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Film

Gegen die Schamgrenzen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Tom Tykwer und seine Jury machten klar, nicht nur Filme auszeichnen zu wollen, die zeigten,'was das Kino kann', sondern auch solche, die erahnen ließen,'wohin das Kino noch gehen könnte'.

Eigentlich lagen die Gewinner auf der Hand: Vier deutsche Filme im Wettbewerb taten sich derart hervor, dass man denken musste: Daran kommt die Jury rund um Regisseur Tom Tykwer nicht vorbei. Doch es kam alles anders. Die deutschen Beiträge, darunter der erstklassige "Transit" von Christian Petzold und die gefällige Romy-Schneider-Verehrung "3 Tage in Quiberon", gingen allesamt leer aus bei dieser 68. Berlinale.

Hätte man indes in einem Wettbüro 100 Euro auf "Touch Me Not" der 38-jährigen Rumänin Adina Pintilie gesetzt, man wäre jetzt reich. Niemand hatte ihren Debütfilm auf der Rechnung für den Goldenen Bären, den sie am Samstagabend erhielt. Und dabei zuvor schon überglücklich war, als man ihr den Preis für das beste Filmdebüt zugestand. Pintilie konnte selbst kaum glauben, was da vor sich ging.

"Touch Me Not" ist eigentlich kein Spielfilm im klassischen Sinne, sondern mehr eine Versuchsanordnung, oder besser: fast schon ein klinischer Laborversuch. In einer ebenso kühlen wie sterilen, weißen Umgebung lässt Pintilie ihre Protagonisten vom Berühren und Nicht-Berühren sprechen; es geht um Menschen, die Angst vor Berührungen haben, die ihre Schamgrenzen überwinden oder nicht zulassen, Außenseiter zu sein. So erzählt etwa ein an Muskelatrophie leidender Mann, dass der Begriff "Leiden" nicht auf ihn zutreffe. Stattdessen sieht er sich als wahren Sexkünstler. Eine Frau, der Berührungen Schmerzen verursachen, sieht einem Callboy beim Masturbieren zu; in wieder einer anderen Szene wird eine transsexuelle Sexarbeiterin vorgestellt.

Goldener Bär -ein Minderheitenprogramm

Manchmal essayistisch, manchmal dokumentarisch verwebt die Regisseurin ihre Beobachtungen zu einem spröden Film über unsere Vorstellungen von Scham und unsere Schönheitsideale. Ein großes Publikum dürfte dieser Film jedoch kaum erreichen, wie auch die übrigen Preisträger nicht, mit Ausnahme vielleicht von Wes Andersons Stop-Motion-Animatonsfilm "The Isle of Dogs", der das Festival eröffnet hatte und am Ende mit dem Regiepreis vom Feld ging.

Zweifach prämiert wurde "Las Herederas" aus Paraguay. Regisseur Marcelo Martinessi erzählt von einer Frau und ihrer Lebensgefährtin, die vor dem Nichts stehen, auch, weil das Land um sie herum, ihre Heimat, praktisch führungslos in eine ungewisse Zukunft steuert. Die Jury prämierte den Regisseur mit dem Alfred-Bauer-Preis, der an zukunftsweisende Filme vergeben wird, und die Hauptdarstellerin Ana Brun, die ihre erste Filmrolle überhaupt spielt und völlig überrascht war. Ebenso wie der Preisträger des Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung: Da stand nicht der favorisierte Deutsche Franz Rogowski auf dem Treppchen, sondern der junge Franzose Anthony Bajon, der in Cédric Kahns "La prière" einen Drogensüchtigen spielt, der sein Heil im Glauben sucht und findet.

Polnische Kirchensatire und mehr

Nicht weniger überrascht war die Polin Małgorzata Szumowska, als sie den Preis der Jury erhielt; ihre Provinzsatire "Twarz" handelt von einem Heavy-Metal-Fan, der sich mit der katholischen Kirche anlegt, all das vorgetragen mit viel Gespür für Humor. Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios holte für seinen Verbrecherfilm "Museo" gemeinsam mit Manuel Alcalá den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann durfte sich über den Glashütte-Original-Dokumentarfilmpreis für "Waldheims Walzer" über den Wahlkampf von Kurt Waldheim freuen.

Tom Tykwer und seine Jury hatten bereits am Beginn der Preisverleihung klar gemacht, dass man nicht nur Filme auszeichnen wolle, die zeigten, "was das Kino kann", sondern auch solche, die erahnen ließen, "wohin das Kino noch gehen könnte". Die Berlinale konzentrierte sich auf genau das, was wirklich zählt im Kino: auf die Filme. Adina Pintilie ist übrigens bereits die fünfte Frau, die einen Goldenen Bären gewinnt. Auch im Vorjahr ging er an eine Frau, an Ildikó Enyedi, für "Körper und Seele".

Da ist die Berlinale den anderen großen Filmfestivals einen gewaltigen Schritt voraus.

