Von Opfern zu Handelnden: Arbeiter im Bild

Arbeitende Menschen sind seit dem Mittelalter Thema der Kunst. Mit dem Beginn der Moderne rückte der Protest gegen die soziale Situation der Arbeiter in den Mittelpunkt der Darstellung.

„Ich hatte unsere Kutsche genommen und fuhr zum Schloss Saint-Denis. Um ein Landschaftsbild zu malen. Nahe bei Maisieres hielt ich an, um zwei Männer zu betrachten, die auf dem Weg Steine klopften. Es ist selten, dass man einem so vollkommenen Ausdruck der Armut begegnet: Auch kam mir auf der Stelle der Gedanke zu einem Gemälde.“ In einem Brief schildert der französische Maler Gustave Courbet, wie er durch die Begegnung mit dem Elend der straßenarbeitenden Männer 1849 zum Gemälde „Die Steinklopfer“ inspiriert wurde. Das im Zweiten Weltkrieg verbrannte Werk wurde zum Inbegriff des sozialkritischen Monumentalbildes von Proletariern. Nie zuvor war die Härte der schweren körperlichen Arbeit derart realistisch in einem Gemälde dargestellt worden. Denn das in gedämpften Ocker-, Braun- und Grüntönen gehaltene Bild zeigt, wie auch heute noch anhand von Kreidezeichnungen und Ölstudien nachzuvollziehen ist, zwei hart schuftende Männer im Profil. Sie zerkleinern in einer steinigen Straßenausbuchtung mit Hilfe von langstieligen Hämmern Feldsteine. Und schleppen diese in Körben zur Straßenpflasterung. Wenn man sich bewusst macht, wie revolutionär es damals war, statt Fürsten und in Seide gehüllter Frauen plötzlich grob bekleidete Arbeiter ins Zentrum zu stellen, so wundert es nicht, dass über dieses Bild wie über kein zweites öffentlich diskutiert wurde.

Gemaltes Manifest des Klassenkampfs

Für die Kritiker war es ein hässliches Gemälde mit einem kunstunwürdigen Motiv. Für die politisch links orientierten Intellektuellen war es ein gemaltes Manifest zur klassenkämpferischen Befreiung. So schrieb der Sozialphilosoph und Courbet-Freund Pierre-Joseph Proudhon: „Courbet wird angeklagt, mit seinem Realismus das Ideal zu vernichten; in Wahrheit hat es nie ein Maler stärker zur Geltung gebracht. Die Steinklopfer ironisieren unsere Industriekultur, die jeden Tag wundervolle Maschinen erfindet. Wer aber ist der Diener der Maschinen? Der Mensch.“

Auch wenn es vor den 1770er-Jahren kein Arbeiterbild in engerem Sinne gab, haben Künstler schon im Mittelalter arbeitende Menschen und Arbeitsvorgänge in ihren Bildern gezeigt. Allerdings war die dargestellte Arbeit in andere Zusammenhänge eingebettet. Häufig wurde Arbeit im Kontext biblischer Geschichten zum Thema – etwa in Form der Bestrafung des Menschen mit Arbeit nach der Vertreibung aus dem Paradies wie etwa in der „Grandval-Bibel“ aus dem Jahr 1350. Zu einer der spannendsten Arbeitsdarstellungen zählt Pieter Bruegels „Turmbau zu Babel“ aus dem Wiener Kunsthistorischen Museum. Ein Bild, das so innovativ war, dass es in den Jahren nach seiner Fertigstellung über 200 Male kopiert und variiert wurde. Das Ölbild zeigt einen runden spiralförmigen Turm im Stadium der Erbauung. Er nimmt fast die gesamte Bildfläche ein, droht beinahe das Format zu sprengen. Zu Füßen des Turms liegt eine Stadt auf der einen, das Meer mit einem Hafen und Schiffen auf der anderen Seite. Unverkennbar ist das Gemälde eine künstlerische Umsetzung der biblischen Erzählung im ersten Buch Mose von der Erbauung eines Turmes mit „einer Spitze bis zum Himmel“. Allerdings hat Bruegel die biblische Thematik aktualisiert, indem er den „Turmbau zu Babel“ als Bauunternehmen seiner eigenen Zeit zeigt und somit die Praxis des Bauwesens im 16. Jahrhundert gegenwärtig macht. Auf einer Rampe ist etwa ein Kran mit Tretrad zu sehen, das von Männern bewegt wird, um die schweren Steine in die Höhe zu befördern.

