präsentationen. Kuratoren sind von ihrem aktuellen Werk zwangsläufig besonders angetan - im Fall dieser Picasso-Schau ist die Einschätzung jedoch mehr als verblendetes Selbstlob. Denn diese Ausstellung ist aus mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich. Schon allein deshalb, weil man eigentlich davon ausgeht, in einer Picasso-Schau nichts Neues mehr sehen zu können.

Durch die Beschränkung auf die umstrittenen Jahre, durch herausragende Exponate von über 60 Leihgebern - und durch eine sensible luftige Hängung in erweiterten Räumlichkeiten gelingt es, die Augen für Picasso tatsächlich wieder aufs Neue zu öffnen.

Überzeugend sind nicht nur zahlreiche einzelne Bilder aufgrund farblich und formal ungewöhnlicher Lösungen, die erzählerischen Graphik-Serien und die wunderbaren Klappfiguren aus Metallblech, sondern die Gesamtheit des späten Werkkomplexes.

Beim Rundgang durch die auf zwei Stockwerken präsentierte Schau wird deutlich, dass es Picasso nicht so sehr um das einzelne Werk, sondern um den künstlerischen Prozess an sich ging. Das, was zu Lebzeiten als unpräzise "Schmiererei" kritisiert wurde, erweist sich aus heutiger Sicht als Qualität. Picasso werkte so schnell und ungeduldig, dass seine beiden Drucker mit der Realisation gar nicht nachkamen. "Malen gegen die Zeit" nennt Spies die Ausstellung, um auf den Kampf gegen die Vergänglichkeit aufmerksam zu machen. "Ich habe den Eindruck, dass die Zeit immer schneller an mir vorüberzieht" - so Picasso, wissend um den nahenden Tod.

Beinahe ausschließliche Themen der letzten Jahre sind die Beziehung der Geschlechter, der weibliche Körper und die Sexualität - insbesondere das Verhältnis von Maler und Modell. Man denkt an Freuds Sublimationstheorie und findet sie gerade im Spätwerk Picassos besonders bestätigt. Die Kunst scheint hier die eigentliche Partnerin zu sein, das Malen von Liebe und Leidenschaft ein Ersatz für gelebte Sexualität.

Geschlechterstereotype

Picassos Darstellung der Frau als passives, sich nackt zur Schau stellendes Wesen im Gegensatz zum aktiven, bekleideten Künstler entspricht nicht mehr der heutigen Vorstellung von den Geschlechterrollen. Dieser mitunter fragwürdige Blick wird allerdings konterkariert durch die Art der Darstellung, durch die formalen Brüche und die Offenheit der Malerei.

Kurator Werner Spies betonte im Umfeld der Eröffnung stets, Picasso sei in den 60er Jahren der zeitgenössischste aller Künstler gewesen. Sein malerisches und zeichnerisches Können stehe im Gegensatz zur "kopflastigen" Kunst in der Nachfolge Duchamps. Eine derartige Polarisierung tut weder der Sicht auf Picasso noch der Kunst an sich gut. Vor allem spricht die hervorragende Schau ohnehin für sich.

Es ist völlig irrelevant, ob Picasso als 90-jähriger zeitgenössisch war oder nicht. Natürlich war er es, Themen und künstlerische Medien betreffend, nicht. Wie sollte er auch - in diesem Alter. Die Ausstellung und der begleitende Katalog zeigen - und hier hat Spies mehr als überzeugend die Sicht auf die letzten Jahre zurecht gerückt -, dass das stetige Ringen um das ideale Verhältnis von Farbe und Form, das aktionsartige rasante Arbeiten und der Versuch, durch Kunst die Wirklichkeit täglich neu zu konstituieren, zeitlose Qualitäten von Kunst sind. Auf jeden Fall war das Spätwerk weit aktueller, als damals wahrgenommen. Vielleicht sogar spannender als so manche bereits zu Lebzeiten gefeierte Werkphase dieses Giganten.

Picasso

Malen gegen die Zeit

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

www.albertina.at

Bis 7. 1. 2007 tägl. 10-18, Mi 10-21 Uhr

Katalog: Picasso - Malen gegen die Zeit, hrsg. von Werner Spies, Hatje Cantz, Ostfildern 2006, 304 Seiten, e 29.-

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