Tom Tykwer und seine Jury machten klar, nicht nur Filme auszeichnen zu wollen, die zeigten,'was das Kino kann', sondern auch solche, die erahnen ließen,'wohin das Kino noch gehen könnte'.

Eigentlich lagen die Gewinner auf der Hand: Vier deutsche Filme im Wettbewerb taten sich derart hervor, dass man denken musste: Daran kommt die Jury rund um Regisseur Tom Tykwer nicht vorbei. Doch es kam alles anders. Die deutschen Beiträge, darunter der erstklassige "Transit" von Christian Petzold und die gefällige Romy-Schneider-Verehrung "3 Tage in Quiberon", gingen allesamt leer aus bei dieser 68. Berlinale.

Hätte man indes in einem Wettbüro 100 Euro auf "Touch Me Not" der 38-jährigen Rumänin Adina Pintilie gesetzt, man wäre jetzt reich. Niemand hatte ihren Debütfilm auf der Rechnung für den Goldenen Bären, den sie am Samstagabend erhielt. Und dabei zuvor schon überglücklich war, als man ihr den Preis für das beste Filmdebüt zugestand. Pintilie konnte selbst kaum glauben, was da vor sich ging.

"Touch Me Not" ist eigentlich kein Spielfilm im klassischen Sinne, sondern mehr eine Versuchsanordnung, oder besser: fast schon ein klinischer Laborversuch. In einer ebenso kühlen wie sterilen, weißen Umgebung lässt Pintilie ihre Protagonisten vom Berühren und Nicht-Berühren sprechen; es geht um Menschen, die Angst vor Berührungen haben, die ihre Schamgrenzen überwinden oder nicht zulassen, Außenseiter zu sein. So erzählt etwa ein an Muskelatrophie leidender Mann, dass der Begriff "Leiden" nicht auf ihn zutreffe. Stattdessen sieht er sich als wahren Sexkünstler. Eine Frau, der Berührungen Schmerzen verursachen, sieht einem Callboy beim Masturbieren zu; in wieder einer anderen Szene wird eine transsexuelle Sexarbeiterin vorgestellt.

Goldener Bär -ein Minderheitenprogramm

Manchmal essayistisch, manchmal dokumentarisch verwebt die Regisseurin ihre Beobachtungen zu einem spröden Film über unsere Vorstellungen von Scham und unsere Schönheitsideale. Ein großes Publikum dürfte dieser Film jedoch kaum erreichen, wie auch die übrigen Preisträger nicht, mit Ausnahme vielleicht von Wes Andersons Stop-Motion-Animatonsfilm "The Isle of Dogs", der das Festival eröffnet hatte und am Ende mit dem Regiepreis vom Feld ging.

Zweifach prämiert wurde "Las Herederas" aus Paraguay. Regisseur Marcelo Martinessi erzählt von einer Frau und ihrer Lebensgefährtin, die vor dem Nichts stehen, auch, weil das Land um sie herum, ihre Heimat, praktisch führungslos in eine ungewisse Zukunft steuert. Die Jury prämierte den Regisseur mit dem Alfred-Bauer-Preis, der an zukunftsweisende Filme vergeben wird, und die Hauptdarstellerin Ana Brun, die ihre erste Filmrolle überhaupt spielt und völlig überrascht war. Ebenso wie der Preisträger des Silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung: Da stand nicht der favorisierte Deutsche Franz Rogowski auf dem Treppchen, sondern der junge Franzose Anthony Bajon, der in Cédric Kahns "La prière" einen Drogensüchtigen spielt, der sein Heil im Glauben sucht und findet.

Polnische Kirchensatire und mehr

Nicht weniger überrascht war die Polin Małgorzata Szumowska, als sie den Preis der Jury erhielt; ihre Provinzsatire "Twarz" handelt von einem Heavy-Metal-Fan, der sich mit der katholischen Kirche anlegt, all das vorgetragen mit viel Gespür für Humor. Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios holte für seinen Verbrecherfilm "Museo" gemeinsam mit Manuel Alcalá den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann durfte sich über den Glashütte-Original-Dokumentarfilmpreis für "Waldheims Walzer" über den Wahlkampf von Kurt Waldheim freuen.

Tom Tykwer und seine Jury hatten bereits am Beginn der Preisverleihung klar gemacht, dass man nicht nur Filme auszeichnen wolle, die zeigten, "was das Kino kann", sondern auch solche, die erahnen ließen, "wohin das Kino noch gehen könnte". Die Berlinale konzentrierte sich auf genau das, was wirklich zählt im Kino: auf die Filme. Adina Pintilie ist übrigens bereits die fünfte Frau, die einen Goldenen Bären gewinnt. Auch im Vorjahr ging er an eine Frau, an Ildikó Enyedi, für "Körper und Seele".

Da ist die Berlinale den anderen großen Filmfestivals einen gewaltigen Schritt voraus.