Drive my Car - © Foto: Polyfilm

„Drive my car“: In leichter Trance

1945 1960 1980 2000 2020

Ryusuke Hamaguchis philosophischer Film „Drive my car“, Japans Oscar-Kandidat, fordert heraus und regt zum Mitdenken und Nachdenken an. Über Katastrophen und ihre Folgen.

1945 1960 1980 2000 2020

Ryusuke Hamaguchis philosophischer Film „Drive my car“, Japans Oscar-Kandidat, fordert heraus und regt zum Mitdenken und Nachdenken an. Über Katastrophen und ihre Folgen.

Der Nachricht, die Katastrophe sei menschengemacht, schenkt man Gehör. Sie lässt nicht nur glauben, dass man deren Folgen unter Kontrolle zu bringen vermag, selbst wenn in letzter Sekunde, sondern auch, dass man das Unglück künftig durch Analyse seiner Ursachen verhindern kann. Auch viele Filme neigen dieser Auffassung zu. Ryusuke Hamaguchi jedoch schürft tiefer. Sein philosophischer Film, Japans Oscar-Kandidat, fordert heraus, regt zum Mitdenken und Nachdenken an. Denn für ihn berücksichtigt solche Fantasie nicht die Vielschichtigkeit der individuellen menschlichen Natur, nicht die Undurchschaubarkeit ihrer Antriebe und Bedürfnisse. Die Geschichte spielt in Hamaguchis Heimatland, ihr Hauptteil in Hiroshima. Bekanntlich sind die Menschen in Japan auf Katastrophenmanagement trainiert, nicht nur aufgrund der geophysikalischen Gegebenheiten.

Der Atombombenangriff hat das Vertrauen in die Vernunft erschüttert, das Auslöschen der Menschheit als reale Gefahr ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Erzählt wird aus der Perspektive des Schauspielers und Regisseurs Yusuke Kafuku, der glücklich verheiratet ist mit Oto, ebenfalls Schauspielerin von Beruf. Eine schwere Krise nach dem Tod ihrer vierjährigen Tochter haben sie gemeinsam überwunden. Seitdem jedoch schreibt die Ehefrau Drehbücher fürs Fernsehen in der Art der Écriture automatique. Ihre Texte fließen beim Liebesspiel gleichsam aus ihrem Unbewussten heraus, und Yusuke lauscht ihrer Stimme. Sein Glaube an ihre innig-vertraute Beziehung wird aber enttäuscht, als er den Ehebruch seiner Frau entdeckt. Yusuke spricht nicht darüber. Trotzdem forscht er nach Otos Beweggründen, glaubt über ihre Geschichten auch in ihren Untiefen lesen zu können, kann aber keine Gewissheit erlangen, da sie unerwartet verstirbt. Sein Begriff von Liebe, seine Überzeugungen haben sich als unzulänglich erwiesen. Wie kann er nach der Katastrophe weiterleben? Wie mit Ohnmacht, wie mit Schmerz umgehen?

Geschützter Gefühlsraum

Zwei Jahre später soll Yusuke Tschechows Stück „Onkel Wanja“ auf einem Theaterfestival in Hiroshima aufführen. An diesem historischen Ort trifft er nun nicht nur den jungen Geliebten seiner Ehefrau wieder, sondern lernt auch Menschen mit ähnlich tragischen Erfahrungen kennen, wie Misaki Watari, deren Mutter bei einem Erdrutsch ums Leben kam. Sie chauffiert ihn in seinem leuchtend roten Saab zu den Proben, während er seinen Text repetiert mit einer von seiner Frau besprochenen Kassette. Dadurch erinnert er sich täglich an sein Unglück. Aber Tschechows Worte entfalten ihre Kraft und bringen Yusukes melancholische Erstarrung ins Schmelzen.

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