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Film

Ganz und gar männliche Unzulänglichkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Kolonialismus, patriarchale Gesellschaft -all dem entkommt dieser spanische Held in "Zama", dem neuen Film der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel, nicht. In vielerlei Hinsicht ein Meisterwerk.

1945 1960 1980 2000 2020

Kolonialismus, patriarchale Gesellschaft -all dem entkommt dieser spanische Held in "Zama", dem neuen Film der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel, nicht. In vielerlei Hinsicht ein Meisterwerk.

In der ersten Szene des neuen Films "Zama" der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel steht Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) an einem Strand und blickt hinaus aufs ruhige Meer. Martel zeigt ihn in einer Totalen und im Profil, im Hintergrund schemenhafte Gestalten, gedämpfte Stimmen, flüchtiges Beiwerk für einen Moment, in dem Zama wirkt, als hätte er gerade etwas erlegt. Seine Kleidung verrät als Zeit spätes 18. Jahrhundert und evoziert ikonische Assoziationen zu George Washington. Das ist kein Zufall, das ist Tragik, das ist Ironie. Die Ruhe dieses Moments ist trügerisch, die Noblesse dieses Mannes ebenso, die glatte Wasseroberfläche auch. Jedes Gesicht, jeder Körper, jede Interaktion, jeder Raum ist in "Zama" von der Ideologie und der Gewalt des Kolonialismus durchsetzt, und dieser Film nimmt nicht die Perspektive der Unterdrückten ein.

Es ist die Geschichte von Don Diego de Zama, ein spanischer Abgesandter hohen militärischen Ranges, der eine nicht definierte Aufgabe erfüllt hat und nun an jenem -von Martel nicht näher bestimmten -Ort in den "Americas" auf die Durchführung der ihm angekündigten Versetzung (im Spanischen: "traslado", wörtlich: "hin zur anderen Seite") wartet.

Die Versetzung kommt 25 Jahre lang nicht, und der Film bewegt sich fließend und atmosphärisch entrückt zwischen Versatzstücken einer diese Zeitdauer umspannenden Erzählung. Martel basiert diese auf dem gepriesenen, 1956 erschienenen und erst kürzlich ins Englische übersetzten Roman "Zama" von Antonio di Benedetto. Ihre elliptische Erzählstruktur ist elegant pointiert und gibt bestimmten Sequenzen gezielt Raum, in voller Detailwucht zu wirken. Ein Aufeinandertreffen einer Gruppe Einheimischer mit den Eindringlingen etwa inszeniert Martel derart fantastisch - in doppeltem Wortsinn -, dass einem ob des Widerspruchs der Schönheit dieser Szene und ihrer immanenten Brutalität fast der Atem stockt.

Vergangenheit -Gegenwart -Zukunft

Widerspruch und fließende Transzendenz sind die bestimmenden Elemente in diesem Film: Eine Vergangenheit, die man als Zuseher bereits rekonstruieren kann, die Don Diego de Zama aber als Gegenwart erlebt und als eine Zukunft nur ahnen kann.

Unterfüttert mit einem Sounddesign, das Gespräche, einzelne Sätze, ganze Szenen ihrer sicheren Verortung enthebt, verunsichert Martel die Zuseher, vor allem aber den Protagonisten Zama: Realität oder Traum? Innerer Monolog oder Drohung? Zuspruch oder Ächtung? Zama verzweifelt während seines Wartens zusehends und verliert die Orientierung. Ihm sind trotz seiner beruflichen Stellung die Hände gebunden; er ist in einem seelenzerstörenden Limbo gefangen. Ein gebrochener Mann, notdürftig zusammengehalten von einer politischen Ideologie, einer dürftigen Perücke unter einem großen Hut. So wird er zum Platzhalter für Machtstrukturen - und deren Dysfunktionalität.

Als männliche Hauptfigur ist Zama in Hinblick auf Martels bisherige Filme zudem doppelt politisch bedeutend: In ihrer sogenannten "Salta Trilogie" stehen jeweils Frauen im Mittelpunkt, ein Kind in "Der Morast" (2001), eine Jugendliche in "Das heilige Mädchen"(2004) und eine Frau mittleren Alters aus der Bourgeoise in "Die Frau ohne Kopf" (2008). Martel positioniert diese Frauen mit ihren ähnlich doppelbödigen und ambivalenten Geschichten entlang einer Post-Diktaturen-Zeitachse in den 1970er-,80er-,90er-Jahren und jeweils im Kontrast zu einem Patriarchat, das trotz aller (bewusster oder unbewusster) Gegenwehr bestehen bleibt.

