Digital In Arbeit
Ausstellung

Verstockter Mörder und erfüllte Ahnungen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das beklemmendste "Exponat" der Ausstellung "Die Stadt ohne" im Wiener Metro-Kinokulturhaus ist das lange Interview mit Otto Rothstock, das der Mörder Hugo Bettauers (1872-1925) anno 1977 dem ORF-Magazin "Teleobjektiv" gab. Rothstock, der seinen Lebensabend in Niedersachsen als "Pornojäger" verbrachte, bedauert in dem gespenstischen Video mitnichten seinen Mord von 1925, sondern geriert sich als Retter der christlichen Kultur vor dem Schmutz und Schund eines Hugo Bettauer.

22-jährig drang der Nationalsozialist Rothstock in Bettauers Büro in Wien ein und streckte den Publizisten mit fünf Schüssen nieder, der Getroffene verstarb einige Tage später. Rothstock wurde im Mordprozess bei Gleichstand des Votums der Geschworenen freigesprochen, blieb aber wegen geistiger Verwirrung 20 Monate in einer Heilanstalt interniert.

Das von der rechten Reichshälfte - den Nationalsozialisten, Christlich-Sozialen und den Großdeutschen -flächendeckend bekämpfte Engagement Bettauers galt sexueller Freizügigkeit, der Freigabe der Abtreibung und der Straffreiheit für homosexuelle Handlungen. Besonders regte aber Bettauers utopische Gesellschaftssatire "Die Stadt ohne Juden" aus 1922 auf. In diesem Roman spielte Bettauer die Vertreibung der Juden aus Wien durch. Es mag aus heutiger Sicht wie eine Prophetie anmuten, wie Bettauer die Argumentation gegen die Juden, aber auch die Folgen des Verschwindens der Juden vorhersagte. Auch wenn der Roman von den Gräueltaten der Nazis nichts wusste und die Erzählstränge auch nicht in derartige Richtung drifteten, ist das Buch zwar keine literarische Offenbarung, aber ein atemraubendes Zeitzeugnis.

1924 wurde "Die Stadt ohne Juden" unter der Regie von Hans Karl Breslauer als Stummfilm veröffentlicht. Hugo Bettauer war mit der Filmfassung sehr unzufrieden. Und der Film verschwand, bis 1991 eine Kopie im Filmmuseum Amsterdam auftauchte -in schlechtem Zustand und nur eine gekürzte Version. 2015 fand ein Filmsammler eine komplette Kopie auf einem Pariser Flohmarkt, das Filmarchiv Austria kam in deren Besitz - nicht zuletzt mit einer Crowdfunding-Kampagne konnte die Restaurierung der "Stadt ohne Juden" fertiggestellt werden.

Die Ausstellung "Die Stadt ohne", die den Roman wie den Film ins damalige und heutige Geschehen auf den zwei Ebenen des Metro-Kinokulturhauses einbettet, ist vor allem als eine einzige Anleitung zu verstehen, den Film auch selber zu sehen. In der Reihe "Kino der Orte" wird der restaurierte Film an verschiedenen Locations gezeigt.

Der restaurierte Film

Im Gegensatz zum Roman verlegt der Film "Die Stadt ohne Juden" die Handlung aus Wien in ein anonymes Utopia, das aber eindeutig austriakische Züge trägt. Die Handlung scheint geglättet bzw. weniger moralisch zugespitzt als im Roman. Neben dem Film ist daher die Lektüre des Romans sehr zu empfehlen. Die Ober-Antisemiten Bundeskanzler Dr. Schwerdtfeger sowie Rat Bernart werden von Eugen Neufeld und Hans Moser gespielt, jüdische Stars jener Jahre wie Gisela Werbezirk oder Armin Berg treten in Nebenrollen auf.

Die sehenswerte Ausstellung "Die Stadt ohne", bei der man hinter dem Titel-Torso "Juden","Muslime","Flüchtlinge" oder "Ausländer" einsetzen kann, zeigt auf, wie sehr die aktuellen politischen Ereignisse mit Geschehnissen der frühen 1920er Jahre korrelieren, vor allem was die Stimmung gegen die jeweiligen gesellschaftlichen Sündenböcke betrifft.

Dass vieles heute sich in die Richtung jener Jahre bewegt, mag beklemmen. So weit wie damals ist das Ressentiment aber doch noch nicht gediehen, wie man an zahlreichen Exponaten antisemitischer Plakate dieser Jahre erkennen kann. Aber den Anfängen derartiger Entwicklungen wurde hierzulande längst nicht gewehrt.

Dazu kommen in der Ausstellung Fotostrecken über geräumte jüdische Wohnungen in Wien nach 1938: Was im Roman wie im Film noch als Dystopie, als gedanklicher Alptraum erscheinen mochte, war 15 Jahre später grausame Wirklichkeit. Insofern hat sich Hugo Bettauers als bittere Gesellschaftssatire konzipiertes Werk doch als viel mehr als bloße Ahnung des Kommenden entpuppt.

Nicht zuletzt ob dieser Tatsache ist die im Wiener Metro-Kinokulturhaus gezeigte Ausstellung im Verein mit dem Film und dem Roman ein aktueller Weckruf -nicht nur, aber gerade anlässlich 100 Jahre Republik Österreich.

Die Stadt ohne Ausstellung zum Republiksjubiläum Metro-Kinokulturhaus, Johannesg. 4, 1010 Wien, tägl. 15-21 Uhr, bis 30. Dez.