Ziegel, Zement, ... Zukunft

Rückkehrerhäuser mit zurückgekehrten Menschen - Andi Urbans Fotoausstellung dokumentiert den Wiederaufbau von Bosnien-Herzegowina.

Ich brauch mir diese, Fotos nicht anschauen. Ich sehe das jeden Tag im Original." Die Ablehnung der jungen Bosnierin, die Ausstellung des österreichischen Fotografen Andi Urban im Banski Dvor-Kulturzentrum von Banja Luka in Bosnien-Herzegowina zu besuchen, klingt plausibel. Die Verweigerung dauert aber nur kurz. Denn einmal in den die Ausstellung beherbergenden Festsaal eingetreten, kann auch sie sich der Anziehungskraft der Urban-Bilder nicht entziehen. Sie bleibt vor den Fotos an der Wand stehen, schaut genauer hin, ...

Warum eigentlich? Die Motive sind nicht gerade spektakulär. Die meisten Bilder zeigen Häuser, neue, großteils noch unverputzte Ziegelhäuser und davor sind Menschen, stehen, sitzen Frauen, Männer, Kinder. Weder die Häuser, ein Salzburger Bezirksarchitekt hat diesen Baustil - vier Wände und ein flaches Satteldach - einmal als "Lederhosen-Architektur" verunglimpft, noch die Menschen, die sind wie du und ich, wären jeweils für sich genommen etwas Besonderes. Erst die Kombination macht's! Erst die Zusammenstellung ergibt den Reiz. Wobei noch nicht ausgemacht ist, ob Andi Urban "Häuser-mit-Menschen-Bilder" oder "Menschen-mit-Häuser-Bilder" fotografiert hat? An dieser Stelle wird jedenfalls für die erste Variante plädiert: zuerst ist das Haus und dann der Mensch.

Warum? Weil die Häuser auf diesen Fotos Rückkehrer-Häuser sind. Weil ohne diese Häuser die Rückkehrwilligen nicht in ihre angestammten Städte und Dörfer zurückkehren könnten. Weil zuerst der Ziegel da sein muss, damit dann für diese Menschen wieder eine Zukunft möglich wird. Diese existenzielle Verbindung zwischen Haus und Mensch, die es wohl überall gibt, die im nach wie vor an den Kriegsfolgen leidenden Bosnien-Herzegowina aber noch in einer viel ursprünglicheren, urtümlicheren Form vorhanden ist, verhindert auch, dass die Bilder von Andi Urban eine auf Fotopapier gebannte spießige "My home is my castle"- Mentalität wiedergeben.

Man stelle sich einmal vor, der Fotograf hätte in Österreich dasselbe Motiv vor die Linse bekommen: schmucke Einfamilienhäuser mit schmucken Einfamilienhäuserfamilien, Zaun rundherum - Eine solche Ausstellung würde sehr schnell, zum Lachen und auch Über-sich-selber-Lachen verleiten. In Banja Luka, vor diesen Fotos ist das nicht so. Obwohl sich auch in Banja Luka die Gesichtszüge der Betrachter aufhellen, aber nicht aus Lust über den sich aufdrängenden Spott, sondern aus Freude über die neu aufgebaute Heimat.

Doch bevor der Initiator der Ausstellung, das Hilfswerk Austria, Andi Urban nach Bosnien-Herzegowina schicken konnte, musste der Initiator sehr vieler Rückkehrprojekte, das Hilfswerk Austria, erst einmal den Bau der späteren Fotomotive in die Wege leiten, organisieren und bewerkstelligen. Seit Ende des Krieges in Bosnien nach dem Friedensvertrag von Dayton Ende 1995 hat das Hilfswerk rund 10.000 Flüchtlingen die Rückkehr in ihre Häuser ermöglicht. Die betroffenen Familien werden nach sozialen Kriterien, aber auch den Richtlinien des so genannten "Minority-Returns" ausgewählt. Das heißt, es wird darauf geschaut, dass Minoritäten in ihre Dörfer zurück können. Bosniaken, also bosnische Muslime, in serbisch oder kroatisch dominierte Gebiete; serbische Familien in bosnische Wohnungen, ...

