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George Miller: „In Alithea ist viel von mir“

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Der australische Regisseur über seine schwarze Fantasykomödie „Three Thousand Years of Longing“ mit Idris Elba und Tilda Swinton.

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Der australische Regisseur über seine schwarze Fantasykomödie „Three Thousand Years of Longing“ mit Idris Elba und Tilda Swinton.

Alithea Binnie (Tilda Swinton) ist eine Gelehrte, die nach Istanbul kommt, um einen Vortrag zu halten. Dort kauft sie in einem Geschäft eine blau-weiße Vase und reinigt sie im Hotel mit ihrer Zahnbürste. Heraus kommt plötzlich ein riesiger Flaschengeist (Idris Elba), der verspricht, ihr drei Wünsche zu erfüllen, was auch immer ihr Herz begehrt. Zuerst schließt sie ihre Augen und hofft, dass sie bloß träumt, aber sie erkennt bald, dass dieser Flaschengeist ganz real ist. Und auch die Wünsche, die sie offenbart, sind real.

Aber alles läuft freilich ein wenig aus dem Ruder in dieser schwarzen Fantasykomödie von George Miller, der mit „Three Thousand Years of Longing“ seinen ersten Film seit „Mad Max: Fury Road“ vorlegt. Es geht hier zwar weniger laut und dröhnend zu, aber keinesfalls unspektakulärer. Sondern sehr fantasiereich, bildgewaltig und mit großen Schauwerten.

DIE FURCHE: Mr. Miller, Ihr Film basiert auf A. S. Byatts Kurzgeschichte „The Djinn in the Nightingale’s Eye“ und ist eine Hommage an die Freuden des Erzählens und daran, der Fantasie freien Lauf zu lassen.
George Miller:
Das sehe ich genauso. Die Geschichte ist sehr kurz, beinhaltet aber dennoch einen großen Ideenreichtum, den ich unbedingt für diesen Film in epischer Breite ausrollen wollte. Ich weiß nicht, warum, aber ich fühlte mich zu der Story gleich hingezogen. Manchmal kann man das nicht sofort benennen, was es ist. Es schien um viele Dinge zu gehen, um die es in den meisten großen Geschichten geht, um Liebe, Sterblichkeit, Verlangen. Ich habe diesen Film auch deshalb gemacht, weil sich die Art und Weise, wie wir heute Geschichten erzählen, gerade dramatisch verändert. Das hat vor allem mit den sozialen Medien zu tun. Es gibt Filme, und es gibt Bücher, und dann gibt es soziale Medien. Dort werden Inhalte in wenigen Sekunden verdichtet wiedergegeben. Das bedeutet, dass sich die Erzählrhythmen entsprechend verändern. Auch die Orte, wo die Menschen Filme konsumieren, verändern sich stark. Anstatt auf eine Leinwand zu schauen, starren sie auf kleine Handybildschirme und ihre Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Und wenn die Leute nicht in der Lage sind, die Menge an Details aufzunehmen, die sie brauchen, um einer Geschichte über 90 Minuten oder länger zu folgen, dann werden wir in Schwierigkeiten geraten. Für Details gibt es in den sozialen Medien und unter den neuen Sehgewohnheiten keinen Platz mehr.

DIE FURCHE: Sie hingegen sind ein Verfechter der ausgedehnten Erzählform.
Miller:
Das stimmt, ich will eher weniger am Hype in sozialen Medien partizipieren. Ich liebe Geschichten, wenn sie ausführlich und episch sind, so wie jene in diesem Film. Manche Storys entfernen dich von dir selbst, manche führen dich zu dir. Mir sind erstere manchmal lieber, weil sie dir eine Pause von dir selbst gönnen. Das ist oftmals ganz gesund, denke ich. DIE FURCHE: Der magische Realismus im Film entwickelt sich stetig, wird aber nie zu einem Klischee. Wie haben Sie daran gearbeitet, die Balance, die da nötig ist, zu halten? Miller: Wichtig war, uns zu vergegenwärtigen, dass die Menschen umso fantastischere Geschichten erzählen, je länger sie her sind. Denn in vielen Kulturen wurden lange biblische oder religiöse Geschichten erzählt, aber niemand war da, um sie aufzuzeichnen, und wir sind uns nicht einmal sicher, welche dieser Geschichten wahr sind. Da spielt dann die Fantasie der Menschen eine große Rolle. Die sollte nicht mit uns durchgehen. Sonst wären Klischees entstanden. DIE FURCHE: Wie viel bringen Sie von Ihrer eigenen Persönlichkeit ein, wenn Sie eine Geschichte wie die von Alithea und dem Flaschengeist adaptieren? Miller: In der Figur von Alithea steckt viel von mir. Wahrscheinlich bin ich auch deshalb so fasziniert von der Geschichte gewesen, weil ich darin etwas erkannte, was mir nahe war. Zudem regte das Setting meine Fantasie enorm an: Hier war eine Geschichte, die im Wesentlichen ein Gespräch zwischen zwei Figuren in einem Hotelzimmer in Istanbul war, und das Gespräch dauert etwa 70 Minuten. Aber die Geschichten, die sie sich erzählten, umfassten 3000 Jahre. Da war also schon dieses Paradoxon eingebaut, nach dem ich beim Filmemachen immer suche.

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