Don Diego de Zama ist kein gewaltloses Wesen, leidet aber stets am meisten selbst unter dieser "moralischen Verfehlung", als wäre er ein Märtyrer. Seine Täter-Opfer-Umkehr bietet Martel Gelegenheit, Zama auch ironisch zu subvertieren: Ein banales Lama triumphiert in einer Szene über Zama, der männlichen Unzulänglichkeit auf zwei Beinen.

In der ersten Szene des neuen Films "Zama" der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel steht Don Diego de Zama (Daniel Giménez Cacho) an einem Strand und blickt hinaus aufs ruhige Meer. Martel zeigt ihn in einer Totalen und im Profil, im Hintergrund schemenhafte Gestalten, gedämpfte Stimmen, flüchtiges Beiwerk für einen Moment, in dem Zama wirkt, als hätte er gerade etwas erlegt. Seine Kleidung verrät als Zeit spätes 18. Jahrhundert und evoziert ikonische Assoziationen zu George Washington. Das ist kein Zufall, das ist Tragik, das ist Ironie. Die Ruhe dieses Moments ist trügerisch, die Noblesse dieses Mannes ebenso, die glatte Wasseroberfläche auch. Jedes Gesicht, jeder Körper, jede Interaktion, jeder Raum ist in "Zama" von der Ideologie und der Gewalt des Kolonialismus durchsetzt, und dieser Film nimmt nicht die Perspektive der Unterdrückten ein.

Es ist die Geschichte von Don Diego de Zama, ein spanischer Abgesandter hohen militärischen Ranges, der eine nicht definierte Aufgabe erfüllt hat und nun an jenem -von Martel nicht näher bestimmten -Ort in den "Americas" auf die Durchführung der ihm angekündigten Versetzung (im Spanischen: "traslado", wörtlich: "hin zur anderen Seite") wartet.

Die Versetzung kommt 25 Jahre lang nicht, und der Film bewegt sich fließend und atmosphärisch entrückt zwischen Versatzstücken einer diese Zeitdauer umspannenden Erzählung. Martel basiert diese auf dem gepriesenen, 1956 erschienenen und erst kürzlich ins Englische übersetzten Roman "Zama" von Antonio di Benedetto. Ihre elliptische Erzählstruktur ist elegant pointiert und gibt bestimmten Sequenzen gezielt Raum, in voller Detailwucht zu wirken. Ein Aufeinandertreffen einer Gruppe Einheimischer mit den Eindringlingen etwa inszeniert Martel derart fantastisch - in doppeltem Wortsinn -, dass einem ob des Widerspruchs der Schönheit dieser Szene und ihrer immanenten Brutalität fast der Atem stockt.

Vergangenheit -Gegenwart -Zukunft

Widerspruch und fließende Transzendenz sind die bestimmenden Elemente in diesem Film: Eine Vergangenheit, die man als Zuseher bereits rekonstruieren kann, die Don Diego de Zama aber als Gegenwart erlebt und als eine Zukunft nur ahnen kann.

Unterfüttert mit einem Sounddesign, das Gespräche, einzelne Sätze, ganze Szenen ihrer sicheren Verortung enthebt, verunsichert Martel die Zuseher, vor allem aber den Protagonisten Zama: Realität oder Traum? Innerer Monolog oder Drohung? Zuspruch oder Ächtung? Zama verzweifelt während seines Wartens zusehends und verliert die Orientierung. Ihm sind trotz seiner beruflichen Stellung die Hände gebunden; er ist in einem seelenzerstörenden Limbo gefangen. Ein gebrochener Mann, notdürftig zusammengehalten von einer politischen Ideologie, einer dürftigen Perücke unter einem großen Hut. So wird er zum Platzhalter für Machtstrukturen - und deren Dysfunktionalität.

Als männliche Hauptfigur ist Zama in Hinblick auf Martels bisherige Filme zudem doppelt politisch bedeutend: In ihrer sogenannten "Salta Trilogie" stehen jeweils Frauen im Mittelpunkt, ein Kind in "Der Morast" (2001), eine Jugendliche in "Das heilige Mädchen"(2004) und eine Frau mittleren Alters aus der Bourgeoise in "Die Frau ohne Kopf" (2008). Martel positioniert diese Frauen mit ihren ähnlich doppelbödigen und ambivalenten Geschichten entlang einer Post-Diktaturen-Zeitachse in den 1970er-,80er-,90er-Jahren und jeweils im Kontrast zu einem Patriarchat, das trotz aller (bewusster oder unbewusster) Gegenwehr bestehen bleibt.

Don Diego de Zama ist kein gewaltloses Wesen, leidet aber stets am meisten selbst unter dieser "moralischen Verfehlung", als wäre er ein Märtyrer. Seine Täter-Opfer-Umkehr bietet Martel Gelegenheit, Zama auch ironisch zu subvertieren: Ein banales Lama triumphiert in einer Szene über Zama, der männlichen Unzulänglichkeit auf zwei Beinen.