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Film

Das Leben vor dem Tod

1945 1960 1980 2000 2020
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"Free Solo" ist wohl der einzige oscarprämierte Dokumentarfilm, bei dem der Kameramann die Kamera weiterlaufen ließ, sich selbst aber zeitweise nicht mehr durch den Sucher schauen traute. Der Filmuntertitel "Ein Leben ohne Angst" stimmt insofern nur für den Protagonisten, Extremkletterer Alex Honnold. Seine Freundin, seine Kletterpartner und vor allem die Filmcrew waren in ständiger Angst, dass sie Zeugen eines Triumphes der Schwerkraft und des Todessturzes ihres Hauptdarstellers würden.

Sterben ist der allgegenwärtige Rahmen, der diesen Kletterfilm eingrenzt, die Möglichkeit, besser gesagt die Wahrscheinlichkeit, dass Alex Honnold aus diesem Rahmen fällt, der rote Faden dieses Films. Honnold hat nur eine Alternative: Goldmedaille oder tot. Das Kletterkunststück gelingt, der Film geht gut aus -das zu wissen nimmt "Free Solo" aber keinen Moment lang die Spannung. Warum? Weil es unglaublich ist, was sich auf der Leinwand abspielt, weil es unvorstellbar ist, wo dieser Mann da grenzenlos allein und unendlich ausgesetzt hinaufklettert.

Der El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark ist eine von Riesengletscherkräften glatt geschliffene, fast 1000 Meter hohe Riesenwand. El Cap ist das Zentrum des Felskletter-Universums,wer diese Mauer durchsteigt, gehört zu den Großen dieses Sports. Mit dabei natürlich Seile, Sicherungshilfen, Klemmkeile, Biwakausrüstung, Helm etc. Nicht so bei Honnold. Abgesehen von seinen Kletterpatschen und einem Magnesium-Beutel am Hosenbund steigt er in Strandkleidung durch die Wand der Wände. Völlig ungeschützt, völlig frei, ohne Furcht und Tadel, wie ein Ritter, der sich ohne Rüstung dem Drachen entgegenstellt. Dem Kinobesucher geht es wie dem Kameramann, der sich nicht mehr hinschauen traut.

Honnolds Heldensaga ist nur ein Strang, den der Film meisterhaft beschreibt. Kein Wunder, Chef-Kameramann Jimmy Chin ist selber Profi-Kletterer, er weiß, wie er Steilheit in Szene setzt. Neben der Ausgesetztheit beeindruckt "Free Solo" aber mit der Intimität, die Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi, die Frau von Chin, in diesem Film erzeugen kann. Honnold ist in der Vertikale ein Monster, in der flachen Welt jedoch ist er ein "Kleines Ich bin ich". Verschroben, schrullig, in den vielen Jahren Tramperleben unterwegs im Wohnmobil von einem Kletter-Eldorado ins nächste, verwahrlost und verwildert. Ein Beispiel: Honnold ist Vegetarier aus ökologischer Überzeugung, so weit so gut. Seine Gemüsegerichte isst er, treffender gesagt, frisst er prinzipiell mit dem Schöpfer aus der Pfanne. Was sich mit der Dauer des Films verändert, am Ende isst Honnold mit Teller und Gabel.

Weltfremd und bodenständig

Ausschlaggebend für die Etablierung von Tischmanieren und generell dafür, dass "Free Solo" mehr als nur ein Kletter-Heldenepos bietet, ist Honnolds Freundin Sanni McCandless. Honnold nennt sie "San-San", die englische Schreibweise für Sonne würde ihrer Rolle im Leben des Kletterfreunds und in diesem Film noch besser wiedergeben. McCandless kitzelt den Menschen aus der Klettermaschine Honnold. Nicht immer lustig: Wenn sie weint, dann nicht aus Sentimentalität, sondern aus Ärger und Unverständnis, dass einer so hart, so glatt, so abweisend sein kann wie der Fels, an den er sich hängt. Die Filmszenen über den gemeinsamen Kühlschrankkauf, über sein völliges Deplatziertsein beim Hauseinrichten oder seine Unbeholfenheit, das Baby von Freunden zu halten, sind steiles Lebenskino und machen das Felskino erst komplett.

Angefangen, allein zu klettern, frei und ungesichert, hat Honnold, weil er niemanden anderen im Klettergarten, in der Kletterhalle ansprechen wollte oder konnte. Von Kindesbeinen an gedrillt, Leistung zu bringen, perfekt zu sein, aufgewachsen mit viel Druck und wenig Liebe, ist der in "Free Solo" gezeigte Weg Honnolds zum El Capitan hin und über dessen steilste Wand hinauf ein in die Vertikale gestellter Entwicklungsroman. Als er sich fürs Finale rüstet, seine engsten Kletterpatschen anzieht, vergleicht sich Honnold mit einem Samurai, der mit dem Lieblingsschwert in den Kampf zieht. Der Tod ist dabei eine Möglichkeit, in die Wand steigt er aber ein, um zu leben: "Ich denke, dass mein Wunsch, beim Klettern alles zu geben, teilweise auch daher stammt, dass ich weiß, dass ich nur für eine gewisse Zeit hier bin."

Free Solo USA 2018. Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin. Mit Alex Honnold. Polyfilm. 98 Min.

