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Verdrängte Frau

Die Kunsthalle Krems zeigt österreichische Künstlerinnen seit 1945. Trotz einiger Mängel macht die Ausstellung deutlich: Wesentlich mehr Frauen waren wichtig für die Entwicklung der Kunst.

Und wenn es keinerlei Unterschiede in Wesen und Gestalt gibt, wenn ihnen die gleiche Nahrung, die gleiche Sprache eigen ist, weshalb sollen sie sich dann unterscheiden in Mut und Verstand?", fragte die venezianische Dichterin Moderata Fonte bereits 1581 in dem Epos "Dreizehn Gesänge des Flordiro". Es thematisiert wie Fontes etwas später erschiene Streitschrift "Das Verdienst der Frauen" Gleichheit und Wert des weiblichen Geschlechts und macht deutlich, dass Frauen gegen Ausgrenzungen aus Kunst, Literatur und Gesellschaft nicht erst im letzten Jahrhundert massiv ankämpften. Dennoch wurden bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts weibliche Kunstschaffende entweder gar nicht in den Kanon der anerkannten Künstler aufgenommen oder sie gerieten - obwohl zu Lebzeiten berühmt - posthum wieder in Vergessenheit wie etwa Mary Beale, eine der erfolgreichsten englischen Porträtmalerinnen des 17. Jahrhunderts.

Muse - Gattin - Mutter

Die männliche Kunstgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts hatte kein Interesse, die Erinnerung an die Tradition von Malerinnen aufrechtzuerhalten. Vielmehr wurde das Bild der Frau als Muse, Gattin und Mutter von Genies festgeschrieben. Schöpferische Kreativität gestand man ihr gerne zu, aber "ihr Material ist der lebendige Mensch. Ihre Kunstarbeit ist es, kleine Kinderseelen aufzubauen", schrieb Karl Scheffler noch Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwar hat sich seit damals viel geändert, was vor allem Kunsthistorikerinnen aus dem Bereich der Gender-Forschung zu verdanken ist, die seit den frühen siebziger Jahren einerseits in Vergessenheit geratene Künstlerinnen ausgruben und andererseits das von männlichen Kunsthistorikern gezeichnete Bild bekannter weiblicher Kunstschaffender im Schatten berühmter Männer zurechtzurücken suchten.

Im Schatten der Männer

Wie stark auch heute noch eine bestimmte Vorstellung von weiblicher Autorenschaft besteht, beweist etwa eine 1997 veranstaltete Ausstellung über Wegbereiterinnen der Moderne, die den Titel "Garten der Frauen" trug - wodurch die Künstlerinnen abermals ins Ghetto der "weiblichen Natur" im Kontrast zum "männlichen Geist" gesperrt wurden. Dass eine derzeit in der Kremser Kunsthalle laufende Schau über österreichische Künstlerinnen von 1945 bis heute im Titel "Mimosen, Rosen, Herbstzeitlosen" wieder mit Blumenvokabular aufwartet, ist mehr als bedauerlich. Denn im Grunde handelt es sich um ein äußerst engagiertes Unternehmen von vier Kuratorinnen, die Hervorragendes geleistet haben, was besonders im umfangreichen Katalog zum Ausdruck kommt. Im Vorwort erläutern die Kuratorinnen zwar, dass die Blumenmetapher eigentlich diese jahrhundertealte Gleichsetzung von Frau und Blume ironisieren soll, aber wenn ein Titel erst im Katalog erläutert werden muss, ist er nicht geglückt.

Die Ausstellung selbst konfrontiert den Besucher mit 200 Arbeiten von 160 Künstlerinnen in allen nur denkbaren Medien. Darunter befinden sich "Klassikerinnen" wie Maria Lassnig, Valie Export, Kiki Kogelnik oder Birgit Jürgenssen, junge renommierte Künstlerinnen wie Elke Krystufek, Christine und Irene Hohenbüchler und die Shootingstars Esther Stocker und Anna Jermolaewa. Ein großes Verdienst ist besonders die Präsentation von zu unrecht der breiten Öffentlichkeit zu wenig bekannten Künstlerinnen wie die im Vorjahr verstorbene Performancekünstlerin Rita Furrer.

Große Entdeckungen

Zu den Stärken der Schau gehört, dass die vier Kuratorinnen sensationell viel Material entdeckt haben und so in einer enormen Dichte allein durch die Fülle aufzeigen, wie viele interessante Künstlerinnen es hierzulande gab und gibt.

Mängel der Präsentation

Leider kommt dies in der Ausstellung nicht immer zur Geltung. Hier stand das besondere Engagement der Ausstellungsmacherinnen offensichtlich einer klaren Präsentation im Wege. Stringente Linien, eine reduziertere Auswahl und fokussierte Blickwinkel hätten den Parcours durch fünf Jahrzehnte weiblichen Kunstschaffens in Österreich erleichtert. Denn so muss man sich seinen Weg durch eine allzu dichte Hängung und eine zunächst chronologische, dann wiederum thematische Gruppierung selbst suchen. Am einheitlichsten erscheint der Abschnitt "Kinder - Küche - Kirche - Kunst", der "feministische Genreszenen" der siebziger Jahre zeigt. Hier wird die Schärfe und Ironie, mit der Birgit Jürgenssen oder Karin Mack das weibliche Rollenklischee als Hausfrau und Mutter auf die Schaufel nehmen, auf einen Blick erkennbar. In der Fotoserie "Zerstörung einer Illusion" (1977) zerlegt Karin Mack das Bild der Frau, wie wir es von Werbspots der fünfziger Jahren kennen. Auf dem ersten Foto der Serie hält eine Frau - es ist die Künstlerin selbst - ein Marmeladeglas neben das Gesicht, so als würde sie es anpreisen, und lächelt in die Kamera. Auf dem zweiten Bild ist die Frau, noch immer das Marmeladeglas in der Hand haltend, in traditioneller Märtyrerpose im ganzen Gesicht mit Nägel gespickt. Auf den folgenden Fotos verschwindet die Dargestellte immer mehr, bis nur mehr Nägel und Spuren von Verletzung auf der weißen Bildfläche übrigbleiben.

Weit weniger dramatisch geht es gegen Ende der Ausstellung zu, wo unterschiedliche Positionen junger österreichischer Künstlerinnen, etwa Katarina Schmidl oder Deborah Sengl zu sehen sind. Gewiss: Hier wäre die eine oder andere Künstlerin austauschbar, denn zum Glück hat sich die Lage in den letzten Jahrzehnten geändert, so dass heute eine Vielzahl von aufstrebenden Künstlerinnen die österreichische Kunstszene entscheidend mitbestimmt.

Frauen wesentlich

Trotz aller Mängel, was Konzeption und Präsentation betrifft, ist der Ausflug nach Krems in die Kunsthalle ein Muss für alle Kunst- und Geschichteinteressierte. Denn hier sieht man an vielen Beispielen, dass die österreichische Kunstlandschaft im Nachkriegsösterreich nicht nur aus berühmten Künstlern wie Rainer, Brus, Attersee und ganz wenigen anerkannten Künstlerinnen wie Maria Lassnig bestand, sondern dass es bereits damals weit mehr Künstlerinnen gab, die wesentlich für die Entwicklung des Kunstgeschehens waren - auch wenn ihre Arbeit jahrzehntelang im Schatten ihrer männlichen Kollegen stand.

KÜNSTLERINNEN

Positionen 1945 bis heute

Mimosen - Rosen - Herbstzeitlosen

Kunsthalle Krems

Bis 15. Februar 2004 täglich 10-18 Uhr Information: www.kunsthalle.at

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