Obskuregeschichten

"Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden": Unzuverlässige Erzähler

1945 1960 1980 2000 2020

Aritz Morenos originelle Groteske unterhält, es mangelt ihr aber an anarchischer Sprengkraft.

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Aritz Morenos originelle Groteske unterhält, es mangelt ihr aber an anarchischer Sprengkraft.

Bei einer Zugfahrt wird Verlegerin Helga (Pilar Castro) von einem Mitreisenden (Ernesto Alterio) angesprochen, der sich als Psychiater vorstellt. Er überschüttet sie nicht nur mit seinem Redefluss, sondern beginnt
bald auch die groteske Geschichte eines Patienten (Luis Tosar) zu erzählen, der an Paranoia litt.

Es bleibt aber nicht bei dieser Rückblende, sondern in diese Rückblende blendet Aritz Moreno mindestens noch zwei Rückblenden und zwei Erzähler ein. Nicht nur bis in den Kosovo­Krieg führen die Erzählungen dabei zurück, sondern sie thematisieren auch Kinderhandel und die Verschwörungstheorie eines Müllmanns.

Auf der Hut sollte der Zuschauer bei dieser unbändigen Fabulierfreude sein, denn immer wieder erweisen sich die Erzähler als höchst unzuverlässig. Abrupt verabschiedet sich auch der Psychiater aus dem Zug, womit ein zweites Kapitel einsetzt, in dessen Mittelpunkt die abgründige Geschichte Helgas steht. Wenn sie als Verlegerin, für die Autor, Erzähler und Figuren immer wieder verschwimmen, vorgestellt wird, verweist Morenos Adaption eines Romans von Antonio Orejudo gleichzeitig auf das zentrale Motiv seines Films: Auch sein Debüt ist ein lustvolles Spiel mit Personen und Erzähl ­ situationen und feiert die Macht von Fiktionen.

Leichthändig wechselt der Spanier dabei zwischen düsterem Thriller und schwarzer Komödie und unterhält mit zahlreichen Wendungen. Auch ein Faible für Drastisches und Ekliges ist nicht zu übersehen, wenn es um den Gestank von Müllbergen geht, auch Exkremente, Hundenahrung oder ein menschliches Gehirn serviert und gegessen werden.

So originell „Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden“ aber auch ist, so fehlt doch die anarchische Sprengkraft, die die surrealistischen Filme Luis Buñuels, mit denen diese Groteske oft verglichen wird, auszeichnet. Nicht als Gesellschaftskritiker, sondern als gewiefter Spieler, der vor Einfallsreichtum sprüht, präsentiert sich Moreno. Substanz lässt sich letztlich aber wenig feststellen, und eher notdürftig als zwingend werden die einzelnen Geschichten zusammengezurrt. – Dem Vergnügen, das dieser Film bereitet, tut dies zwar kaum einen Abbruch, wohl aber der Nachhaltigkeit, denn rasch verpufft die Wirkung.

Der Autor ist freier Filmjournalist.

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