Nicht den Arbeitsprozess an sich, sondern die Proteste der arbeitenden Klasse gegen katastrophale Bedingungen und schlechte Entlohnung haben Künstler der beginnenden Moderne in ihren Bildern festgehalten. Eindrucksvoll zeigt dies eine Grafik der deutschen Expressionistin Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1894 mit dem Titel „Der Sturm“. Zu sehen ist eine Ansammlung ärmlich bekleideter Menschen in Rückenansicht. Die Menschenmenge steht vor einer hohen Mauer mit einem prunkvollen Eingangstor. Die Aufständischen haben Steine in den Händen, versuchen das Anwesen zu stürmen. Die Körperhaltung und die düstere Schwarzweißzeichnung lassen erahnen, wie wenig erfolgversprechend der Aufstand sein wird.

Das Blatt stammt aus einer sechsteiligen Serie, in der sich Kollwitz mit der niedergeschlagenen Rebellion der schlesischen Handwerker im Jahr 1844 befasst hat. Der Zyklus ist mehr als bloß ein visuelles Dokument der damaligen Arbeiteraufstände. Spannend ist nicht nur, dass diese politisch und soziologisch interessierte Künstlerin die Not der Arbeiter dargestellt hat, sondern vor allem, wie sie es gemacht hat. Mit ihrer schwarzweißen ausdrucksstarken Folge erzeugt sie eine Direktheit, deren Wirkung man sich auch heute nicht entziehen kann. Kunst kann zwar nicht direkt in Gesellschaft und Politik eingreifen, aber mit Formen und Farben, mit Linien und Strichen, öffentlich Unsichtbares sichtbar machen und somit wesentlich zu gesellschaftspolitischen Prozessen beitragen.

Sind Arbeiterbilder heute aus der Mode gekommen? Keineswegs. Auch in so manchem Werk von Gegenwartskünstlern haben Arbeiter und Arbeitsvorgänge einen fixen Platz. Nur die Formensprache, die Art der Auseinandersetzung ist eine andere geworden, wie ein Foto-Diptychon der „Otto-Mauer-Preisträgerin 2008“, Isa Rosenberger, spiegelt: Eine ältere Frau steht in blauem Sakko und karierten Hosen auf einem Betonsockel. Im Hintergrund ein runder Fabriksbau – einst eine der größten Chemiefabriken in der ehemaligen DDR. Heute ist die Fabrik in Wolfen, die mit 8000 Arbeiterinnen der Betrieb mit dem größten Frauenanteil der DDR war, zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Die meisten der ehemals beschäftigten Frauen sind arbeitslos.

Neben dem Foto hängt ein zweites. Es zeigt das gleiche Motiv. Allerdings steht auf dem Sockel keine Frau, sondern eine Bronzestatue. Dabei handelt es sich um das 1964 von Gerhard Markwald im Stil des sozialistischen Realismus errichtete Denkmal der „Chemiearbeiterin“. Die Frau auf dem ersten Foto stand damals als junge Arbeiterin für die Skulptur Modell. Jetzt ersetzt sie als lebende Plastik das Bronzedenkmal, das vor ein paar Jahren entfernt wurde und somit nicht nur real sondern auch symbolisch die Lücke verkörpert, die die Umbrüche im Zuge der Wiedervereinigung mit sich brachten. Entstanden ist dieses Foto-Paar im Rahmen einer Recherche, die die österreichische Künstlerin gemeinsam mit dem Frauenzentrum in Wolfen 2005 realisierte.

„Bunt nicht grau“

Natürlich ist Isa Rosenberger nicht die erste Künstlerin, die Arbeitslosigkeit zum Thema eines Kunstwerks machte. Schon seit den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts haben Georges Grosz oder Max Beckmann den existentiellen Folgen der Arbeitslosigkeit ein unverkennbares Gesicht verliehen. Im Unterschied zu sozialkritischen Künstlern der Vergangenheit stellt Rosenberger Arbeitslosigkeit aber nicht nur dar. Vielmehr bezieht sie die arbeitslosen Frauen in ihr Kunstwerk mit ein. Sie kontrastiert die Opferrolle mit einem anderen Bild, indem sie die Erwerbslosen trotz ihrer schwierigen Situation als aktiv Handelnde zeigt. Gemeinsam mit der Künstlerin entwerfen die erwerbslosen Frauen im Laufe der mehrwöchigen Zusammenarbeit selbst ein neues Denkmal in Form von sechs Fahnen. Darauf schreiben sie Sätze mit Perspektiven wie „Versuche wagen“ oder „Bunt nicht Grau“.

Der Text basiert auf den „Gedanken für den Tag“, die Johanna Schwanberg diese Woche von Montag bis Freitag um 6.57 Uhr auf Ö1 gestaltet.

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