Friedenspreis2020_GeaVanEck_Angespuelt_lowres - © Foto: Stift Klosterneuburg

Versunken im Abgrund

1945 1960 1980 2000 2020

Um das Thema Leid, aber auch um Reue, Vergebung und die Kraft des Glaubens dreht sich die Jahresausstellung des Stifts Klosterneuburg: mit eindrucksvollen Werken von der Gotik bis heute und den Gewinnern des St. Leopold Friedenspreises.

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Um das Thema Leid, aber auch um Reue, Vergebung und die Kraft des Glaubens dreht sich die Jahresausstellung des Stifts Klosterneuburg: mit eindrucksvollen Werken von der Gotik bis heute und den Gewinnern des St. Leopold Friedenspreises.

Sie liegen da, nackt, angespült, schutzlos, tot. Eine Frau und ein kleines Kind. Ist es die Gottesmutter Maria, wie die Krone auf ihrem Kopf möglicherweise suggeriert? Oder eine Frau, deren Flucht übers Meer missglückte? Oder beides zugleich? Gea van Ecks Textilarbeit „Aangespoeld“ („Angespült“) ist eines der eindringlichsten Werke der aktuellen Ausstellung „was leid tut“ im Stift Klosterneuburg.

Den Titel „was leid tut“ will Kurator Wolfgang Christian Huber auf verschiedenste Arten verstanden wissen. Das Leid, das jemandem zugefügt wird, ist ebenso gemeint wie die Tatsache, dass jemandem etwas leidtut. Die Exponate decken ein weites zeitliches Spektrum von der Gotik bis heute ab. Da finden sich eine Holz-Pietà aus der Zeit um 1400 und ein reuiger Petrus eines unbekannten Malers aus dem 18. Jahrhundert ebenso wie erst kürzlich entstandene Werke zum Thema.

Erstmalig wurde die Jahresexposition mit der Ausstellung zum St. Leopold Friedenspreis vereint, jener Auszeichnung, die von Seiten des Stifts Klosterneuburg seit 2008 für bildende Kunst verliehen wird, die zusätzlich zum künstlerischen Anspruch humanitäres Engagement zeigt und ein vorgegebenes Thema umsetzt. Der Wettbewerb fand bereits 2020 statt, gebeten wurde, sich mit Psalm 69,2 auseinanderzusetzen: „Rette mich, Gott, denn das Wasser geht mir bis zur Kehle. Ich bin versunken im Schlamm des Abgrunds und habe keinen Halt mehr.“ Einige Künstler interpretierten dies in Bezug auf den Klimawandel, so etwa die Preisträgerin Petra Weifenbach, die „Holland in Not“ zeigt, indem sie auf Fliesen im niederländischen Stil eine im Meer versunkene Windmühle abbildet (wobei die Kacheln aber eine Fotomontage sind).

Als besonders ambitioniert sticht Barbara Dombrowskis Kunstprojekt ins Auge, in dem sie vom Klimawandel besonders betroffene Orte und Menschen fotografiert und die großformatigen Porträts in anderen bedrohten Zonen aufhängt – sie stellt etwa solche von Bewohnern des Amazonasregenwalds in Grönland auf und vice versa. Werke wie diese, die sich nicht ideal in die Jahresausstellung „was leid tut“ integrieren ließen, werden nun separat gezeigt.

Doch bei Arbeiten wie jener von Gea van Eck, die von der Jury die Silbermedaille des Friedenspreises erhielt, passte es. Bedrückend wirken die auf dem nackten Boden liegenden Textilfiguren, das Kind zusammengekauert, die Frau ausgestreckt auf dem Bauch, das Gesicht gegen den Boden gerichtet – sie evozieren Bilder wie jenes des verstorbenen syrischen Buben, das um die Welt ging. „Der Künstlerin war es wichtig, dass die Figuren einerseits auf dem blanken Boden liegen, andererseits keinen Kontakt haben“, beschreibt Kurator Huber. „Es geht ihr darum, dass wir schlussendlich beim Sterben allein sind.“ Das Thema – all die gescheiterten Versuche, durch Flucht über das Meer ein besseres Leben zu erreichen – wird durch eine Videoinstallation verstärkt, die über den Figuren hängt. Hierin lässt Christian Alexander Rogler in „I wanted to live“ wie in einem Filmabspann die Namen jener Toten ablaufen, die bei einem Versuch der Flucht in die EU gestorben sind.

Die beiden Arbeiten finden sich am Anfang des Ausstellungsteils, der der Pietà gewidmet ist. Es sind die Gegenüberstellungen, die die Schau besonders interessant und lebendig machen: Eine pathosgeladene Elfenbein-Pietà Paul Trogers steht neben einer gotischen Darstellung der trauernden Maria mit Jesus auf dem Schoß, während Pater Raphael Statt eine Bronzeskulptur geschaffen hat, in der die dürren Körper Marias und Jesus ein Kreuz bilden – und Jesus gar nicht von seiner Mutter, sondern von göttlicher Hand gehalten wird.

Interessant auch eine Gegenüberstellung, die man durch ein Auftragswerk bewusst evoziert hat: Peter Kuchler III., ein Shootingstar der österreichischen Glaskunstszene, schuf ausgehend von einer Ölbergchristus-Skulptur aus der Zeit um 1500, in der Jesus mit Blut und Schweißtropfen dargestellt ist, ein Kunstwerk extra für die Schau. Einen Gesteinsbrocken, der in der Form dem knienden Christus gleicht, hat er mit gläsernen Tropfen überströmen lassen, die Schweiß, Blut und salzige Tränen gleichermaßen sein können.

Ins Hier und Jetzt

„Uns war es ein Anliegen, das Thema auch ins Hier und Jetzt zu bringen“, betont Kurator Huber. Somit zeigt man zum Thema Märtyrertum nicht allein Heiligendarstellungen wie jene des Heiligen Sebastians – ob nun als gotische Leihgabe aus dem Belvedere oder in einer Darstellung des Hagenbundkünstlers Georg Pevetz, in welcher der Figur die letzte Würde genommen wird, wenn sie in eine qualvolle Liegeposition gedrückt ist, was auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg rekurriert.

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