Damjan Stanojevi´c und seine Frau DuÇsonka konnten auf Grund der Hilfswerk-Hilfe im Dezember 2000 wieder in ihr Haus zurück, nachdem sie am 9. Mai 1992 von dort flüchten mussten und die durchziehende Soldateska nur mehr eine verkohlte Ruine davon stehen ließ. Bis zur Rückkehr lebten die Stanojevi´cs in der unweit entfernt gelegenen Stadt Derventa im Norden Bosniens nahe an der Grenze zu Kroatien. Im Haus einer bosniakischen Familie, die wiederum ihrerseits aus diesem serbisch-dominierten Gebiet fliehen musste. Damjan Stanojevi´c erzählt, dass er den zurückgelassenen Besitz dieser Familie bis zu seinem Auszug aus dem Haus in Verwahrung genommen hat. Wie es soweit war, in das ursprüngliche Heim zurückzukehren, hat er die Schlüssel des frei gewordenen Hauses und den Besitz den vorherigen Bewohnern wieder zurück geben können.

An diesem Beispiel lässt sich exemplarisch die Strategie der Rückkehrprojekte von Hilfswerk Austria zeigen: Bekommt eine Familie ihr ursprüngliches Haus zurück, wird dadurch gleichzeitig auch wieder eine weitere Unterkunft für eine andere Familie frei. "Wie neu geboren zu werden, war es", sagt Damjan Stanojevi´c, als sie wieder nach Hause zurückkehren konnten. Der kleine Bauernhof ist seit Generationen im Besitz der Familie. Stanojevi´cs Sohn, der vor dem Krieg noch in der nahen Stadt als Elektriker gearbeitet hat, muss jetzt durch das ganze Land fahren, um Arbeit zu finden.

Die Vorstellung, dass mit dem Wiedereinzug alle Probleme mit einem Mal beseitigt sind, wäre ein großer Trugschluss. Um überhaupt das Land erneut bestellen zu können, musste der 62-jährige Bauer zuerst die Minen beseitigen, die auch noch Jahre nach dem Krieg den Frieden in dieser Region nicht Wirklichkeit werden lassen. Mit der Heugabel herumstochernd hat er die Minen aufgespürt, mit den eigenen Händen ausgegraben und im leeren Hühnerstall aufeinander gestapelt. DuÇsonka Stanojevi´c schlägt sich die Hände vor das Gesicht oder schüttelt fassungslos den Kopf, während ihr Mann von seinen Entminungsaktionen berichtet. Die offiziellen Minentrupps sollen den Hühnerstall mit der Aussage geräumt haben: "Der Opa ist verrückt!"

Später wird Damjan Stanojevi´c den Besuchern genau die Stellen zeigen, wo er diese und wo er jene Mine ausgegraben hat. Vorher genehmigen sich die ein wenig verunsicherten Journalisten aber noch einen Schluck aus der bereit gestellten Sliwowitz-Flasche. Die Beruhigung war dringend nötig, zeigt doch der Blick in die Statistik, dass seit 1996 in Bosnien 1.378 Menschen von Minen getötet wurden. Allein im ersten Quartal dieses Jahres waren es 32.

Sadmir BajriÇc, ein 29-jähriger Bosnier, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen von Deutschland in sein an der Sava, der Grenzfluss zu Kroatien, gelegenes Heimatdorf Dubocac zurückgekehrt ist, bestätigt die Minengefahr. 280 Sprengfallen mussten entfernt werden, bis wieder daran zu denken war, den Fussballplatz der 150-Seelen-Gemeinde zu benützen. Die ersten zwei Monate nach seiner Rückkehr war er krank, gibt BajriÇc zu. Er wollte bloß "weit, weit weg". Nach Afrika auszuwandern, erschien ihm besser als hier zu bleiben. Schließlich hat ihn das aus Hilfswerks-Mitteln errichtete Haus dazu veranlasst, seinem Land doch nicht den Rücken zu kehren. "Es kann nur mehr aufwärts gehen", ist der gelernte aber derzeit arbeitslose Kellner zweckoptimistisch. Jetzt hofft er auf die Rückkehr weiterer Flüchtlinge, damit wieder Leben in Dubocac einkehrt. Schade nur, dass es noch keine Schule in der Nähe gibt. Viele junge Familien mit Kindern zögern deswegen mit der Rückkehr. Aber mit vereinten Kräften lässt sich vielleicht auch dieses Problem lösen, und der Fotograf Andi Urban kann in ein paar Jahren nicht nur Menschen vor Häusern, sondern auch Schüler vor ihrer neuen Schule fotografieren.

Spenden für diese Projekte sind erbeten an: Hilfswerk Austria, PSK 90.001.002 Kennwort "Wiederaufbau".

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau