Systemsprenger - © Filmladen
Film

Die wilden Kinder

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseurin Nora Fingscheidt über ihren Film „Systemsprenger“ und schwer erziehbare Jugendliche.

1945 1960 1980 2000 2020

Regisseurin Nora Fingscheidt über ihren Film „Systemsprenger“ und schwer erziehbare Jugendliche.

Bei der Berlinale 2019 hätte dieser Film durchaus den Goldenen Bären verdient gehabt, aber immerhin wurde es am Ende der Silberne Bär/Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino. Die deutsche Erstlingsregisseurin Nora Fingscheidt hat mit „Systemsprenger“ einen unter die Haut gehenden Film über eine erziehungsproblematische Neunjährige gedreht, und die Intensität und das Spiel der jungen Helena Zengel in der Hauptrolle raubt einem im Kinosaal den Atem. Zengel ist Benni, ein Kind, das überall wieder rausfliegt, wo es hinkommt, egal ob Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

DIE FURCHE: Frau Fingscheidt, hat Ihr Film autobiografische Züge? Waren Sie selbst auch so ein Kind?
Nora Fingscheidt: Ich war ein wildes Kind. Das stimmt schon. Insofern fußt die Geschichte in meiner eigenen Kindheit. Aber ich war nicht so wild. Ich kann mich erinnern, dass ich einen Haufen Energie hatte. Ich bin aber in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das aufgefangen wurde. In der Grundschule musste ich oft raus aus dem Klassenraum und draußen stehen und die Klinke runterdrücken (lacht), damit ich da auf dem Flur nicht noch weiteren Blödsinn mache. Ich wollte immer eine Geschichte machen über ein wildes, aber auch wütendes Kind. Nur der richtige Aufhänger fehlte mir.

Bei der Berlinale 2019 hätte dieser Film durchaus den Goldenen Bären verdient gehabt, aber immerhin wurde es am Ende der Silberne Bär/Alfred-Bauer-Preis für innovatives Kino. Die deutsche Erstlingsregisseurin Nora Fingscheidt hat mit „Systemsprenger“ einen unter die Haut gehenden Film über eine erziehungsproblematische Neunjährige gedreht, und die Intensität und das Spiel der jungen Helena Zengel in der Hauptrolle raubt einem im Kinosaal den Atem. Zengel ist Benni, ein Kind, das überall wieder rausfliegt, wo es hinkommt, egal ob Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule: Die wilde Neunjährige ist das, was man im Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

DIE FURCHE: Frau Fingscheidt, hat Ihr Film autobiografische Züge? Waren Sie selbst auch so ein Kind?
Nora Fingscheidt: Ich war ein wildes Kind. Das stimmt schon. Insofern fußt die Geschichte in meiner eigenen Kindheit. Aber ich war nicht so wild. Ich kann mich erinnern, dass ich einen Haufen Energie hatte. Ich bin aber in einem Umfeld aufgewachsen, in dem das aufgefangen wurde. In der Grundschule musste ich oft raus aus dem Klassenraum und draußen stehen und die Klinke runterdrücken (lacht), damit ich da auf dem Flur nicht noch weiteren Blödsinn mache. Ich wollte immer eine Geschichte machen über ein wildes, aber auch wütendes Kind. Nur der richtige Aufhänger fehlte mir.

Ich wollte schon immer eine Geschichte machen über ein wildes, aber auch wütendes Kind.

Nora Fingerscheidt - Nora Fingerscheidt - © Phillip Leutert
© Phillip Leutert

Nora Fingerscheidt

DIE FURCHE: Wann kam der Aufhänger?
Fingscheidt: Das ist mehr als sechs Jahre her. Da habe ich in Stuttgart in der Frauen-Pension, einem Heim für wohnungslose
Frauen, einen Dokumentarfilm gedreht. Damals zog ein 14-jähriges Mädchen ein. Ich fragte: „Was macht denn eine 14-Jährige hier?“ Und man antwortete mir: „Ach, Systemsprenger. Die kommen immer an ihrem 14. Geburtstag zu uns. Denn dann dürfen wir sie aufnehmen.“ Das war der Moment, in dem ich dachte: „System, was ist das denn bitte?“.

DIE FURCHE: Klingt seltsam, oder?
Fingscheidt: Ich hatte es noch nie gehört und so habe ich begonnen zu recherchieren. Und mit jeder Recherche eröffnete sich eine mir völlig unbekannte Welt. Von Wohngruppen, Kinder-Psychiatrien, In-Obhutnahme-Stellen. Und da wusste ich, dass ich darüber einen Spielfilm machen muss. Der Begriff „Systemsprenger“ ist umstritten. In der Fachwelt wird er ungern verwendet, weil er den Kern der Sache nicht ganz trifft.

DIE FURCHE: Wieso?
Fingscheidt: Weil es nicht um ein Kind geht, das ein gutes bestehendes System kaputtmacht. Sondern es geht um scheiternde Systemprozesse, die dazu führen, dass das Kind keinen Ort findet, an dem es bleiben kann. Was aber schon Tabus sind – zumindest für mich – das sind die einzelnen Institutionen. Also das Phänomen Kinder-Jugend-Psychiatrie etwa.

DIE FURCHE: Warum ist das ein Tabu?
Fingscheidt: Weil viele Menschen die Begriffe Psychiatrie auf der einen Seite und Kinder sowie Jugendliche auf der anderen Seite nicht zusammenbringen. Denn Kinder sollen doch glücklich sein und herumspringen. Und Psychiatrie, das ist doch für die depressiven oder verrückten Erwachsenen. Aber es gibt in jeder größeren Stadt Kinder- und Jugend-Psychiatrien. Die sind alle rammelvoll – mit Warteliste.

DIE FURCHE: Der Film hat während der Berlinale schon für sehr viel Aufsehen gesorgt. Jetzt kommt er hierzulande in die Kinos. Was würden Sie sich wünschen, wie die Gesellschaft reagiert?
Fingscheidt: Dass die Menschen, die den Film schauen, hinterher einen etwas anderen Blick auf aggressive Kinder haben. Denn Gewalt von kleinen Kindern – und auch später noch – ist eigentlich ein Hilfeschrei. Es ist ein Zeichen für: „Hallo, in meiner Welt ist etwas nicht in Ordnung!“ Die meisten Menschen wollen die anderen Kinder schützen. Ich möchte auch nicht, dass mein kleiner Sohn verprügelt wird. Aber das aggressive Kind aus Schule oder Kindergarten zu schmeißen, um das Problem kurzzeitig zu lösen, ist keine wirkliche Lösung für das aggressive Kind. Denn diese Kinder bekommen dann das Gefühl: „Aha, da passe ich auch nicht rein!“ Dann gibt es erste Ermahnungen und Einträge, und so kommen manche Kinder mit einer dicken Akte schon in die erste Klasse. Ist dann schon gebrandmarkt, und so zieht sich das weiter. Das Einzige, was hilft, man muss hinschauen und sich fragen: Warum ist dieses Kind so aggresiv? Wie könnte man es besser integrieren?

Fakt

Kritik zu „Systemsprenger“

Ein erfahrener Sozialpädagoge, eine versierte Therapeutin wird es schon richten. So denkt man meist, wenn Eltern ihr Kind nicht mehr bändigen können. Dass man mit dieser Vorstellung bisweilen Schiffbruch erleidet, führt uns Nora Fingscheidt mit Verve vor Augen. Dafür wurde sie für „Systemsprenger“ auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet und ist jetzt für den Oscar nominiert. An der neunjährigen Benni beißen sich alle die Zähne aus. Die Mutter hat sie in ein Heim abgeschoben, weil sie mit der Tochter nicht mehr zurande kommt. Wie im Titel anklingt, gleichen deren Affektausbrüche Detonationen: Benni ist leicht erregbar, impulsiv, durch ein kindliches Trauma geschädigt. Ihrem Wüten hält nicht einmal Sicherheitsglas stand, sie gefährdet sich und andere. So sprengt sie jede soziale Gruppe, wird dann flugs an eine andere Einrichtung weitergereicht. Dabei ist ihre Sozialarbeiterin Frau Bafané äußerst engagiert, bemüht sich immer wieder, eine neue Unterbringungsmöglichkeit zu finden. Große Hoffnung setzt sie auf Bennis Schulbegleiter Michael Heller, drei gemeinsame Wochen im Wald sollen dem Mädchen Ruhe verschaffen.

Fingscheidt hat Benni als starke Pro­t­agonistin modelliert, trotz all ihrer Not, ihren Sehnsüchten (fulminant: die elfjährige Helena Zengel). Andere Kinder könnten auf solche Umstände mit depressivem Rückzug reagieren. Benni jedoch kontert mit quecksilbriger Energie, der Soundtrack und die rhythmisch gesetzten Schnitte transportieren das meisterhaft. Fingscheidt fängt das Zusammenspiel der Mutter mit den staatlichen Fürsorgeeinrichtungen präzise ein. Der Zuschauer versteht, warum sich die Helfer immer wieder in Bennis nicht gerade einfache Beziehungsmuster verstricken lassen. Indem das Mädchen von Heim zu Heim wandert, erlebt er eindrücklich ihre psychische Dynamik, das ewige Auf und Ab, spürt die Enttäuschung und Hilflosigkeit der Helfer. Fingscheidt spinnt François Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ für die Gegenwart glaubwürdig weiter. Allerdings fragt man sich schon, was bereits in der Vergangenheit schiefgelaufen ist – die Vorgeschichte bleibt im Dunkeln (Heidi Strobel).

Systemsprenger - © Filmladen
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Systemsprenger

D 2019. Regie: Nora Fingscheidt.

Mit Helena Zengel, Albrecht Schuch.

Filmladen. 119 Min.