"Weißbier im Blut" - © Kellnerin Gerda Bichler (Luise Kinseher), Kreuzeder (Sigi Zimmerschied), Dr. Carmen März (Brigitte Hobmeier), ein anarchisches Trio

Bösartiges Niederbayern: "Weißbier im Blut"

1945 1960 1980 2000 2020

„Weißbier im Blut“: Ein grandioser Sigi Zimmerschied kämpft in Jörg Grasers Romanverfilmung mit der ihm eigenen Anarchie und Renitenz gegen das vermeintlich biedere Bayerntum.

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„Weißbier im Blut“: Ein grandioser Sigi Zimmerschied kämpft in Jörg Grasers Romanverfilmung mit der ihm eigenen Anarchie und Renitenz gegen das vermeintlich biedere Bayerntum.

Der Bayernkrimi ist in Film und Fernsehen seit Jahr und Tag ein beliebtes und publikumsaffines Genre – man muss nur die TV-Beispiele vom „Bullen von Tölz“ bis zu „Hubert und Staller“ in den Blick nehmen. Im Kino konnten die Eberhoferkrimi-Verfilmungen von Ed Herzog Erfolg garantieren – „Kaiserschmarrndrama“, der siebte Fall für den von Sebastian Bezzel dargestellten Anti-Polizisten, soll im August endlich ins Kino kommen.

Die Nase vorn hat in punkto Starttermin aber „Weißbier im Blut“ – mit einem Bekannten aus dem Eberhofer-Kosmos: Sigi Zimmerschied, der dort den geplagten Vorgesetzten von Eberhofer gibt, spielt diesmal die Hauptrolle, den in jeder Hinsicht heruntergekommenen Kriminalkommissar Kreuzeder. Eine riskante Besetzung, denn dem populären Antihelden Eberhofer in diesem Film einen noch größere Anti-Rolle entgegenzustellen war mutig. Und auch wenn die Auftritte des Kabarettisten Sigi Zimmerschied in Kriminalgeschichten mit bayerischen Kolorit Legion sind, so kann diese Darstellung gewiss als solitäre Leistung in dieser bunten Karriere gelten. Denn schwärzer, anarchischer und bodenloser ward bislang noch kein bajuwarischer Ermittler.

Man sollte „Weißbier im Blut“ besser auch gar nicht mit den Eberhofer-Geschichten vergleichen, sondern ob der Bösartigkeit und dem Zynismus, dem hier die Protagonist(inn)en verfallen sind, standen die Wolf-Haas-Verfilmungen viel eher Pate. Regisseur Jörg Graser („Der Mond ist a nackerte Kugel,“, 1980) hat seinen eigenen Roman verfilmt – und er lässt keine Gelegenheit aus, dem Idyll des brav-biederen Bayerntums ans Zeug zu flicken.

Der Bayernkrimi ist in Film und Fernsehen seit Jahr und Tag ein beliebtes und publikumsaffines Genre – man muss nur die TV-Beispiele vom „Bullen von Tölz“ bis zu „Hubert und Staller“ in den Blick nehmen. Im Kino konnten die Eberhoferkrimi-Verfilmungen von Ed Herzog Erfolg garantieren – „Kaiserschmarrndrama“, der siebte Fall für den von Sebastian Bezzel dargestellten Anti-Polizisten, soll im August endlich ins Kino kommen.

Die Nase vorn hat in punkto Starttermin aber „Weißbier im Blut“ – mit einem Bekannten aus dem Eberhofer-Kosmos: Sigi Zimmerschied, der dort den geplagten Vorgesetzten von Eberhofer gibt, spielt diesmal die Hauptrolle, den in jeder Hinsicht heruntergekommenen Kriminalkommissar Kreuzeder. Eine riskante Besetzung, denn dem populären Antihelden Eberhofer in diesem Film einen noch größere Anti-Rolle entgegenzustellen war mutig. Und auch wenn die Auftritte des Kabarettisten Sigi Zimmerschied in Kriminalgeschichten mit bayerischen Kolorit Legion sind, so kann diese Darstellung gewiss als solitäre Leistung in dieser bunten Karriere gelten. Denn schwärzer, anarchischer und bodenloser ward bislang noch kein bajuwarischer Ermittler.

Man sollte „Weißbier im Blut“ besser auch gar nicht mit den Eberhofer-Geschichten vergleichen, sondern ob der Bösartigkeit und dem Zynismus, dem hier die Protagonist(inn)en verfallen sind, standen die Wolf-Haas-Verfilmungen viel eher Pate. Regisseur Jörg Graser („Der Mond ist a nackerte Kugel,“, 1980) hat seinen eigenen Roman verfilmt – und er lässt keine Gelegenheit aus, dem Idyll des brav-biederen Bayerntums ans Zeug zu flicken.

Das, was Zimmerschied/Kreuzeder in penetrantem Phlegma zulässt, führt zu einer Art von Recht, die demjenigen der Law-und Order-Typen gar überlegen ist.

Selbiges haben ja auch der Bulle von Tölz oder eben Ebenhofer getan, doch bei „Weißbier im Blut“ gefrieren einem die diesbezüglichen Lacher; und der schwarze Humor, der hier mit dicken Pinselstrichen wie in extremer Langsamkeit aufgetragen wird, lässt Bayern als Biotop allertiefster Abgründe erscheinen. Kreuzeder, der Kommissar in Passau, hat die schlechteste Verbrechensaufklärungsquote im ganzen Freistaat vorzuweisen. Und er frönt im und außer Dienst dem Alkoholkonsum, denn er will frühpensioniert werden. Keine Frage, dass sein Vorgesetzter Becker ihm die Dienstvergehen anhängen und ihn somit loswerden will.

Aber in diesem Niederbayern ist das Böse in der Polizei zu Hause, und Kreuzeder lässt sich von Recht und Gesetz nicht so sehr leiten, wie es ein rechtschaffener Kommissar tun sollte. Dafür erweist er sich als Mensch, wenn er mit der Bedienung seines Stamm-Wirtshauses (Luise Kinseher), wo er Schweinsbraten um Schweinsbraten, Weißbier um Weißbier und Obstler um Obstler in sich hineinstopft, gemeinsame Sache gegen den noch abgründigeren Wirt macht. Und dann entdeckt er noch in Frau Dr. März, der Psychologin (Brigitte Hobmeier), die Kreuzeders Amtsunfähigkeit befunden soll, eine Seelenverwandte, mit der er das geordnete Staats- und Kriminalwesen durch fortgesetzte Renitenz untergraben kann.

Dass dabei unter anderem auch der Mord an einem wackeren Bankangestellten aufzuklären ist, der einen überschuldeten Bauernhof zu pfänden gedenkt und dabei in einen Mähdrescher gerät, der ihn zu menschlichem Gulasch zerkleinert, hält Kreuzeder nicht davon ab, seinen Schweinsbraten samt sechs Obstlern zuerst zu Ende zu essen. Dass Vorgesetzter Becker genau darob in Rage gerät, ist zu verstehen. Aber am Ende, so die Moral von dieser Geschicht, müssen nicht unbedingt Recht und Ordnung siegen – oder doch? Denn das, was Zimmerschied-Kreuzeder da in penetrantem Phlegma zulässt, führt zu einer Art von Recht, die demjenigen der Law-und-Order-Typen vielleicht gar überlegen ist. Wie gesagt, das (Nieder-)Bayern, das einem in „Weißbier im Blut entgegentritt, ist durchaus abgrundtief böse. Aber man darf froh sein, dass sich die Grantscherben in diesem Setting – allen voran der grandiose Sigi Zimmerschied – nicht als die Verlierer im System erweisen.

Weissbier im Blut Plakat - © Tobis
© Tobis
Film

Weißbier im Blut

D 2021.
Regie: Jörg Graser.
Mit Sigi Zimmerschied, Luise Kinseher, Brigitte Hobmeier.
Tobis. 96 Min.

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