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Wie der Nachzügler die Führung übernahm

Lang, sehr lang galten die Vereinigten Staaten kulturell nicht nur als Anhängsel Europas, sie waren es in hohem Maße auch tatsächlich. Die Unabhängigkeitserklärung galt noch lange nicht für die bildende Kunst und für die Architektur.

Europa seinerseits meinte, auf dieses sein Anhängsel naserümpfend herabblicken zu können. Und je reicher Amerika wurde, desto verbissener pochte Europa auf, wenigstens ein Weilchen noch, seine kulturelle Überlegenheit. Tatsächlich ist Amerika auch ein hochinteressanter Kunstkontinent. Und wir haben noch immer diesbezüglich hohen Nachholbedarf. Demiann ein 3üdband aus dem Herder-Verlag abhelfen: „Die Kunst der USA , ”geschrieben von mehreren hochqualifizierten Fachleuten, mit einem Vorwort von Michel Butor. (Ein teures Ruch, aber sein Geld wert.)

Amerikas ureigensten Baustil, den Wolkenkratzer, bewunderte man in Europa als technisches Mirakel mit ästhetischer Qualität. Aber Kunst? Und versuchten nicht die frühen Wolkenkratzer-Architekten die himmelstürmenden Gebilde krampfhaft in die Korsetts der klassischen europäischen Formensprachen zu quetschen? Immerhin, Otto Wagner empfing wichtige Anregungen von Amerika, und Adolf Loos ist ohne seine amerikanische Lehrzeit kaum verständlich. Aber erst Frank Lloyd Wright, voll und ganz Amerikaner und voll und ganz großer Baukünstler, brach hier den Bann.

Amerikas Maler orientierten sich länger an den europäischen und Amerikas Kunstsammler und Mäzene übernahmen lange die europäischen Wertvorstellungen. Immerhin gab es zwei „echt amerikanische” Kunstrichtungen: Die naive Kunst

der ersten Einwanderer-Generationen - und die Kunst der Indianer.

Michel Butor weist in seinem Vorwort darauf hin, daß die „unfreiwilligen Amerikaner”, die Nachkommen der Sklaven aus Afrika, niemals Gelegenheit hatten, sich in der bildenden Kunst mit dem Jazz vergleichbaren Leistungen auszudrücken - es sei denn um den Preis der bedingungslosen Übernahme der weißen Vorbilder.

Die Kunst der frühen Puritaner war nicht programmatisch naiv, sondern sie konnten es nicht „besser”, und die wirtschaftlichen erstarkten USA deckten bald auch ihren kulturellen Nachholbedarf. Der Zeitverzug, mit dem man europäische Strömungen übernahm, wurde immer geringer, Amerikas Impressionisten konnten bald mit der zweiten Garnitur der europäischen mithalten.

Aber auch die Entdeckung der Kunst der Naturvölker durch die europäischen Künstler war ein Trend, der an Amerika nicht vorbeiging und er hatte hier eine besondere Wirkung: Er führte zur Wertschätzung der indianischen Kunst. Freilich nur der indianischen Kunstobjekte. Von Verständnis oder gar einer Wertschätzung der indianischen Kultur konnte bis zum Ende der Landnahme keine Bede sein, und so ganz zu Ende ist diese Landnahme ja auch heute noch nicht.

Trendumkehr ab 1945

Bis tief ins 20. Jahrhundert hinein mußte der amerikanische Künstler, der etwas aus sich machen wollte, jedenfalls nach Europa fahren. Das war auch noch lang nach der Entdeckung der europäischen Avantgarde unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg so. Erst nach 1945 kam es zur Trendumkehr. Zu ihr führte unter anderem der Stillstand der Entwicklung in Europa und die Flucht zahlreicher berühmter europäischer

Künstler, unter ihnen Chagall und Mondrian, in die USA.

Heute ist die amerikanische Kunst den Europäern vertraut - zumindest den Kunstinteressierten die US-Kunst der Gegenwart. Doch die ganze Bandbreite der amerikanischen Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist auch heute nur einem kleinen Teil der europäischen Kunstinteressierten bekannt.

Das Herder-Werk behandelt Architektur, Malerei, Plastik, angewandte Kunst und Fotografie. ,

Fahrstuhl gegen Kutsche

Die Maler mußten, pointiert ausgedrückt, den Weg zur unverwechselbaren amerikanischen Identität in der Kutsche zurücklegen, während den Architekten der Fahrstuhl zur Verfügung stand, Eine gewaltig expandierende Wirtschaft stellte die für die Innovation namens Hochhaus notwendigen Investitionsmittel zur Verfügung und die amerikanische Dynamik trieb sie voran - sobald die entscheidende technische Innovation zur Verfügung stand, nämlich,der Aufzug.

