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Film

Ein Callshop in Ottakring

1945 1960 1980 2000 2020
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Wie wichtig plötzlich jeder Atemzug werden kann, wie bedeutend jede Pause, wie vielsagend, wenn auf einmal jemand gar nichts sagt. - In Nina Kusturicas neuem Film "Ciao Chérie" halten Telefonierende sich an Kabeln fest, an den kahlen Tischchen, die in den engen Telefonkabinen in einem Callshop in Wien-Ottakring stehen oder an der Geldbörse, mit der sie gleich noch ein paar weitere Minuten Sehnsucht-Stillen zahlen wollen.

Sie halten sich fest an den grellen Blinklichtern, die durch die Scheiben tänzeln und an den Vorstellungen, die sie mitgebracht haben, an ihren Erinnerungen und an den Stimmen der Menschen, die sie anrufen. Man sieht die Sprechenden in Wien, aber hört nicht nur sie sondern manchmal auch die Personen am anderen Ende der Leitung, am anderen Ende der Welt.

Durch die Wände sickern ganze Kriege

Die poetisch-essayistische Kombination von Rede und Bild (Kamera: Michael Schindegger) macht Räume -und weitere Bilder - auf, wo sonst "nur" einseitig geäußerte Gedanken wären. Räume, die größer sind als die Redezellen. Durch Wände sickern ganze Kriege, zeichnen sich politische Konflikte nach, holen wirtschaftliche und persönliche Probleme die Geflüchteten gnadenlos wieder ein.

Dioma aus dem Senegal versucht, ihren Freund zu überreden, doch wieder nach Österreich zu kommen. Er will nicht. Samo weiß nicht, was er sagen soll, wenn ihm seine Familie aus Syrien erzählt, dass sie nur alle zwanzig Tage für kurze Zeit Strom haben. Der Vater eines anderen jungen Mannes hat ihm übers Telefon eine Ehefrau verschafft.

Der hat hier aber schon eine Freundin. Und die Callshop-Besitzerin Larisa selbst befindet sich in einer Ausnahmesituation: mit ihrer TeenagerTochter Maja liegt sie in ständigem Clinch und ihr Mann hat sich wortlos verabschiedet.

Kusturica drehte mit Laiendarstellern und professionellen Schauspielern. Und obwohl der Großteil des Films auf einem vorbereiteten Skript basierte, ließ sie Raum für Improvisation - und empathischen, auch skurrilen Humor.

Ein Nigerianer als geheimer Hauptdartseller

Geheimer Hauptdarsteller dieses Callshops etwa ist ein dort ständig anzutreffender Nigerianer, der sich nicht erinnern kann, wer er ist. In seiner Wortkargheit und seiner ständigen, dem Verlust seiner Vergangenheit trotzenden Wiederkehr, wirkt er wie eine kleine Verneigung vor Aki Kaurismäki, mit dessen Lakonie die Atmosphäre in "Ciao Chérie" stellenweise durchaus vergleichbar ist.

Einen speziellen Kunstgriff wagte Kusturica mit der Verwendung von Wiegen-und Kinderliedern aus der jeweiligen Heimat der Telefonierenden; sie werden jeweils von den SchauspielerInnen selbst intoniert und kommen ohne instrumentale Begleitung aus. Berührend und intim bilden sie so einen tragikomischen Kontrast zu den verhandelten Themen.

Kusturicas bisheriges Schaffen -insbesondere ihr Dokumentarfilm "Little Alien"(2014) über minderjährige unbegleitete Flüchtlinge - zeigte bereits ihr politisches und soziales Engagement (und immer wieder auch ihre Fokussierung auf Frauen und deren Selbstermächtigung).

"Ciao Chérie" fügt sich bereichernd ein: Es ist eine junge Frau, die Nina Kusturica schließlich am deutlichsten aus dem nostalgischen Sehnsuchts-und Vergangenheitsuniversum hinaustreten lässt, hinein in eine Zukunft im Jetzt und im Hier.

Ciao Chérie A 2017. Regie: Nina Kusturica. Mit Nahoko Fort-Nishigami, Sikavi Agbogbe, Simonida Selimovi´c, Ayo Aloba, Dioma Mar Dramè. Thimfilm. 87 Min.