Information, Diskussion - Auch eine Studiodiskussion auf Ö1 mit dem damaligen Wahlkämpfer Heinz-Christian Strache ist eine der Episoden in „Gehört, Gesehen“, dem „Radiofilm“. - © Filmladen Filmverleih
Film

Ein Leben – und ein Film mit Ö1

1945 1960 1980 2000 2020

Ö1 ist der erfolgreichste europäische Kultursender. Das weiß auch der langjährige Hörer. Aber seine Existenz ist nicht ungefährdet. Der „Radiofilm“ „Gehört, Gesehen“ stellt dies dar.

1945 1960 1980 2000 2020

Ö1 ist der erfolgreichste europäische Kultursender. Das weiß auch der langjährige Hörer. Aber seine Existenz ist nicht ungefährdet. Der „Radiofilm“ „Gehört, Gesehen“ stellt dies dar.

Die Beziehung reicht zurück ins, sagen wir, Jahr 1967. Also an den Anfang, als der Achtjährige sozusagen von der Geburt des Programms an mit dabei war. Als junger Hörer. Damals, geben wir es ruhig zu, war natürlich das gleichfalls aus der Taufe gehobene Ö3 für einen Jungen potenziell interessanter, aber die Journal-Sendungen – und im Lauf der Jahre viel, viel mehr – gehörten zum gehörten Alltag. Und zumal aus dem Jugendkultursender Ö3 in den 1990er-Jahren endgültig ein Formatradio wurde, war es – nicht nur ob des eigenen Älterwerdens – klar, dass Ö1 die radiophone Heimat war. Und bis heute blieb.

Die Beziehung reicht zurück ins, sagen wir, Jahr 1967. Also an den Anfang, als der Achtjährige sozusagen von der Geburt des Programms an mit dabei war. Als junger Hörer. Damals, geben wir es ruhig zu, war natürlich das gleichfalls aus der Taufe gehobene Ö3 für einen Jungen potenziell interessanter, aber die Journal-Sendungen – und im Lauf der Jahre viel, viel mehr – gehörten zum gehörten Alltag. Und zumal aus dem Jugendkultursender Ö3 in den 1990er-Jahren endgültig ein Formatradio wurde, war es – nicht nur ob des eigenen Älterwerdens – klar, dass Ö1 die radiophone Heimat war. Und bis heute blieb.

Natürlich hat sich Radio in den letzten 52 Jahren verändert, die Hörgewohnheiten sind andere, Smartphones haben das Informations- und Kommunikationsverhalten (auch das passive) revolutioniert – keineswegs ausschließlich zum Besseren (Achtung: Euphemismus!). Und selbst ein „linea­res Medium“ wie das Radio muss sich den veränderten Bedingungen anpassen – Podcasts oder diesem analoge Angebote „zum Nachhören“ sind längst Teil des Portfolios, das ein Sender seinem Publikum anzubieten hat.

Eine Institution

Aber Hand aufs Herz: Muss man sich all dieses neumodische Zeug antun? Oder hat die gute alte Radiokultur nicht auch einen Charme, den man nicht missen will? Für den eingesessenen Ö1-Hörer gehört die Struktur des Programms dazu. Ja, sie strukturiert jedenfalls in gewisser Weise weiter seinen Alltag: Die „Gedanken für den Tag“ knapp vor sieben Uhr früh als Einstimmung, dann das „Morgenjournal“ – und der Tag beginnt erst so richtig. Oder die „Hörbilder“ am Samstagvormittag, gefolgt vom „Klassik-Treffpunkt“. Oder Sonntagnachmittag vom wirklich herausfordernden Quiz „gehört. gewusst“ über die „Menschenbilder“ und „Ex libris“, das Bücherradio, bis zur Kabarettsendung „Contra“ – und das alles auf einer längeren Autofahrt. Die Zeit im Auto ist überhaupt eine gute Zeit zum Ö1-Hören. Oder spätabends (weil man als Berufstätiger den Ö1-Vormittag versäumt) das „Radio-Kolleg“, das Bildung im besten Wortsinn und ganzheitlich vermittelt. Und dann der Jazz. Oder das Hörspiel am Samstag. Oder natürlich Klassik. Und Weltmusik. Und. Und.

Mischpult - Was Techniker, Journalisten, Künstler und sons­tige fürs Zustandekommen des Programms Beteiligte leisten, macht dieser filmische Blick hinter die Kulissen offenbar. - © Filmladen Filmverleih
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Was Techniker, Journalisten, Künstler und sons­tige fürs Zustandekommen des Programms Beteiligte leisten, macht dieser filmische Blick hinter die Kulissen offenbar.

Ö1 ist eine Institution. Keine Frage. Sie bildet kontinuierlich eine Säule der öffentlich-rechtlichen Legitimation des ORF: Ohne Ö1 täte sich die Anstalt noch schwerer, in der laufenden Gebühren-Diskussion gute Argumente zu einer gesunden finanziellen Basis für das Medienunternehmen zu finden. Außerdem ist Ö1 eine Erfolgsgeschichte: Kein europäischer Kultursender fährt vergleichbare Quoten ein. In der Kernzielgruppe, den über 35-Jährigen, liegt der Höreranteil bei 10,8 Prozent, in Wien sogar bei 13,4 Prozent.

