Kritik

Einsamkeit, inmitten der Patchwork-Familie

1945 1960 1980 2000 2020
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Mohr fokussiert das Versagen des Vaters. Statt echter Auseinandersetzung mit Sohn Nicolas faselt er stets „Alles wird gut“. Dass er selbst eine zentrale Rolle in dessen Entwicklung spielt, will der Realitätsverweigerer Pierre nicht (an)erkennen. Dabei ist es evident, dass das Hauptproblem in seinem eigenen narzisstischen Verhalten liegt. Für den erfolgreichen Rechtsanwalt zählen Leistung und Prestige. Welche Auswirkungen die Scheidung von der ersten Frau Anne (Susa Meyer), die Eheschließung mit der viel jüngeren Sofia (Swintha Gersthofer) und die erneute, späte Vaterschaft auf den pubertierenden Nicolas haben, ist Pierre nicht bewusst.

Der Familienkonflikt spitzt sich zu, als der 17-Jährige die Schule schwänzt. In der Hoffnung auf mehr Nähe zieht er zum Vater und dessen neuer Familie. Doch aus Einsamkeit und Zukunftsangst entwickelt er eine schwere Depression, denn auch hier findet er weder Sicherheit noch Verständnis. Nicolas’ Welt ist auf den Kopf gestellt. Bühnenbildnerin Miriam Busch zeigt von Anfang an die Schräglage dieser Patchwork-Familie. Im chic-ordentlichen Wohnzimmer ist der Boden schief, vom Schnürboden hängt – gespiegelt – das Mobiliar. Nicolas fällt buchstäblich die Decke auf den Kopf. Die Fassade der scheinbar heilen Familienwelt ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. Der junge Julian Valerio Rehrl verkörpert Nicolas als pathologischen Fall. Versteinert blickt er ins Publikum, dann wieder hüpft er wie ein ungezügeltes Kleinkind aufs Sofa zu den Eltern. Marcus Bluhm spielt Pierre als engagierten Vater, der dem Problem aber ungeduldig und hilflos gegenübersteht. Selbstmitleidig spricht er vom eigenen, abwesenden Vater, von dem ihm nichts anderes als ein Gewehr geblieben ist. Ein zeitgemäßes Seelendrama – mit leider allzu banalen Dialogen und Wendungen.