Die ökonomische Voraussetzung für das Gedeihen der Malerei bildete das Vorhandensein eines Beich-tums, der bei den Erfolgreichen den WunscfT'nach Selbstdarstellung aufkommen ließ. Diese Voraussetzung war ab etwa 1660 in der Bostoner Begion gegeben. Es existieren noch etwa 40 Bildnisse, von denen bekannt ist, daß sie vor 1700 hier entstanden. Kaufleute und Pflanzer wa-ren die ersten Mäzene der amerikanischen Kolonialgesellschaft.

Porträts wie jenes des John Freake drücken Selbstbewußtsein und die Überzeugung aus, daß materieller Erfolg Ausdruck des göttlichen Segens sei. Es war ein weiter Weg von den Porträts der Limners (von enlu-mineur oder Illuminator) zu Mark Rothko, Andy Warhol oder Roy

Lichtenstein, eine Konstante über die drei Jahrhunderte hinweg ist die Suche nach einer kulturellen Identität auf der Grundlage eines wachsenden Selbstbewußtseins, das erst im späten 20. Jahrhundert vom Zweifel angekränkelt wird, in Verbindung mit größter Offenheit für europäische Einflüsse.

Die großen Entwicklungsschübe der amerikanischen Kunst werden fast immer von außen angeregt. Den möglicherweise bedeutendsten vor der Übernahme der Führung in der internationalen Kunstentwicklung setzt die Einwanderungswelle europäischer Künstler des frühen 18., Jahrhunderts in Gang. Der Reichtum an der Ostküste bedeutet Nachfrage nach einer Qualität, die man bereits kennt, aber auf dem heimischen Markt noch nicht kaufen kann, und einen Hoffnungsmarkt für jene, die in der Lage sind, diesen Ansprüchen zu genügen.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei John Smibert. Er brachte seine auf einer mehrjährigen Bildungsreise in Italien angefertigten Kopien nach van Dyck, Tizian, Raffael und Pous-sin sowie Stiche und Gipsabgüsse antiker Statuen nach Roston mit, wo sie, so Jennifer Martin in ihrem Beitrag über die amerikanische Malerei, „eine für die Ausbildung mehrerer Künstlergenerationen kaum zu unterschätzende Kunstsammlung bilden; allein die Sammlung von William Byrd II. in Virginia kann ihr das Wasser reichen.”

Frankreich entthront

Aber auch von der deutschen Malerei gehen starke Einflüsse auf die amerikanische aus. Die Bedeutung von Paris für mehrere amerikanische Malergenerationen bedarf heute keiner Erwähnung mehr. Völlig vergessen ist hingegen, daß zwischen 1840 und 1865 rund 50 amerikanische Künstler ihre Ausbildung in

Düsseldorf absolvierten. Unter ihnen der 1816 in Schwäbisch Gmünd geborene, in Philadelphia aufgewachsene Emanuel Gottlieb Leutze, von dem das bekannteste amerikanische Historienbild stammt („Washington überquert den Delaware”, Metropolitan Museum).-

In den Bildern der amerikanischen Maler des 19. Jahrhunderts erkennt man Monet und Cezanne, Münch und Toulouse-Lautrec, alles, was gut und teuer war.

Die jungen Amerikaner aber, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa fuhren, kamen nicht mehr als Studierende. „Sie waren,” schreibt Butor, „nun ein wenig wie Propheten. Ihr Verhalten, ihre Art zu sprechen, zu sehen oder zu malen stellte demonstrativ das Adjektiv neu zur Schau... Nach dem Krieg erweisen sich die Vereinigten Staaten, wo freilich schon seit langem und in allen Bereichen erstrangige Kunstwerke geschaffen wurden, plötzlich ganz klar als Quelle kultureller Innovation.” Jennifer Martin: „Im Jahre 1964 erhält Bauschenberg den Grand Prix der Biennale von Venedig, und Frankreich bemerkt, daß es nun endgültig nicht mehr der Mittelpunkt der modernen Kunst ist.”

„Die Kunst der USA” ist ein Kompendium dieser Entwicklungen dreier Jahrhunderte, sachkundig geschrieben, gut lesbar, opulent illustriert und mit dem entsprechenden Apparat. Die französische Originalausgabe erschien in der Reihe „L'art et les grandes civilisations”, Herausgeberin der deutschen Ausgabe ist Prof. Dr. Edith Neubauer.

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