Ein Unikat also: Welches Programm leis­tet sich etwa ein durchkomponiertes Signation-Design. Anlässlich 50 Jahre Ö1 wurde dieses von Christian Muthspiel runderneuert und mit dem RSO-Wien, dem Orches­ter des Senders, eingespielt. Zuvor waren – von 1994 bis 2017 – die komponierten Kennungen von Werner Pirchner on air. Kultur also bis in den letzten Winkel des Programms. Unüberhörbar.
Doch „Erfolg“ ist ein relativer Begriff, Sparmaßnahmen treffen auch Ö1, das kulturelle Aushängeschild des ORF, ins Mark. Das Funkhaus, seit den Anfängen die Heimat von Ö1, soll abgesiedelt werden – auch das Radio kommt auf den Küniglberg, nicht zuletzt, um damit Tri-Medialität – das mehr oder weniger synchrone Bespielen von Radio, Fernsehen und Online – möglich zu machen. Man versteht die Sorge, dass
dies der Identität des Programms zusetzt und beileibe keine Modernisierungsverweigerung darstellt.

Fragen der Identität

„Ö1 ist seit 50 Jahren eine permanente Revolution gegen Kulturlosigkeit und Dummheit, gegen die Geistlosigkeit des Zeitgeists und eine stete Erfrischung gegenüber dem Modern der Moden.“ Solches sprach Robert Menasse in seiner Laudatio zu 50 Jahre Ö1 im Jahr 2017. Dieses Bonmot des Schriftstellers bildet eine zentrale Aussage im „Radiofilm“ „Gehört, Gesehen“, der auf der Diagonale in Graz den Publikumspreis erhielt und nun regulär im Kino anläuft. Eigentlich ein unmögliches Unterfangen, aber die Regisseure Jakob Brossmann („Lampedusa im Winter“) und David Paede führen grandios vor, das Bi-Medialität sehr wohl möglich ist – also über das Medium Radio kann das Medium Film ganz gewiss etwas sagen. Und eine Liebeserklärung an Ö1 stellt „Gehört, Gesehen“ gewiss dar.

Ö1 ist eine permanente Revolution gegen Kulturlosigkeit und Dummheit, gegen Geistlosigkeit des Zeitgeists.

Die Dreharbeiten fanden zwischen 2016 und 2019 statt und nehmen all die dramatischen Stränge auf, die oben genannt wurden und ans Existenzielle des Senders rühren: Die Aussicht, von der nunmehr implodierten Regierung an die Kandare genommen zu werden, oder die Identität ob des Ansinnens, trimedial zu arbeiten, zu verlieren oder ganz einfach kaputtgespart zu werden, ist in den vielen Episoden, die der Film miteinander verwebt, mit Händen zu greifen.
Gleichzeitig erweist sich, dass auch die Radiomacherinnen und Radiomacher von Ö1 in dem, wie sie im Dokumentarfilm gezeigt werden, eine je eigene Liebeserklärung
an ihren Sender parat haben. Und dass sie auch in ihrem eigenen Metier Offenheit nicht nur predigen, sondern auch leben.

Ö1, eine offene Gesellschaft

Die Regisseure hatten Zugang zu unzähligen Sitzungen – Kontroversen und Kopfwäschen inklusive. So darf man zuschauen, wie Ö1-Chef Peter Klein sich den Protest von Ö1-Moderator(inn)en verbittet, auf Social Media gegen die Absetzung ihrer Sendungen zu protestieren. Auch beim Entwickeln neuer Sendungsformate ist der Zuschauer mit dabei. Was Techniker, Journalisten, Künstler und sonstige fürs Zustandekommen des Programms Beteiligte leisten, macht dieser filmische Blick hinter die Kulissen offenbar.
Auf diese Weise wird der Kosmos Ö1 auf der Leinwand sichtbar – wie Hörspiele aufgenommen werden, wie die neuen Sendungs-Signations eingespielt werden. Oder man sieht den damaligen FPÖ-Wahlkämpfer Heinz-Christian Strache, wie er die Inseratenvergabe der Regierung geißelt, eine Politik, der er bekanntlich später nie und nimmer selber frönen wird ...
Man kann sich Ö1, dem Sender, und seinen Macher(inne)n nur nähern, indem man das, was das Land an diesen Programmen hat, hervorhebt und mit jeder Einstellung bekräftigt, wie notwendig öffentlich-rechtlicher Rundfunk für eine offene Gesellschaft ist. Die letzten Tage der Koalitionsregierung Kurz haben diesen Befund ja eindrucksvoll bestätigt.
Die Verbundenheit mit Ö1 ist – für diesen Film, aber auch für den langjährigen Hörer – alles andere als eine bloß nostalgische Anwandlung. Sondern auch ein
(gesellschafts-)politisches Statement – über die jeweilige Sendung hinaus.

Gehört, gesehen - © Nikolaus Geyrhalter Film
© Nikolaus Geyrhalter Film
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Gehört, Gesehen. Ein Radiofilm

A 2019

Regie: Jakob Brossmann, David Paede

Filmladen. 90 Min.