Familienfoto - Dysfunktionalitäten im Familienverband und am laufendem Band (Bild: Vanessa Paradis als Gabrielle) - © Thimfilm
Film

Gescheitert – nicht intellektuell, aber emotional

1945 1960 1980 2000 2020
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Familienzeitrechnungen messen sich nur bedingt in Jahren. Eher lassen sie sich nach Emotionen begreifen. Ein gutes Beispiel dazu findet sich in der französischen Dramödie „Das Familienfoto“, wo die längst erwachsenen Kinder von „vor dem großen Knall“ sprechen.
Was genau damals geschah ist für Cécilia Rouauds Film irrelevant, wichtig nur, dass die folgende Scheidung noch heute nachwirkt. Alle stecken sie in ihrer persönlichen Sackgasse fest. Elsa (Camille Cottin) etwa hat sich in einen bislang unerfüllten Kinderwunsch verrannt. Ihre Schwester Gabrielle (Vanessa Paradis) hat zwar einen Sohn, doch heißt Stabilität in ihrem Fall, dass sie ihr Auskommen als lebende Statue am Seine-Ufer verdient.
Nominell erfolgreich wäre Mao (Pierre Deladonchamps), der Bruder. Den Spieleentwickler zerfressen jedoch trübe Gedanken, die er bei der Psychoanalyse, beim Spazieren an Abgründen entlang und Entwerfen von Todes-Diagrammen pflegt. Die Eltern steuern weitere, eigene Dysfunktionalitäten bei, als man doch wieder im Verband gefordert ist, denn nach dem Begräbnis des Großvaters braucht Oma Fürsorge. Der Wunsch der betagten, dementen Frau, zum Sterben ins Haus nach Saint-Julien zu fahren, wühlt die Kinder auf: Vor der familiären Zeitenwende verbrachten sie dort gemeinsam unbeschwerte Tage. Über die eigentliche Bedeutung von Cat Stevens’ Trennungslied „Wild World“, das einem hier als Refrain einer Sehnsucht nach alter Unschuld aufgetischt wird, darf
man nicht zu viel nachdenken.


Wenn „Das Familienfoto“ scheitert, dann aber nicht auf intellektueller, sondern auf emotionaler Ebene. Jede seiner verkorksten Figuren ist gedanklich nachvollziehbar. Es mangelt auch nicht an Beobachtungen, die ausbaufähig wären, zum Beispiel der schwierige Stand der neuen, jüngeren Partnerin des Vaters. Sich mit ihnen allen zu identifizieren fällt dennoch schwer, denn irgendein entfremdendes oder sanft verstörendes Element steht dem zumeist im Weg. Wie oft im französischen Film erstickt auch hier die ausgefeilte Komplexität des Drehbuchs die potenzielle Wirkung einer Geschichte. Mäßig beseelt mag diese sein, vor allem dank ihrer Schauspieler, zu weiteren Kunststücken reicht es jedoch nicht.

Familienzeitrechnungen messen sich nur bedingt in Jahren. Eher lassen sie sich nach Emotionen begreifen. Ein gutes Beispiel dazu findet sich in der französischen Dramödie „Das Familienfoto“, wo die längst erwachsenen Kinder von „vor dem großen Knall“ sprechen.
Was genau damals geschah ist für Cécilia Rouauds Film irrelevant, wichtig nur, dass die folgende Scheidung noch heute nachwirkt. Alle stecken sie in ihrer persönlichen Sackgasse fest. Elsa (Camille Cottin) etwa hat sich in einen bislang unerfüllten Kinderwunsch verrannt. Ihre Schwester Gabrielle (Vanessa Paradis) hat zwar einen Sohn, doch heißt Stabilität in ihrem Fall, dass sie ihr Auskommen als lebende Statue am Seine-Ufer verdient.
Nominell erfolgreich wäre Mao (Pierre Deladonchamps), der Bruder. Den Spieleentwickler zerfressen jedoch trübe Gedanken, die er bei der Psychoanalyse, beim Spazieren an Abgründen entlang und Entwerfen von Todes-Diagrammen pflegt. Die Eltern steuern weitere, eigene Dysfunktionalitäten bei, als man doch wieder im Verband gefordert ist, denn nach dem Begräbnis des Großvaters braucht Oma Fürsorge. Der Wunsch der betagten, dementen Frau, zum Sterben ins Haus nach Saint-Julien zu fahren, wühlt die Kinder auf: Vor der familiären Zeitenwende verbrachten sie dort gemeinsam unbeschwerte Tage. Über die eigentliche Bedeutung von Cat Stevens’ Trennungslied „Wild World“, das einem hier als Refrain einer Sehnsucht nach alter Unschuld aufgetischt wird, darf
man nicht zu viel nachdenken.


Wenn „Das Familienfoto“ scheitert, dann aber nicht auf intellektueller, sondern auf emotionaler Ebene. Jede seiner verkorksten Figuren ist gedanklich nachvollziehbar. Es mangelt auch nicht an Beobachtungen, die ausbaufähig wären, zum Beispiel der schwierige Stand der neuen, jüngeren Partnerin des Vaters. Sich mit ihnen allen zu identifizieren fällt dennoch schwer, denn irgendein entfremdendes oder sanft verstörendes Element steht dem zumeist im Weg. Wie oft im französischen Film erstickt auch hier die ausgefeilte Komplexität des Drehbuchs die potenzielle Wirkung einer Geschichte. Mäßig beseelt mag diese sein, vor allem dank ihrer Schauspieler, zu weiteren Kunststücken reicht es jedoch nicht.

Das Familienfoto (Photo de famille) F 2018. Regie: Cécilia Rouaud. Mit Vanessa Paradis, Camille Cottin, Pierre Deladonchamps. Thimfilm. 98 Min