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Film

4 Frauen und ein paar Todesfälle

1945 1960 1980 2000 2020
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Zuletzt war der britische Regisseur Steve McQueen ja an der Oscar-Front erfolgreich: Seine Aufarbeitung des US-Rassismus "12 Years a Slave" gewann den Haupt-Oscar 2014. Auch die anderen Erfolge McQueens - "Hunger" (2008) und "Shame" (2011) - waren politisch-sozialkritische Leinwandwerke.

Und nun begibt sich der Zeit-und Gesellschaftskritiker ins filmische Gangster-Genre? "Widows" heißt der Streifen im Original, und dieser Titel lässt das Geschehen noch offen, wohingegen das deutsche "Tödliche Witwen" schon vorwegnimmt, worauf sich der Zuschauer einzustellen hat: Mordende Weibsteufel? Die Abgründe von Zurückgebliebenen, deren Verblichene alles, nur keine braven Ehemänner waren? Aber was war, erschließt sich mitunter erst post mortem.

Es darf im Übrigen Entwarnung gegeben werden. Denn Steve Mc-Queen wird mitnichten seiner filmischen Mission untreu, aber er weidet die Versatzstücke eines Heist Movies aus, um seine bitterböse Kritik an den herrschenden Verhältnissen ins Kino zu bringen. Thriller und politische Botschaft -das muss beileibe kein verkorkster "Tatort" sein, sondern kann sich auch in Cineasten-Kreisen sehen lassen. Und die vier Protagonistinnen werden auch von formidablen Schauspielerinnen dargestellt. Ein Filmgenuss, wenn man das trotz des tödlichen Plots so sagen darf.

Al Capone lässt grüßen

Veronica (Viola Davis), schwarz und Lehrergewerkschafterin, lebt in der sehr gehobenen Mittelklasse Chicagos. Ihr angetrauter weißer Mann Henry (Liam Neeson) entpuppt sich als Gauner der Oberliga; er verbrennt aber samt einer Millionenbeute bei einem missglückten Raubüberfall. Veronica muss feststellen, dass ihr Gespons sie nicht nur ohne finanzielle Absicherung zurückgelassen hat, sondern im Gegenteil: Der schwarze Gangsterboss Jamal ,der ein Stadtviertel Chicagos kontrolliert und nun für den Stadtrat kandidiert, vermisst zwei Millionen Dollar, die Henry ihm vorenthalten hat. Die will er nun von Veronica zurückhaben.

Die verzweifelte Witwe lacht sich daraufhin zwei andere Hinterbliebene des missglückten Raubzugs an -Linda (Michelle Rodriguez) muss feststellen, das ihr spielsüchtiger Mann ihren Laden verpfändet hat, und die andere, Alice (Elizabeth Debicki), ist zwar die Misshandlungen des Gefährten los, aber auch dessen Unterhalt. Gemeinsam mit einer Fahrerin planen die drei einen Coup, um an fünf Millionen heranzukommen.

Vier gebrochene Frauen, die sich ihr Recht und Geld zurückerkämpfen, dazu eine korrupte Bezirksverwaltung, auch der weiße Stadtratskandidat Jack Mulligan (Colin Farrell) ist durch und durch bestechlich, sodass ein Sittenbild daliegt, das keinen Vergleich mit der wilden Zwischenkriegszeit und dem Mob rund um Al Capone zu scheuen braucht. Chicago ist für einen Gangsterfilm bis heute gut. Steve McQueen sei Dank.