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epicentro - © Stadtkino

"Epicentro": Hubert Saupers Utopie-Suche im Epizentrum

1945 1960 1980 2000 2020

Hubert Saupers filmischer Essay über Kuba zwischen Utopie und Dystopie.

1945 1960 1980 2000 2020

Hubert Saupers filmischer Essay über Kuba zwischen Utopie und Dystopie.

Hubert Sauper, in Frankreich lebender österreichischer Dokumentarfilmer, gehört zu den international Erfolgreichen seines Genres: „Darwin‘s Nightmare“, (2004) sein Öko-Gruselfilm über die Katastrophe, die der Victoriabarsch im Ökosystem des Victoriasees in Ostafrika anrichtete, schrammte knapp am Dokumentarfilm-Oscar vorbei und errang jedenfalls den Europäischen Filmpreis. Seine zehn Jahre später gedrehte Kleinflugzeug-Expedition in den Süd-Sudan kurz vor der Unabhängigkeit „We Come as Friends“ wurde beim Sundance Festival mit dem Preis der Jury prämiert.
Diese Filme zeichneten sich durch drastische Plakativität aus: Was der Kolonialismus der weißen Männer in Afrika anrichtet, war Thema, Differenzierung und Zwischentöne wurden nicht gebraucht oder waren nicht erwünscht. So blieb ein Mix aus Betroffenheit und dem Gefühl, politisch anagitiert zu werden.

Die politische Botschaft von Saupers neuem Dokumentarfilm scheint eine ähnliche Anmutung zu versprechen: In „Epicentro“ nimmt sich der Dokumentarfilmer der lateinamerikanischen Insel Kuba an und blickt auf sie wenige Jahre nach Fidel Castros Tod, aber weiter unter der Herrschaft der einstigen Revoultionäre.

Der Titel leitet sich aus der These des Films ab, dass die kubanische Revolution das Epizentrum des Endes von Sklaverei, Kolonialismus und Globalisierung der Macht darstellte. Also wieder eine Schwarzweißmalerei?

Der Ausgangspunkt jedenfalls ist plausibel. 1898 begann mit dem Spanisch-amerikanischen Krieg der US-Imperialismus, die erste US-Flagge außerhalb der USA wurde da auf Kuba gehisst. In diesem Krieg wurde vor Havanna das US-Schiff Maine versenkt – und in jenem Jahr begann auch die Weltrevolution der Bilder durch das Kino.
Diese historischen Ereignisse nimmt Sauper zum Ausgangspunkt, um durch Kuba zu fahren und Menschen über ihre Sicht auf die revolutionäre Geschichte und die Zukunft zu befragen. Ein Panorama zwischen Morbidität und leiser Zukunftshoffnung, in der auch die „neueren“ Player wie die Touristen, die das Land ob ihrer Devisen gern sieht, kritisch unter die Lupe genommen werden.

Immer wieder lässt Sauper die Kinder Kubas auf seiner filmische Reise zu Wort kommen. Und er nimmt das Land über dessen – vergessene wie reale – Utopien in den Blick: Auf diese Weise entkommt er der Gefahr des politischen Holzhammers und nähert sich dem karibischen Inselstaat auf eine melancholische wie ironische Weise: Er habe bei „Epicentro“ versucht, die kubanische Gesellschaft als Fallstudie zwischen Utopie und Dystopie in den Blick zu nehmen, sagt Sauper über seinen Film. Das ist ihm durchaus gelungen.

Beim Sundance Festival wurde „Epicentro“ mit dem großen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet , und auf der Viennale 2020 gab es den Winer Filmpreis. Ein halbes Jahr und einige Lockdowns später kann dieser leichte und reife Film nun auch in die heimischen Kinos kommen. Und – natürlich: Auch im Programm der Diagonale ist „Epicentro“ zu finden.

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