Einer wie Martin Sellner - Sanft und unwidersprochen gibt sich der Mastermind der heimischen Identitären in „Kleine Germanen“. Ein wenig kontroverse Dramatik hätte dem Setting nicht geschadet. - © Filmladen
Film

Biedere Radikale und viel mehr

1945 1960 1980 2000 2020

Der teilweise animierte Dokumentarfilm „Kleine Germanen“ thematisiert das Großwerden in rechtsradikalen Milieus – ein Thema, das zurzeit gerade hierzulande brennend aktuell ist.

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Der teilweise animierte Dokumentarfilm „Kleine Germanen“ thematisiert das Großwerden in rechtsradikalen Milieus – ein Thema, das zurzeit gerade hierzulande brennend aktuell ist.

Wer hätte gedacht, dass „Kleine Germanen“, der unaufgeregte und doch so brisante Dokumentarfilm von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh, im Nu ein wichtiger Film zur richtigen Zeit werden würde. In ihrem jeweils zweiten Langfilm gelingt den beiden Filmemachern ein exemplarischer Blick auf die Spinnennetze der Rechtsextremen im deutschen Sprachraum und die vielfach unterschätzten Folgen dieser Umtriebe, nicht zuletzt die Bedeutung derselben für Kinder und Jugendliche, die in solchem Milieu aufwachsen (müssen).

Wer hätte gedacht, dass „Kleine Germanen“, der unaufgeregte und doch so brisante Dokumentarfilm von Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh, im Nu ein wichtiger Film zur richtigen Zeit werden würde. In ihrem jeweils zweiten Langfilm gelingt den beiden Filmemachern ein exemplarischer Blick auf die Spinnennetze der Rechtsextremen im deutschen Sprachraum und die vielfach unterschätzten Folgen dieser Umtriebe, nicht zuletzt die Bedeutung derselben für Kinder und Jugendliche, die in solchem Milieu aufwachsen (müssen).

Der Film, und das ist schon einer der dramaturgischen Kunstgriffe, die aufgehen, besteht aus einem animierten und einem dokumentarischen Teil. Roter Faden ist die nacherzählte Geschichte von Elsa, die im Laufe ihres Lebens mehrmals den Namen wechseln muss. Dieser Erzählstrang erstreckt sich von 1974 bis in die jüngste Gegenwart. Schon der lange Zeitraum brachte es mit sich, dass dies mit Animation zu bewältigen versucht wurde.

In den Tagen, in denen die ­Rolle der Rechten diskutiert wird, ist "Kleine Germanen" trotz der beschriebenen Ambivalenzen wichtig.

Elsa lernt von ihrem Großvater, einem Weltkriegsteilnehmer und offenbar einschlägig Ideologisierten, die „rechten“ Werte. Sie heiratet den Rechtsextremen Thorsten, der wegen neonazistischer Gewalttaten ins Gefängnis muss und nach seiner Rückkehr die Familie terrorisiert.

Zwischen die einzelnen Szenen der animierten Beklemmungsgeschichte haben die Regisseure Interviews mit Extremismus-Expert(inn)en, sowie aktiven und ausgestiegenen Rechtsextremisten gestellt. Dabei fällt auf, dass die Radikalen sich ganz und gar im Schafspelz präsentieren (dürfen). Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza, die in Deutschland als öffentliche Gesichter des rechten Randes notorisch sind, sitzen in der guten Stube und parlieren in sanftem Ton über völkische Werte und die Erziehung ihrer sieben Kinder in nationalem Gedankengut.

Nicht minder einlullend ist der Auftritt von Martin Sellner, hierzulande als Gründer der Identitären zuletzt nicht nur mit einer guten Presse gesegnet. Auch er gibt sich als der nette Schwiegersohn von nebenan. Dieser brave junge Mann oder dieses biedere Ehepaar (Kubitschek/Kositza) sollen die große Gefahr für die Gesellschaft von rechts darstellen?

Es sind Szenen wie diese, weswegen man den „Kleinen Germanen“ doch mit einer Portion Ambivalenz entgegentreten sollte. Es stimmt zwar, dass es mindestens so kontraproduktiv wäre, würden die „bösen“ Rechten im Film gar diabolisch dargestellt. Aber auch der Anschein der Verharmlosung
ist bei diesem Thema nicht angebracht.

Sanftheit und doch nötige Dramatik

Und es stimmt wohl, dass auch zwei Aussteiger aus dem rechten Milieu zu Wort kommen, und dass man an deren Aussagen sehr wohl erkennen kann, wohin die Reise der Gesellschaft eigentlich gehen sollte. Auch die gleichfalls unaufgeregt argumentierenden Expert(inn)en versuchen, das Drama der Entwicklungen durch undramatisches Sprechen darzulegen.
Dieser Zugang hat einiges für sich. Und man kann dem Film eigentlich nicht vorwerfen, dass er als politische Agitation auf der Leinwand daherkommt. Er ist ein Versuch, in aller Sanftheit die Brutalität der Szene wie der realen Gefahr für die Gesellschaften jedenfalls in Deutschland und
Österreich zu thematisieren.

Das eigentliche Drama aber ist das, was im animierten Teil erzählt wird. Da wäre aber doch mehr Dramatik vonnöten, als der Film bietet. Denn wenn die Geschichte, die fatal endet, stimmt, dann müssten die rechtsextremen Netzwerke aufgedeckt und auch die Machtlosigkeit von Polizei und Justiz, also der Gewalten des Staates, thematisiert werden, die nicht imstande sind, von rechstextremer Terrorisierung Betroffene wirksam zu schützen.

„Kleine Germanen“ vermittelt immerhin eine Ahnung davon, was da in deutschsprachigen Landen abgeht. In den Tagen, in denen die Rolle der Rechten in einer eben implodierten Regierung landauf landab diskutiert wird und – siehe Europawahl – ein Niedergang der Neuen und alten Rechten aber mitnichten zu konstatieren ist, ist dieser Film trotz der beschriebenen Ambivalenzen wichtig. Wehret dem weiteren Aufstieg (die Anfänge wurden längst verschlafen), so könnte die Botschaft von „Kleine Germanen“ lauten.

Film

Kleine Germanen

D/A 2019. Regie: Frank Geiger, Mohammad Farokhmanesh. Filmladen. 86 Min.