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Eine Jugend in Sacramento

"Die Möglichkeiten von Lady Birds Familie sind bescheiden. Sie wohnen auf der falschen Seite des Bahngleises: Dort sind die armen Leute zu Hause.

Sie will der dumpfen Einöde der kalifornischen Provinz entkommen und verachtet die geordnete Welt, in der sie und die Ihren eben nicht auf die Butterseite gefallen sind."

Eigentlich heißt sie Christine McPherson. Aber sie besteht darauf, Lady Bird genannt zu werden. Und sie besucht die Oberstufe einer katholischen Mädchen-Highschool in Kaliforniens Hauptstadt Sacramento.

Ein pubertierender Fratz, der sich gar schwer tut mit dem Ernst des Lebens, der heraufdräut: Die Bewerbung für ein College will geschrieben sein, es wird wohl kein renommiertes werden, denn die finanziellen Möglichkeiten von Lady Birds Familie sind mehr als bescheiden. Die McPhersons wohnen einfach auf der falschen Seite des Bahngleises: Dort sind die armen Leute zu Hause.

Ausbruch aus konventioneller Welt

Und wenn Lady Bird von einem Verehrer der anderen Seite eingeladen wird, dann rümpfen dessen Eltern doch eher die Nase ob des nicht standesgemäßen Wildfangs, das der Filius da angeschleppt hat.

Dabei ist Ausbruch aus der eigenen konventionellen Welt das, was sich Lady Bird auf die Fahnen geschrieben hat. Ganz im Gegensatz zur Mutter, die als Krankenschwester wesentlich zum Familienunterhalt beiträgt und ihre ganze Sippschaft managt - pragmatisch und visionslos bis zum Gehtnichtmehr.

Der Vater, der mit und für Lady Bird das eiserne Regiment von Mutter lindert (zumeist heimlich), hat seinen Job verloren -und weiß selber nicht wirklich weiter. Aber er deckt und stützt Lady Birds Rebellion, die im Ansinnen besteht, einen Platz in einem College im weit entfernten New York zu ergattern. Ein Ding der Unmöglichkeit, weiß die Mutter. Und auch Schwester Sarah Joan, die Direktorin der Highschool, befindet nach der Lektüre von Lady Birds College-Bewerbung: "Völlig klar: Du liebst Sacramento."

Das Gegenteil ist der Fall, findet Lady Bird. Sie will der dumpfen Einöde der kalifornischen Provinz entkommen und verachtet die wohlgeordnete Welt, in der sie und die Ihren eben nicht auf die Butterseite gefallen sind. Dazu kommen die Verwirrungen des Erwachsenwerdens - erste Liebe und Sex inklusive -, die eine sowieso schon verzweifelt Suchende vollends durcheinanderbringen.

Und dann dieses beständige Mutter-Tochter-Ding, wo die Altvordere viel zu vernünftig ist, um ihren Spross zu verstehen, und die Tochter überhaupt keinen Bock darauf hat, sich mit den gravierenden existenziellen Sorgen der McPhersons auseinanderzusetzen. Coming-of-Age nennt man das, und in der Kinowelt gibt es darüber Filme sonder Zahl.

Dennoch ist "Lady Bird", Greta Gerwigs erster Solo-Ausflug ins Regie-Fach, ein ebenso prototypisches wie exzeptionelles Beispiel für einen genau beobachteten, warmherzigen und lakonischen Zugang zum Erwachsenwerden dieser jungen Dame. Nein, es sei kein autobiografischer Film, beeilte sich Gerwig wiederholt zu betonen, obwohl die Regisseurin selber aus Sacramento stammt, die Tochter einer Krankenschwester ist sowie eine katholische Mädchen-Highschool besuchte -und das auch noch Anfang jener 2000er-Jahre, in denen "Lady Bird" spielt.

Eine Wissende erzählt

Wenn also schon nicht autobiografisch, so kann Greta Gerwig als Wissende diese berührende Geschichte erzählen, die in den USA bei Kritik und Publikum alsbald reüssierte. In fünf Hauptkategorien mischte "Lady Bird" auch bei den diesjährigen Oscars mit; leider reichte es am Ende nicht zu einem Preis, bei den Golden Globes gelang dies aber schon -als "Bester Film/Komödie" und für die "Beste Hauptdarstellerin".

Es ist vor allem das Schauspielensemble, das Lady Bird nachhaltig in Erinnerung halten wird. Die irische Mimin Saoirse Ronan läuft in der Performance der unsteten Lady Bird zu ihrer bisherigen Höchstform auf. Kongenial dazu gibt Laurie Metcalf Lady Birds Mutter und notorische Familienmanagerin. Grandios, wie es Metcalf gelingt, diese dem tagtäglichen Pragmatismus verfallene, materielle wie emotionale Familienerhalterin zu spielen, die ob dieser Herkulesarbeit jedwede subtile Empathie hintanzuhalten scheint, und die sich mit der renitenten Tochter Schreiduelle um Schreiduelle liefert. Aber - nicht nur Gerwigs hier verfilmte Lebenserfahrung zeigt, dass hinter der frustrierenden Alltagsbewältigung doch so etwas wie Liebe stecken könnte.

Bis in die kleinen Rollen ist die Besetzung perfekt -zwei Jungschauspieler fallen einmal mehr auf: Lucas Hedges, im Vorjahr bereits aus dem Coming-of-Age-Kultfilm "Manchester-by-the-Sea" als Jüngling in schwierigen Verhältnissen erinnerlich, gibt hier ein verschüchtertes Reichensöhnchen, das vor seiner Familie die Fassade mit einer Freundin -eben Lady Bird -aufrechtzuerhalten sucht.

Und Timothée Chalamet, der bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen mit der Coming-of-Ageund Coming-Out-Komödie "Call Me by Your Name" in aller Munde war, spielt den mit allen -sexuellen - Wassern gewaschenen gleichaltrigen Womanizer, der von Lady Bird nur das eine will. Und sonst nichts.

Erwachsenwerden ist Menschwerden. Wie die Menschheit seit Urzeiten weiß: eine ganz und hier auch gar komplizierte Sache. Berührend, wie dies Lady Bird anstellt. Und weil man weiß, dass das alles irgendwie funktioniert, passt das Prädikat "Komödie" auf jeden Fall.

Lady Bird USA 2017. Regie: Greta Gerwig. Mit Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Lucas Hedges, Timothée Chalamet, Tracy Letts. Universal. 94 Min.

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