"Free Solo" ist wohl der einzige oscarprämierte Dokumentarfilm, bei dem der Kameramann die Kamera weiterlaufen ließ, sich selbst aber zeitweise nicht mehr durch den Sucher schauen traute. Der Filmuntertitel "Ein Leben ohne Angst" stimmt insofern nur für den Protagonisten, Extremkletterer Alex Honnold. Seine Freundin, seine Kletterpartner und vor allem die Filmcrew waren in ständiger Angst, dass sie Zeugen eines Triumphes der Schwerkraft und des Todessturzes ihres Hauptdarstellers würden.

Sterben ist der allgegenwärtige Rahmen, der diesen Kletterfilm eingrenzt, die Möglichkeit, besser gesagt die Wahrscheinlichkeit, dass Alex Honnold aus diesem Rahmen fällt, der rote Faden dieses Films. Honnold hat nur eine Alternative: Goldmedaille oder tot. Das Kletterkunststück gelingt, der Film geht gut aus -das zu wissen nimmt "Free Solo" aber keinen Moment lang die Spannung. Warum? Weil es unglaublich ist, was sich auf der Leinwand abspielt, weil es unvorstellbar ist, wo dieser Mann da grenzenlos allein und unendlich ausgesetzt hinaufklettert.

Der El Capitan im kalifornischen Yosemite-Nationalpark ist eine von Riesengletscherkräften glatt geschliffene, fast 1000 Meter hohe Riesenwand. El Cap ist das Zentrum des Felskletter-Universums,wer diese Mauer durchsteigt, gehört zu den Großen dieses Sports. Mit dabei natürlich Seile, Sicherungshilfen, Klemmkeile, Biwakausrüstung, Helm etc. Nicht so bei Honnold. Abgesehen von seinen Kletterpatschen und einem Magnesium-Beutel am Hosenbund steigt er in Strandkleidung durch die Wand der Wände. Völlig ungeschützt, völlig frei, ohne Furcht und Tadel, wie ein Ritter, der sich ohne Rüstung dem Drachen entgegenstellt. Dem Kinobesucher geht es wie dem Kameramann, der sich nicht mehr hinschauen traut.

Honnolds Heldensaga ist nur ein Strang, den der Film meisterhaft beschreibt. Kein Wunder, Chef-Kameramann Jimmy Chin ist selber Profi-Kletterer, er weiß, wie er Steilheit in Szene setzt. Neben der Ausgesetztheit beeindruckt "Free Solo" aber mit der Intimität, die Regisseurin Elizabeth Chai Vasarhelyi, die Frau von Chin, in diesem Film erzeugen kann. Honnold ist in der Vertikale ein Monster, in der flachen Welt jedoch ist er ein "Kleines Ich bin ich". Verschroben, schrullig, in den vielen Jahren Tramperleben unterwegs im Wohnmobil von einem Kletter-Eldorado ins nächste, verwahrlost und verwildert. Ein Beispiel: Honnold ist Vegetarier aus ökologischer Überzeugung, so weit so gut. Seine Gemüsegerichte isst er, treffender gesagt, frisst er prinzipiell mit dem Schöpfer aus der Pfanne. Was sich mit der Dauer des Films verändert, am Ende isst Honnold mit Teller und Gabel.

Weltfremd und bodenständig

Ausschlaggebend für die Etablierung von Tischmanieren und generell dafür, dass "Free Solo" mehr als nur ein Kletter-Heldenepos bietet, ist Honnolds Freundin Sanni McCandless. Honnold nennt sie "San-San", die englische Schreibweise für Sonne würde ihrer Rolle im Leben des Kletterfreunds und in diesem Film noch besser wiedergeben. McCandless kitzelt den Menschen aus der Klettermaschine Honnold. Nicht immer lustig: Wenn sie weint, dann nicht aus Sentimentalität, sondern aus Ärger und Unverständnis, dass einer so hart, so glatt, so abweisend sein kann wie der Fels, an den er sich hängt. Die Filmszenen über den gemeinsamen Kühlschrankkauf, über sein völliges Deplatziertsein beim Hauseinrichten oder seine Unbeholfenheit, das Baby von Freunden zu halten, sind steiles Lebenskino und machen das Felskino erst komplett.

Angefangen, allein zu klettern, frei und ungesichert, hat Honnold, weil er niemanden anderen im Klettergarten, in der Kletterhalle ansprechen wollte oder konnte. Von Kindesbeinen an gedrillt, Leistung zu bringen, perfekt zu sein, aufgewachsen mit viel Druck und wenig Liebe, ist der in "Free Solo" gezeigte Weg Honnolds zum El Capitan hin und über dessen steilste Wand hinauf ein in die Vertikale gestellter Entwicklungsroman. Als er sich fürs Finale rüstet, seine engsten Kletterpatschen anzieht, vergleicht sich Honnold mit einem Samurai, der mit dem Lieblingsschwert in den Kampf zieht. Der Tod ist dabei eine Möglichkeit, in die Wand steigt er aber ein, um zu leben: "Ich denke, dass mein Wunsch, beim Klettern alles zu geben, teilweise auch daher stammt, dass ich weiß, dass ich nur für eine gewisse Zeit hier bin."

Free Solo USA 2018. Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin. Mit Alex Honnold. Polyfilm. 98 Min.